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Ausstellung »Erlesen« im Landratsamt zeigt Werke von Christine Olbrich und Franz Baumann

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Besucher können die Texte von Christine Olbrich mit einer Dechiffriertafel entschlüsseln, die es auch in der Ausstellung »Erlesen« im Landratsamt gibt. (Foto: Effner)

Mit einem wunderbar doppelsinnigen Titel macht derzeit die Ausstellung »Erlesen« im Landratsamt Traunstein die Besucher neugierig. In der Reihe »Kunst im Amt« treten die Grafikerin und Malerin Christine Olbrich aus Vachendorf sowie der ehemalige Schriftsetzer, Buchdrucker und Fotograf Franz Baumann in einen künstlerischen Dialog.


Die Werke auf drei Stockwerken sind noch bis 1. Juni zu sehen. Beide Künstler setzen sich in ihren Werken auf ganz unterschiedliche Weise mit dem gedruckten Wort auseinander – und geben damit eine Fülle interessanter Denkanstöße. Umgeben von erlesenen Druckgrafiken und Stofffahnen in Geheimschrift, deren Sinnzusammenhang sich erst im genauen »Erlesen« der Texte erschließt, spürt der Betrachter etwas von der ursprünglichen Magie des Wortes.

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Ein Gegenentwurf zur schnelllebigen Medienwelt

»Erlesen« schafft einen Gegenentwurf zur schnelllebigen Medienwelt. Der Alltag mit »Fake News« und Kurznachrichten in 140 Zeilen, hingeworfenen Textfetzen und Kürzeln in WhatsApp, durch Autokorrekturprogramme verstümmelte Botschaften und Gefühlsausdrücke, die durch Emojis standardisiert werden, lassen das Denken nicht unbeeinflusst. Davon sind beide Künstler überzeugt. »Die Aufbereitung von Information durch moderne Medien setzt immer mehr auf Vereinfachung«, erklärt Christine Olbrich. Worte, die einen Denkanstoß vermitteln sollen, werden durch Bilder und Sprachformeln ersetzt. »Die entstehende Sogwirkung befördert eine emotional begründete Meinung, die ohne eigene Denkarbeit auskommt«, ist sich die Vachendorferin sicher. Die Denkarbeit wird den Menschen sozusagen Schritt für Schritt aus der Hand genommen.

Mit einem selbstentwickelten Geheimalphabet »übersetzt« die gelernte Grafikerin gehaltvolle Passagen aus der Bibel oder andere Texte in eine neue Sprache, deren bildkräftig aufgestempelte Hieroglyphen nicht umsonst an Schriftzeichen aus dem Altertum erinnern. Die zusätzlich mit Ornamenten und stilisierten Tieren verzierten Fahnen mit fremd-artigen Texten voller Geheimnisse ähneln wohl nicht durch Zufall frühen Schriftrollen oder mittelalterlicher Buchmalerei.

Beim Entziffern mithilfe ausgelegter Dechiffriertafeln durchdenkt der Betrachter die Texte sozusagen Schritt für Schritt neu. Nicht nur Bücher der Bibel, sondern auch Texte von Rainer Maria Rilke, Hans-Dieter Hüsch, Erich Mühsam, Goethe oder aus der Bayerischen Verfassung kommen so zu neuen Ehren. »Das Projekt 'Erlesen' erinnert daran, dass nur das sorgfältig ausgesuchte und selbstständig durchdachte Wort eine unabhängige Meinung begründet«, erklärt Olbrich ein Motiv für ihre unglaublich zeitaufwendige Tüftelarbeit.

Die Kraft der Reduktion und die bewusst herausgearbeitete Schönheit alter Schrifttypen setzt Franz Baumann gegen optischen Lärm und grafische Exzesse der heutigen Medien- und Werbewelt. Seine exquisiten Handabzüge sind von einer wohltuenden Ruhe, Ausbalanciertheit und inneren Eleganz durchströmt.

Geistvoll wählt er kurze Sentenzen oder Texte von Hans Christian Andersen, Augustinus, Plato, Hesse, Thomas Bernhard oder Büchner aus, setzt sie verschiedenfarbig übereinander, schickt sie wie in einem Labyrinth aus stilisierten Gebirgstälern durchs Bild oder drückt sie an den äußersten Rand eines vermeintlich leeren Bilds. Im Wechselspiel gleicher Schrift auf unterschiedlicher Papierfarbe lotet er die Wirkungen im romantischen Eichendorff-Gedicht »Mondnacht« aus.

Ein roter Faden durchzieht die Werke

Während die Werke äußerlich durch die Ästhetik dem Auge schmeicheln, sind sie innerlich mehr oder weniger sichtbar von der Erhabenheit des Hochgebirges oder der Naturerlebnisse durchwirkt. Für den leidenschaftlichen Bergwanderer – speziell versteckte alte Pfade im Hagengebirge haben es ihm angetan – durchzieht das Thema die Werke wie ein roter Faden.

Das bezieht sich nicht nur auf die Textblätter, sondern auch auf die kunstvoll abgestuften und im eigenen Labor entwickelten Schwarz-Weiß-Fotografien in Silbergelatine-Technik. Wie in einem Stück konservierter Zeit hält Baumann in ihnen nicht nur Momentaufnahmen vom Berg, sondern auch »Heimatbilder« fest: Bäume in verschneiter Landschaft, eine Brücke oder die Grabsteinplatten an den Außenwänden der Kirche St. Georg und Katharina in Traunstein.

Im besten Sinne anekdotisch »erlesen« ist auch das zufällige Zusammentreffen von Ewigkeit und Alltagsbanalität, wenn sich über einem Kopierer in technisch klar abgegrenzter Schrift ein Text aus dem indischen Schöpfungsmythos Bhagavadgita findet: »Wer mich in allem sieht und alles in mir sieht, dem gehe ich nicht verloren, noch geht er mir verloren.«

Die Ausstellung ist bis zum 1. Juni montags bis donnerstags von 8 bis 12 Uhr sowie von 13.30 bis 16 Uhr geöffnet. Am Freitag ist die Schau von 8 bis 12 Uhr zugänglich. Ausstellungsrundgänge mit Künstlergespräch gibt es am 28. März und 2. Mai jeweils um 18.30 Uhr. Axel Effner