»Aus dem Käfig heraus gibt es kein echtes Naturerlebnis«

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Martin Wagner (l.) und Michael Ernst verweisen auf das Warnschild am Klamm-eingang.
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Ein Fehltritt ist in der Almbachklamm an manchen Stellen nicht erlaubt. Allerdings gibt es hier ein Stahlseil zum Festhalten und Kinder sollte man an die Hand nehmen oder mit Seil und Gurt sichern. (Fotos: Ulli Kastner)

Marktschellenberg – Das Warnschild steht eigentlich unübersehbar am Eingang, doch Beachtung findet es kaum: »Alpine Steige in der Almbachklamm. Auf allen Wegen können Gefahren entstehen«. Dass dies keine Fiktion, sondern durchaus Realität ist, zeigte erst vor vier Wochen wieder der Absturz eines neunjährigen Buben aus Castrop-Rauxel, der im Gegensatz zu vielen anderen Unfällen noch relativ glimpflich ausging.

Für die Marktgemeinde Marktschellenberg ist die Absicherung der rund drei Kilometer langen Steiganlage mit ihren 32 Stahlbrücken, 320 Stufen und einem Tunnel ein schwieriger Spagat. Eine Begehung mit Bürgermeister Michael Ernst und dem Ingenieur Martin Wagner, der seit 2019 alle Anlagen in der Klamm planungstechnisch betreut.

Beim jüngsten Unfall war ein Neunjähriger mit seiner 44-jährigen Mutter in der Klamm unterwegs. Dass der Bub, wie damals von offizieller Seite geschildert, auf einem Holzbrett ausgerutscht ist, gilt mittlerweile als unwahrscheinlich. Jedenfalls ist der Bub unweit der Brücke 10 in die Klamm gestürzt, ein Stück im damals noch reißenden Wasser abgetrieben worden und dann auf einer Sandbank liegen geblieben. Dort hat die Bergwacht den nur leicht verletzten jungen Mann mit Hubschrauberhilfe geborgen.

Nicht immer nehmen Unfälle in der Klamm so ein relativ glückliches Ende. Mit Schaudern erinnert man sich an die Tragödie aus dem Jahr 2012, als ein zweijähriges Mädchen vor den Augen ihres Vaters rund 14 Meter tief in eine Gumpe stürzte. Obwohl der Vater sofort hinterhersprang und die Tochter aus den eiskalten Fluten zog, verstarb die Zweijährige wenig später.

»Ein alpiner Steig und kein Wanderweg«

»Es gibt Jahre ohne einen Unfall in der Klamm, in anderen Jahren sind es gleich zwei oder drei«, sagt Martin Wagner, der die Klamm für die Marktgemeinde Marktschellenberg technisch betreut. Der Ingenieur weiß genauso wie Bürgermeister Michael Ernst: »Die Absicherung der Klamm ist ein schwieriges Thema. Wo soll man anfangen und wo soll man aufhören?«

Beide verweisen auf das Warnschild gleich am Beginn der Klamm. Michael Ernst beschreibt die Situation noch einmal mit eigenen Worten: »Die Anlagen in der Klamm sind ein alpiner Steig und kein Wanderweg durch eine Wiese«. Die gefährlichsten Stellen sind nach seinen Worten mit Stahlgeländern, Brücken und Stahlseilen gesichert. »Aber es gibt auch immer wieder Abschnitte, auf denen man ganz besonders aufpassen muss.« Vor allem bei einer Begehung mit Kindern sieht der Bürgermeister die Eltern in der Pflicht. »Kleine Kinder sollte man an der Hand nehmen oder sie sogar mit Klettergurt und Seil sichern.« Auch am gemeinsamen Besichtigungstag mit dem »Berchtesgadener Anzeiger« sind Familien mit Kindern in der Klamm unterwegs.

Zwei Buben sausen vorneweg, die Eltern kommen kaum hinterher. Ein Eingreifen ist hier im Notfall nicht mehr möglich. Eine andere Familie führt die beiden kleinen Kinder dagegen vorbildlich an der Hand. »So soll es sein«, freut sich Bürgermeister Michael Ernst.

20 Brücken erneuert

Ernst und Wagner betonen, dass es in der Klamm regelmäßig aufwendige Sanierungsarbeiten gibt. Vor allem nach dem Hochwasser 2013 wurden große Teile der Anlage erneuert. 2,2 Millionen Euro steckte man damals in die Sicherheit des Steigs. 20 der insgesamt 32 Stahlbrücken sind mittlerweile erneuert. Die Geländer sind vergittert, ein Durchrutschen oder Drübersteigen kann es hier nicht mehr geben. »Die restlichen Brücken haben noch Bestandsschutz«, sagt Martin Wagner. Doch auch diese sollen in den nächsten Jahren nach und nach ausgetauscht werden.

Größer geworden sind in den letzten Jahren auch die betonierten Flächen. »Die sind rutschfester als die oftmals glatten Steine«, erklärt Martin Wagner. Immer wieder steigt man über betonierte Treppen auf, kann sich zumeist an Stahlseilen, die im Winter wegen des Schneedrucks abgelegt werden müssen, festhalten. Und doch gibt es immer wieder Abschnitte, auf denen große Konzentration gefordert ist. Ein Fehltritt kann hier schlimme Folgen haben. »Es ist immer ein Abwägen und man muss die Verhältnismäßigkeit im Blick haben«, erklärt Bürgermeister Ernst. Und dann soll eine Klamm-Begehung ja auch ein Naturerlebnis bleiben. »Aus dem Käfig heraus gibt es das nicht«, gibt Ernst zu bedenken. Wichtig ist vor allem, dass man die objektiven Gefahren im Griff hat. Also die Gefahren, die die Klammbesucher nicht selbst beeinflussen können. Um diese zu minimieren, gibt es beispielsweise in jedem Frühjahr eine Untersuchung durch einen Geologen. Der beurteilt die Gefahren, die durch Steinschlag und Muren ausgehen können. »Nach Frostphasen und wie erst kürzlich nach Starkregen bleibt die Klamm einige Tage zu und es müssen Felsputzarbeiten durchgeführt werden«, erklärt der Rathauschef.

Gäste oft ohne Bergerfahrung

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen bewegt man sich in der Almbachklamm in alpinem Gelände, wo es keine hundertprozentige Sicherheit gibt. Schmunzelnd erzählt Bürgermeister Michael Ernst von einem Fall, in dem einem Urlauber ein kleiner Stein auf die Armbanduhr gefallen ist und diese zerstört hat. Der Urlauber hat daraufhin bei der Marktgemeinde angefragt, ob er den Schaden ersetzt bekommt. »Wir haben dann kulanterweise einen Teil des Schadens übernommen. Der Mann war ja auch sehr höflich«, so der Bürgermeister.

Dass manche Urlauber mit den Verhältnissen in der Almbachklamm überfordert sind, führen Ernst und Wagner auch darauf zurück, dass sich der Charakter der Gäste seit Corona geändert habe. »Viele fahren kurz entschlossen und ohne Vorbereitung in die Berge, wenn Mallorca oder Griechenland nicht funktionieren.« Und die Berge sind nun einmal kein Strand.

Ulli Kastner