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Ausblicke, die einem den Atem rauben

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Über die Moarer Weißen ging's zum Egetjoch weiter.

Er ist ein stolzer Dreitausender in den Stubaier Alpen. Seinem alpinen Charme kann man sich auf Dauer nicht entziehen – und so holte ich mir bei der Bergsteigersendung »Bergauf Bergab« im Bayerischen Fernsehen weitere Anregungen für eine Besteigung des Wilden Freigers.


Seine dreiseitige, von eleganten Grataufschwüngen getragene Felspyramide ist in Bergsteigerkreisen beliebt. Drei Normalanstiege treffen sich auf seinem 3418 Meter hohen Gipfel. Der schwierigste führt von der Müllerhütte über den Süd-Westgrat aus, der leichteste geht von der Nürnberger Hütte über die Nordseite und der kürzeste führt vom Becherhaus über den Südgrat.

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Wir machten uns aus dem Ridnauntal auf – und so konnten wir den Wilden Freiger ohne Gletscher, ohne Steigeisen und ohne Gurtzeug aufs Haupt steigen. Zwei Stützpunkte stehen für die Besteigung aus dem Ridnauntal zur Verfügung, die Teplitzer Hütte und das Becherhaus, beide sind im Besitz der Landesregierung.

Gut markierter Steig zum Tourenauftakt

Erster Tag, Anreise und Siebenseen-Wanderung zur Teplitzer Hütte: Mit zwei Bergkameradinnen fuhr ich in den Talschluss bei Maiern. Erstes Ziel auf unserer dreitägigen Tour war die Rundwanderung zu den Sieben Seen bis zur 2586 Meter hoch gelegenen Teplitzer Hütte. Die Zahl sieben ist nicht ganz ernst zu nehmen, denn einige der Seen verlanden bereits.

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Einen traumhaften Sonnenaufgang kann man mit Glück vom Becherhaus auf die Feuersteine bewundern. (Fotos: Zeis)

Zunächst ging es auf einem breiten Fahrweg hinein ins Lazacher Tal zur bewirtschafteten Stadlalm und dann am tosenden Lazacherbach entlang zur Moar-alm auf 2112 Meter. Von der Almhütte wanderten wir kurz hinauf zum Eingang des Poschhausstollens. Über den azurblau leuchtenden Moarer Egetensee ragte mächtig der Moarer Weißen in den tiefblauen Himmel, der durch sein weißes Gestein sich deutlich von den umliegenden braunen Gewirr von Urgesteinsfelsen und Kuppen abhob.

Auf den gut markierten Steig Nummer 33 stiegen wir weiter durch ein Schuttkar hinauf zum weiten und windigen Egetjoch auf 2695 Meter, wo der höchste Punkt dieser Tour erreicht wurde. Nach den Mühen des Aufstiegs gönnten wir uns eine Rast und schauten auf den im Talgrund liegenden smaragdgrünen Trüber See. Der Weg Nummer 33 senkte sich nun sanft in die Weiden der »Unteren Senner Egete« und am Trüber See vorbei in den schuttgefüllten Kessel des Ferner Bodens. Etwas Vorsicht war geboten bei der ostseitigen langen Querung des Trüber Sees, wo sich die steilen Blocktrümmer der Krapfenkarspitze eng an den See drücken.

Dann wanderten wir durch ein großes, ehemaliges Gletscherbecken, an dessen Ausgang wir den wilden Fernerbach auf schwankendem Steg überschritten. Von ihm konnte man den Weg zur Teplitzer Hütte durch einen sehr steilen Plattenhang erkennen. Nach einem kurzen Gegenanstieg zur kleinen Grohmannhütte begann der beschwerliche Aufstieg von 500 Höhenmetern zur Teplitzer Hütte, dem Tagesziel.

Als wir nach acht Stunden Gehzeit unsere Unterkunft erreicht hatten, hatten wir gut 1700 Höhenmeter zurückgelegt. Die anspruchsvolle Unternehmung führte immer wieder durch schroffes alpines Gelände und forderte unsere ganze Energie und Trittsicherheit. Als wir im Lager unsere müden Beine ausstreckten, waren wir uns einig, dass wir für unsere Strapazen mit prächtigen Landschaftseindrücken belohnt wurden.

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Der Gipfel des Wilden Freigers war das Hauptziel der Tour.

Zweiter Tag, Aufstieg zum Becherhaus und Besteigung des Wilden Freigers: Beim Aufstieg zum Becherhaus über den Carl-Sonklar-Weg waren wir wieder mittendrin im vollen Menschenleben. Viele Bergsteiger waren an diesem schönen Tag unterwegs. Unser Weg führte uns zunächst nach Westen taleinwärts über eine kleine Staumauer, später über eine kurze versicherte Steilstufe aufwärts, wo wir das erste Mal den tief unter uns verträumten Übeltalsee zu Gesicht bekamen.

Es war ein märchenhaftes Bild – dieses klare blau-grüne Gebirgswasser – eingekesselt vom Ebner Ferner und glatten Felsschliffen. Bestens markiert und an den exponierten Stellen mit Fixseilen und Eisenbügeln gesichert, ist der neue Carl-Sonklar-Weg, den wir nun höher stiegen. Über eine Stahlbrücke erreichten wir eine Kuppe, wo wir den mächtigen Felsberg des Bechers, auf dessen Gipfel das Becherhaus steht, in voller Größe vor uns hatten.

Spitz und kühn ragt dieser beeindruckende Dreitausender aus der Eiswüste des Übeltalferners heraus. Beim leichten Abstieg zur relativ kurzen Querung eines Armes des Übeltalferners schweifte der Blick in die steilen, südseitigen Abstürze zwischen Signalgipfel und der Freigerscharte. Formen, Bruchstellen und Farben begegneten uns, wie wir sie noch nie gesehen hatten.

Problemlos ging es weiter zum Fuß der Becher-Südflanke und steil in Serpentinen hinauf zum Becherhaus auf 3195 Meter. Der Aufstieg zum Becher über einen gut angelegten Felsenweg ist nicht schwierig, an den wenigen ausgesetzten Stellen sind gute Drahtseile angebracht. Auf der Spitze dieses Dreitausenders steht ein ganz besonderes Wolkenhaus, es ist das höchstgelegene bewirtschaftete Schutzhaus Südtirols. Als wir nach fast vier Stunden und der Überwindung von knapp 1000 Höhenmetern das Becherhaus erreicht hatten, genossen wir erst einmal eine Knödelsuppe und die tolle Aussicht.

Zum Greifen nah standen im Westen die Sonklarspitze, Zuckerhütl und Wilder Freiger – inmitten dieser Gletscherwelt. Das Zuckerhütl, der höchste Gipfel der Stubaier Alpen, bot ein majestätisches Bild, königlich präsentierten sich die gewaltigen steilen Grate und schneebedeckten Flanken.

Wir bezogen unsere reservierten Schlafräume, hinterlegten unsere nicht benötigte Ausrüstung und machten uns fertig für den Aufstieg über den Südgrat zum Wilden Freiger. Der luftige Gang führt fast immer etwas steil auf den Grat zum Signalgipfel, danach über einen leichten Blockgrat, zuletzt gab's noch eine kurze exponierte Kletterstelle und man stand am Gipfelkreuz des Wilden Freigers auf 3418 Meter. An einigen Stellen muss man sogar richtig klettern, aber dort, wo es gefährlich ist, hat der vorsorgliche Wegebauer Erich Pichler, seit 17 Jahren Hüttenwirt auf dem Becherhaus, Drahtseile angebracht. Oben gab's einen erstklassigen Rundblick. Danach erfolgte der Abstieg auf der luftigen Gratkante zurück zum Becherhaus.

Dritter Tag: Abstieg vom Becherhaus zur Teplitzer Hütte und über den Aglsboden zurück zum Ausgangspunkt nach Maiern: Der Hüttenwirt empfahl uns, zeitig zu frühstücken, denn es wurde eine Schlechtwetterfront mit heftigen Gewittern am Nachmittag vorhergesagt. Vor dem Aufbruch erlebten wir noch einen farbenprächtigen Sonnenaufgang, dann zogen aber Nebelschwaden auf.

Dichter Nebel, schwieriger Abstieg

Trotz der guten Markierungen mussten wir höllisch aufpassen, nicht im dichten Nebel den Weg zu verlieren. Als die Teplitzer Hütte schemenhaft vor uns auftauchte, waren wir erleichtert. Dann stiegen wir den bekannten steilen Serpentinenweg hinunter zur kleinen Grohmannhütte. Von dort führte ein Steig durch das Egatal runter. Der Abstieg führte durch eine urige, unberührte Landschaft und entlang der steilen Felsen sprühten und sprangen herrliche Wasserfälle in die Tiefe. Über einen steinigen Weg ging es weiter steil abwärts zum Aglsboden, einem kleinen Flussdelta des Fernerbachs. Als Finale gab es noch eine Schauwanderung entlang des Ridnaunbachs.

Gut 1800 Höhenmeter im Abstieg hatten wir nun hinter uns gebracht, als wir müde, aber glücklich wieder unten waren. Selbst dieser lange Abstieg konnte unsere Begeisterung über unvergessliche Eindrücke in den Stubaier Alpen nicht mindern. Manfred Zeis