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Aus dem Tal der Tränen zu neuen Ufern

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Snowboarderin Anke Karstens ist mit dem letzten Rennen noch auf den Olympiazug aufgesprungen und fährt jetzt völlig befreit: »Alles ist in Sotschi möglich«, meint die sechsmalige Podiumfahrerin bei Weltcuprennen. Foto: Anzeiger/Wechslinger

Schönau am Königssee – Die Weltklasse-Snowboarderin Anke Karstens hatte es in den letzten Wochen nicht leicht. Verletzungen, Rennverschiebungen und schließlich auch noch ein angegriffenes Nervenkostüm sorgten dafür, dass sich die Snowboarderin vom WSV Bischofswiesen erst im allerletzten Moment für die Olympischen Winterspiele in Sotschi qualifiziert hat. Am Wochenende besuchte Anke mit ihrem Vater Hartmut Karstens, dem Leiter des Regionalzentrums Chiemgau/Berchtesgadener Land, die Bob- und Skeleton-Weltcups am Königssee. Gerne nahm sich die Olympia-Mitfavoritin vor ihrer Abreise zu den Spielen Zeit für ein Gespräch mit der Heimatzeitung.


Die Qualifikation für Olympia war etwas holprig. Wie ist es dir denn gegangen und wie lautet ein Resümee?

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Anke Karstens: Ich denke, alleine hätte ich es nicht mehr geschafft, mich zu qualifizieren, denn ich fand in meinen Läufen überhaupt keine Linie mehr. Aber mein Umfeld hat mit sehr geholfen und mir den Rücken frei gehalten. Mein Freund, der als ehemaliger Leistungssportler die Probleme kannte, wusste immer, wie er mir helfen konnte. Er war ja selbst schon einige Male in dieser Situation und hat mich immer wieder auf den Boden gebracht und mich beruhigt. Das war zweifellos eine große Hilfe.

Da spielt offenbar die Psyche eine entscheidende Rolle, denn fahren kannst du ja.

Karstens: Ich war oft recht verkrampft und brachte nicht mehr mein Können aufs Board. Im Training lief es immer sehr gut. Hinzu kam, dass ich mir in Bad Gastein eine Beckenrandprellung und eine Kapselverletzung am Daumen zugezogen habe. Das war sehr schmerzhaft und behinderte mich vor allem beim Slalom, den wir ja in Bad Gastein gefahren sind.

Beim nächsten Weltcup in Rogla lief es dann auf einmal wieder.

Karstens: Das war auch ein Riesenslalom und da ging es plötzlich auch schmerzfrei. Ich überstand die Qualifikation zwar nur als Letzte. Doch im ersten K.-o.-Lauf war ich dann sogar schneller als die Beste der Qualifikation. Da wusste ich, dass ich wieder dabei bin (Am Ende wurde Anke Karstens Achte und damit zweitbeste Deutsche des Weltcuprennens, Anm. d. Red.).

Du hattest ja mit Erreichen des Finales dein Ticket für Olympia gelöst. Wie war das?

Karstens: Zunächst ist mir ein großer Stein vom Herzen gefallen. Ich habe dann auch noch zugewartet, bis ich es schwarz auf weiß hatte. Erst danach habe ich mir erlaubt, mich so richtig zu freuen. Ich bin gleich einmal meinem Trainer Andi Scheid in die Arme gefallen und habe vor lauter Freude geheult. Da war die ganze Anspannung weg, es waren Tränen der Freude.

Du bist Zimmernachbarin von Amelie Kober.

Karstens: Ich habe in der Nacht vor dem entscheidenden Rennen sehr schlecht geschlafen. Immer wenn ich wach war, konnte auch Amelie nicht mehr schlafen. Aber sie hat sich später genau so gefreut wie ich und ich danke ihr wie meinen Teamkameradinnen, die mir immer beigestanden sind. Jetzt freuen wir uns alle auf Russland.

Wo ihr aber zunächst nur die Eröffnungsfeier mitmacht.

Karstens: Das ist richtig. Wir fliegen dann wieder zurück und trainieren in Südtirol, wo ein ähnliches Gelände wie in Sotschi gegeben ist. Der Hang in Sotschi ist oben sehr steil, wird dann flach und ist im unteren Teil wieder recht steil. Ich finde das Gelände schön und fühle mich wohl. Wenn wir guten Schnee haben, kann das wirklich ein tolles Rennen werden.

Denkst du an eine Medaille?

Karstens: Das kann man nicht. Doch der Druck ist erst einmal weg. Ich weiß, dass ich ganz vorne mitfahren kann, schließlich bin ich schon ein paar Mal auf dem Podium gestanden. Das wäre natürlich bei Olympia besonders schön. Wenn alles zusammenpasst und ich einen guten Tag erwische, ist alles möglich.

Es ist allenthalben zu hören, dass Sotschi so gut bewacht wird wie Fort Knox. Wie geht man damit um, dass überall Menschen mit Waffen sind?

Karstens: Ich versuche, mich davon völlig freizumachen, und denke auch, dass wir Sportler sehr sicher sind. Allerdings habe ich meiner Familie abgeraten, nach Sotschi zu kommen. Ich denke, um die Zuschauer und Touristen muss man sich mehr Sorgen machen als um uns Sportler. Ich bin froh, dass meine Familie zu Hause vor dem Fernseher sitzt, das beruhigt mich. Christian Wechslinger