Ausbildung in Hotel und Gastronomie: »Ich glaube, dass man die ganze Branche viel mehr schätzen wird«

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Dort, wo sich an schönen Tagen viele Gäste tummeln, ist es derzeit noch ruhig. Die Hotels im Talkessel stehen leer. Im »Zechmeisterlehen« in Schönau am Königssee hofft man trotz Einschränkungen auf eine erfolgreiche Sommersaison und freut sich auf Bewerberinnen und Bewerber für das neue Ausbildungsjahr. (Foto: Eva Goldschald)

Berchtesgaden/BGL – Hotel- und Gastronomiebetriebe sind im Berchtesgadener Talkessel seit Oktober 2020 geschlossen. Die Verhältnismäßigkeit dieser Regelung ist innerhalb der Betriebe kaum noch nachvollziehbar. Und es ist auch nicht absehbar, wann und in welchem Umfang sie wieder Gäste empfangen dürfen. Sich in dieser schwierigen Zeit trotzdem für einen touristischen Beruf zu entscheiden, scheint im ersten Moment eher gewagt. Doch sowohl Ausbildungsbetriebe als auch Azubis blicken äußerst positiv in die Zukunft.


Prognosen, wie sich die Situation entwickeln wird, kann man laut Julia Prechtl, tätig für die Berchtesgadener Land Wirtschaftsservice GmbH in Freilassing, zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abgeben. Der Wirtschaftsservice hat im Februar zum ersten Mal eine Ausbildungsbroschüre mit dem Titel »Mach Dein Eigenes Ding – Ausbildung im Berchtesgadener Land« veröffentlicht. Darin haben auch viele Ausbildungsbetriebe aus dem Gastgewerbe inseriert und so konnten bisher rund 40 Prozent der Ausbildungsplätze besetzt werden.

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Minimaler Rückgang

Genauso viele seien allerdings noch frei, vom Rest gebe es noch keine Rückmeldung, wie Julia Prechtl erzählt. Es seien also viele Stellen vorhanden und die Betriebe würden sich trotz Corona sehr über neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter freuen.

Birgitta Teder, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Traunstein, verzeichnet einen minimalen Rückgang der freien Stellen. Die aktuellen Daten zeigten, dass die Ausbildungsstellen in den Tourismus- und Hotel- und Gaststättenberufen im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen seien. Derzeit werden 149 Ausbildungsstellen angeboten, wovon 87 unbesetzt sind. Die Anzahl der Bewerberinnen und Bewerber für diese Berufe sank im Vergleich zum Vorjahr um 27 auf derzeit 60 junge Menschen, die eine Ausbildung in diesen Bereichen anstreben.

27 sind noch »unversorgt«, das heißt, sie haben entweder noch keine Zusage oder der Bewerbungsprozess ist noch im Gange. »Einige Betriebe stornieren ihre Stellengesuche, das ist jedoch nicht der allgemeine Trend. Gerade kleinere Betriebe ziehen eher Ausbildungsplätze zurück. Hier können wir mit der Ausbildungsprämie helfen, dass den jungen Menschen doch noch eine Chance gegeben wird und dass der Betrieb seine zukünftigen Fachkräfte erhält«, erzählt Teder.

Positiv blickt auch Bettina Wolf, Schulleiterin der Steigenberger-Akademie in Bad Reichenhall, in die Zukunft. Es sei natürlich klar, dass sich durch Corona einiges verändert habe. Nicht nur im Schulablauf selbst jongliert man zwischen Präsenz und Distanz, auch die Veranstaltungen fallen weg. »Wir waren zum Beispiel jedes Jahr mit unseren Schülerinnen und Schülern beim Weltwirtschaftsforum in Davos oder im VIP-Zelt beim Biathlon-Weltcup in Ruhpolding. Im Praxiseinsatz konnten unsere Schülerinnen und Schüler zeigen, was sie bereits können und gelernt haben. Das fehlt jetzt. Auch unseren Tag der offenen Tür können wir nicht durchführen. Dafür gibt es jetzt viele Onlinekurse und Einzelgespräche mit Interessierten«, so die Leiterin.

Wertvolle Erfahrungen

Das alles ist für Wolf aber kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Praxiserfahrungen sammeln die Schüler nun nicht im Ausland, sondern in Deutschland und Österreich. Dann sind es zwar nicht immer die präferierten Bereiche, aber im Nachhinein seien alle Schüler froh über die wertvolle Erfahrung.

»Die Branche verändert sich und hat aktuell zu kämpfen, aber wenn alles wieder öffnet, werden die Leute das Angebot umso mehr schätzen«, sagt Wolf.

Auch Nicole Schroda, die gerade die zweijährige Weiterbildung zur staatlich geprüften Hotelbetriebswirtin an der Steigenberger-Akademie absolviert, freut sich auf alles, was nun kommt. »Bei mir kam Corona gerade richtig. Da ich letztes Jahr noch relativ frisch im Betrieb war, war ich auch die Erste, die durch die Pandemie gehen musste. Dadurch ergab sich die Chance, dass ich genau jetzt meine Weiterbildung startete. Das wäre sonst nicht so schnell möglich gewesen«, erzählt sie. Schroda ist sich sicher, dass sie im Sommer 2022 auf einen Tourismusmarkt stößt, der sich gewandelt hat.

»Im Sommer nächstes Jahr warten viele Chancen auf angehende Gastronomen und Hoteliers. Der deutsche Tourismus wird von der Pandemie profitieren und auch Regionen, die noch nicht so versiert in Sachen Tourismus sind, werden boomen. Menschen wollen ihre Heimat neu entdecken. Und ich glaube, dass man die ganze Branche dann viel mehr schätzen wird und Gäste deshalb auch mehr Geld für Reisen ausgeben werden«, erzählt Schroda.

Schulleiterin Bettina Wolf ist ständig im Austausch mit den Betrieben. Wegen Kurz- und Saisonarbeit hätten viele Angestellte in eine andere Branche gewechselt. Schon allein deshalb gebe es am Markt noch mehr Angebote für Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Trotzdem hofft Wolf, dass der normale Betrieb in der Schule bald wieder startet: »Die Stimmung der Schüler ist schon besser, wenn sie im Präsenzunterricht sind. Wenn die Schüler lange zu Hause vorm PC sitzen, flacht die Motivationskurve nach einer gewissen Zeit ab. Der soziale Austausch, der in unserem Beruf essenziell ist, fehlt einfach.« Auch Anja Glück, Fachbereichsleiterin Gastro und Hotel an der Staatlichen Berufsschule Berchtesgadener Land, wechselt beinahe täglich zwischen Präsenz und Distanz. Die Stimmung der Schülerinnen und Schüler sei aber trotzdem gut, wie sie sagt. Viele haben schon Lehrstellen und freuen sich auf den Sommer. Eine richtige Prognose könne man aber erst im Sommer treffen, denn dann würden sich oft spontan noch Lehrstellen ergeben. »Wir hatten auch dieses Jahr viele Bewerberinnen und Bewerber, da hat man kaum einen Unterschied gemerkt zu vor oder während Corona.«

Direkt an der Quelle

Anders als die Schulen und Ausbildungsstätten sind die Betriebe selbst seit Oktober 2020 geschlossen. Viele der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren oder sind in Kurzarbeit oder wurden saisonbedingt ausgestellt. Im Hotel »Zechmeisterlehen« in Schönau am Königssee bot man deshalb 2020 keine Lehrstelle an. Doch jetzt blickt Inhaber Hans-Michael Angerer schon positiver in die Zukunft. Er würde sich freuen, dieses Jahr eine Hotelfachfrau oder einen Hotelfachmann auszubilden. Er ist sich sicher, dass in diesem Jahr die Nachfrage der Gäste wieder steigen wird. »Wir sind zuversichtlich, einen tollen Ausbildungsplatz bieten zu können«, so Angerer.

Auch das Hotel »Edelweiss« mit dem Gasthof »Neuhaus« freut sich über neue Bewerberinnen und Bewerber: »Wir haben aktuell Auszubildende und nehmen auch jedes Jahr welche auf. Für uns ist es wichtig, dass die junge Generation nachrückt. Denn die Hotellerie/Gastronomie wird nie aussterben und sich besonders mit der neuen Generation weiterentwickeln. Wir merken nicht, dass das Interesse an einer Ausbildung in der Hotellerie schwindet«, erzählt Maria Trixl, tätig im Personalwesen des Hotels. Eva Goldschald

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