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Aufwachsen im Schatten des Obersalzbergs

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Schriftsteller Fritz Wagner entschied sich dafür, einen Roman zu verfassen, denn »eine Biografie hat dramaturgische Mängel«. (Foto: Bettina Hecke)

Berchtesgaden – Eine unbeschwerte Kindheit in unmittelbarer Nähe der Ruinenlandschaft: Fritz Wagner will den Alltag in Berchtesgaden aus den 1950er- und 60er-Jahren in seinem Roman »Bergheim« darstellen, der ab sofort erhältlich ist. Der 68-jährige Autor verbrachte seine Kindheit in der Oberau. In seinem Werk klärt er auch über den Umgang mit der Kriegsvergangenheit auf.

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Fritz Wagner ist seit 20 Jahren Schriftsteller. Der gelernte Grafikdesigner kam erstmals bei der Buchgestaltung mit der Autorenarbeit in Berührung, denn er überarbeitete die Bücher redaktionell. Weil ihm die Tätigkeit eines Schriftstellers gefiel, fing er selbst als Autor an. Nun wollte Wagner einen Teil seines Lebens verschriftlichen. Allerdings lehnte der 68-Jährige eine Biografie ab: »So etwas ist langweilig. Eine Biografie hat dramaturgische Mängel.« Hinzu kommt, dass er manche Personen aus der Vergangenheit nicht identifizierbar machen will.

Deshalb entschied er sich für einen Roman. Darin spiegeln sich Teile seines Lebens wider, es sind aber auch fiktive Szenen dabei. Der Protagonist Franz ist ebenfalls fiktiv. Wagner will in der heutigen Zeit veranschaulichen, wie der Berchtesgadener Alltag in den 1950er- und 60er-Jahren ausgesehen hat. So schildert er die Aufnahmen einer Schlittenfahrt. Oder beschreibt das beliebte Roßfeldrennen, den internationalen Wettbewerb für Tourenwagen sowie Sport- und Formel Junior-Wagen. Auch den Berchtesgadener Dialekt lässt er in seinen Roman einfließen. Innerhalb der Familie und in der Schule spricht Franz Hochdeutsch. Spielt er hingegen mit seinen Freunden am Bauernhof, so redet er mit Dialekt.

Besonders die Zeit am Bauernhof sei prägend gewesen. Der Autor erinnert sich noch gut, als der Fernseher im Kommen war: »Alle Kinder haben sich beim Bauern versammelt. Er hat blöd geschaut, als wir amerikanische Serien geguckt haben. Aber er hat sich immer zu uns gesetzt.« Die Auswahl im Fernsehen war im Gegensatz zu heute klein, nur auf drei Programme begrenzt. Der Autor schildert aber nicht nur den Alltag in Berchtesgaden, sondern auch den Umgang mit der Kriegsvergangenheit – sowohl in der Familie als auch im Umfeld. Denn dieses Thema wurde in Wagners Kindheit gar nicht angesprochen. »Niemand wollte ein Wort über den Obersalzberg verlieren – weder zu Hause noch in der Schule oder im Dorf.«

Allerdings tauchten immer wieder Fragen auf. Gerade manche Besuche hätten ihn irritiert. Der Autor wusste nicht, in welchem Verhältnis sein Vater zu den Besuchern stand. Fritz Wagners Beziehung zu seinem Vater war ohnehin schwierig, der als Tiefbauingenieur für eine Bautruppe im nationalsozialistischen Deutschland arbeitete. Er wirkte für die Organisation Todt beim Bau der Alpen- und Kehlsteinstraße mit. »Mein Vater hatte antisemitische Äußerungen getätigt und auch keinerlei Einsicht bei den Kriegsverbrechen, die begangen worden sind«, sagt der 68-Jährige. Allgemein habe der Nationalsozialismus das Familienbild gespalten. Wagners Vater bekam durch die Nationalsozialisten eine Arbeit als Tiefbauingenieur, Wagners Großvater hingegen verlor wegen ihnen den Beruf als Justizminister in der Regierung Oberbayerns.

Der Lebensabschnitt in Berchtesgaden endete, nachdem Wagners Vater gestorben war. Der damals 16-Jährige zog mit seiner Mutter nach München. Je älter er wurde, desto mehr erfuhr er von den Verbrechen am Obersalzberg. Ähnlich sieht es auch beim »Bergheim«-Protagonisten Franz aus. Franz' Welt besteht aus antisemitischen Äußerungen des Vaters, den unverarbeiteten Kriegserlebnissen anderer Erwachsener, einer verriegelten Sexualmoral und dem Verschweigen von Unrecht und Schuld. Aus dieser Welt muss er sich mit eigener Kraft herausarbeiten.

Fritz Wagner, »Bergheim«, Ambacher Verlag, 216 Seiten, 16,90 Euro. pv