Auf Schlittschuhen durch den Garten

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Die Vorbereitungen laufen: Die Schlittschuhe werden geschnürt. (Fotos: Kilian Pfeiffer)

Schönau am Königssee – Mit Eishockey und Eiskunstlauf hatten Michael Stähler und Ehefrau Regina nie viel am Hut. Bis ihre Kinder Eva und Kilian das Eis für sich entdeckten. »Ihr Bewegungsdrang ist enorm«, sagt Vater Michael. Weil Sport in der Eishalle nicht mehr möglich ist und Home-schooling nicht gerade Bewegung fördert, hatte der 34-Jährige eine Idee: Nach nächtelanger Recherche im Internet baute er im eigenen Garten eine ganz besondere Eisfläche.


Das Plätzchen, das Michael Stähler ausgesucht hat, ist gut gewählt. Im hauseigenen, rückwärtigen Garten, hat die Sonne im Winter nur wenig Möglichkeiten: »Maximal zwei Stunden scheint sie hier«, sagt Michael Stähler. Das Gute ist: Ein Ausläufer des Grünsteins mit angrenzendem Wald schluckt die Sonnenstrahlen, die für sein Vorhaben suboptimal wären. Es ist also die optimale Ausgangslage.

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Stähler ist zweiter Jugendwart beim EV Berchtesgaden. »EV« steht für Eislaufverein. Selbst ist der Schönauer nie gelaufen. »Mit Eis hatte ich nichts zu tun«, sagt er. Wenn da nicht der zwölfjährige Kilian und die zehnjährige Eva wären. Seitdem Kilian fünf Jahre alt ist, steht er auf dem Eis. Er hat schnell Freude am Eishockey gefunden. An den Füßen sitzen fest verschnürt die Schlittschuhe. Mit den Händen umfasst er einen Eishockey-Schläger. Der Puck liegt schussbereit. Eva, Kilians jüngere Schwester, ist vor drei Jahren das erste Mal auf dem Eis gestanden. Eishockey hatte sie zuvor zwar ausprobiert, am Ende hat ihr der Eiskunstlauf dann aber besser gefallen.

Freude auf dem Eis

Die beiden Geschwister sind jedes Jahr aufs Neue Feuer und Flamme für den eisigen Untergrund. In Vor-Corona-Zeiten standen sie zwei- bis dreimal pro Woche in der Berchtesgadener Eishalle, die nun, in Zeiten des Lockdowns, keine Trainingsfläche vorzuweisen hat. Für die Kinder sind dies trostlose Zeiten. Im Fernsehen laufen Fußballer über den Platz, rasen Skifahrer den Hang hinab. Den Jungspunden ohne Profiambition fehlt sie aber, die Möglichkeit, sich sportlich auszutoben. »Für die Kinder ist das keine gute Situation. Es war absehbar, dass die Eishalle irgendwann schließen würde«, sagt Vater Michael. Ein einziges Freundschaftsspiel hatte der zwölfjährige Kilian im vergangenen Jahr. Er spielt in der U 13-Mannschaft. Weil Nachwuchsspieler dieser Altersklasse rar sind, haben sich die Berchtesgadener mit den Inzellern zusammengeschlossen, stehen als Spielgemeinschaft EV Berchtesgaden/DEC Inzell auf dem Platz. Wenn sie denn dürften. Ein ähnliches Bild bei Tochter Eva. Die Zehnjährige ist auf dem Eis eine kleine Künstlerin. Mit viel Eifer schnürt sie sich die Schlittschuhe an den Fuß.

Eis im Garten

Eine eigene Eisfläche im Garten, das wär doch was, hatte sich Michael Stähler gedacht, als seine Kinder keine Möglichkeit mehr hatten, ihren Hobbys nachzugehen. Neidisch hatte der Mittdreißiger nach Übersee geblickt, in die Vereinigten Staaten und nach Kanada, dort, wo Eishockey Volkssport ist, die Bedingungen gut sind, der Boden dank des Frosts mancherorts von Haus aus gefroren ist. »Dort drüben ist es Gang und Gäbe, im Garten einen Eisplatz zu haben«, sagt Michael Stähler. Warum also nicht auch »bei uns, für die eigenen Kinder«, hat er sich gedacht, den PC angeschmissen und erst mal YouTube gestartet. »Ich habe unzählige Videos angesehen«, sagt er. Filmchen über Menschen, denen das eigene Eishockey-Feld, das selbst gemachte Eiskunstlauf-Areal bereits gelungen ist.

»Ich habe einige Selbstbau-Anleitungen studiert«, sagt Stähler, dann Holz beschafft und daraus einen acht mal vier Meter großen Rahmen geformt. Mithilfe von Teichfolie hat er das Konstrukt ausgekleidet und wasserdicht gemacht, dann mehrere Kubikmeter Wasser in das künftige Eisfeld gefüllt.

Stählers Garten ist nicht ganz eben, was die Sache deutlich erschwerte, wie er mit einem Lächeln hinzufügt.

Kalte Nächte

Das Bauen liegt bereits eineinhalb Monate zurück. Erst Anfang des Jahres, etliche Warm- und Kaltphasen dazwischen, war der Untergrund gefroren, das Eis dick genug, um bearbeitet werden zu können. »Es brauchte mehrere Tage in Folge mit Temperaturen um die minus zehn Grad, damit das Wasser zu Eis friert.« Mittlerweile ist die Schicht bis zu 17 Zentimeter dick, zumindest dort, wo der Garten leicht abschüssig ist.

Kilian und Eva freuen sich über die 32 Quadratmeter Eisfläche, die Papa Michael regelmäßig bearbeitet, wenn die Risse zu tief sind. Dann füllt er Wasser auf den eisigen Untergrund, füllt damit Kerben und Schlitze, zieht die Fläche ab und ebnet damit das Eisfeld. »Wir gehen jeden Tag vor Schulbeginn aufs Eis«, bestätigt Kilian. Meist ist es dann noch finster, aber auch da hat der Vater vorgesorgt und einen Strahler am Balkon installiert. Im Licht des Scheinwerfers lässt es sich super üben, sind sich die Geschwister sicher. Eva trainiert dann meist leichte Figuren für den Eiskunstlauf, Kilian hievt sein Mini-Tor aufs Eis, passend zum geschrumpften Spielfeld, um den Puck gekonnt ins Netz zu schlagen.

Mit dem eigenen Spielfeld konnte Michael Stähler schon ein paar weitere Eltern inspirieren. Die haben es ihm gleichgetan, oder – bei mangelndem Platz – ein Planschbecken umfunktioniert. Die Eisfläche ist zwar dann deutlich kleiner, für ein bisschen frostigen Spaß reicht es aber, weiß Stähler.

»Wir finden es schade, dass wir nicht in die Eishalle können«, sagen Eva und Kilian. Mit dem Eigenbau sind sie trotzdem mehr als zufrieden. Selbst, wenn es in der nächsten Saison mit dem Training wieder klappen sollte, haben die beiden ihren Papa bereits in die Pflicht genommen. Egal wie: Das Eisfeld wird es im Stähler’schen Garten auch im kommenden Winter wieder geben. Kilian Pfeiffer

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