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Spannende Einblicke in das Leben der Traunsteiner zwischen 1865 und 1926 gibt die Ausstellung »Untertanen! Bürgerinnen und Bürger!«. (Foto: Wannisch)

Ausstellung über früheres Leben in Traunstein: Wie sich Untertanen zu freien Bürgern emanzipierten

Traunstein – Der Zeit, in der aus Untertanen der bayerischen Monarchie mündige und freie Bürgerinnen und Bürger der Weimarer Republik wurden, widmet sich die aktuelle Ausstellung in der Städtischen Galerie im Kulturforum Klosterkirche. Dabei stehen vor allem die sozialen und gesellschaftlichen Umbrüche ab Mitte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Traunstein im Vordergrund: vom Stadtbrand 1851 bis zum Ende der Goldenen Zwanziger Jahre. 


Als Herrschende stehen dabei einerseits die drei Wittelsbacher König Ludwig II, Prinzregent Luitpold und der spätere König Ludwig III. im Fokus der Ausstellung, von deren Herrschaftsmodell sich die Gesellschaft befreit. Andererseits blickt die Ausstellung auf die ersten demokratischen Gehversuche nach dem 1. Weltkrieg unter dem ersten Bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner. Die Ausstellung macht deutlich, wie sehr die Modernisierung und der technologische Fortschritt binnen weniger Jahrzehnte Moral- und Wertvorstellungen aufgebrochen und ein sich emanzipierendes Bürgertum entwickelt haben. »Ohne die Anbindung an das Eisenbahnnetz 1860 wäre ein Bevölkerungswachstum in den 1870er Jahren ebenso wenig denkbar geworden wie das Aufkeimen des Tourismus in der Region«, sagte Stadtarchivar Franz Hasl-beck bei der Ausstellungseröffnung am Donnerstag.

Diese Entwicklungen legten auch den Grundstein für die Bildungs- und Schulstadt Traunstein, wie man sie heute kenne, sagt Oberbürgermeister Christian Hümmer in seinem Grußwort bei der Eröffnung. Er könne in den damaligen Entwicklungen viele Parallelen – nicht nur im Wandel der Infrastruktur und Technik – zur heutigen Zeit feststellen. »Auch wenn wir die Freiheit, die man sich damals erkämpfen musste, heute nicht mehr mit physischen Mitteln erringen müssen, ist es heute wichtiger denn je, diese Freiheit zu bewahren«, betonte Hümmer. Befreite man sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus den staatlichen Zwängen, sei es heute gerade die Aufgabe des Staates, die Freiheits- und Grundrechte zu bewahren.

Die gesellschaftlichen Zwänge und deren Befreiung finden sich auch in der Ausstellung wieder, besonders in der Malerei und Fotografie. Judith Bader, Leiterin der Städtischen Galerie, zeichnet dafür verantwortlich, dass die Ausstellung Malerei und die aufkommende Fotografie jener Zeit einander gegenüberstellt und so den Wandel in der Darstellung dokumentiert. »Die Fotografie hat die Kunst und besonders die Malerei befreit«, sagte Judith Bader bei einem Rundgang durch die Ausstellung. Wurden Porträts bislang von Herrschenden oder zahlungskräftigen Auftraggebern angefertigt, übernimmt nun die Fotografie diese Art der Darstellung. Sie steht nun aber auch dem Bürgertum und nicht mehr exklusiv den Herrschenden zur Verfügung. Die zahlreichen Aufnahmen aus dem Traunsteiner Fotoatelier von Anton Grainer geben hier einen bemerkenswerten Einblick in die inszenierte Selbstdarstellung der Traunsteiner Bürger. Die Malerei hingegen kann sich nun »Nebensächlichkeiten«, wie es Bader umschreibt, widmen, etwa dem Bildnis eines einfachen Bauernmädchens oder der Unteren Stadt, dem damaligen Armenviertel.

Für Stadtarchivar Franz Haslbeck war die Vorbereitung der Ausstellung, die als Teil der Veranstaltungsreihe »Goldene Jahre?!« konzipiert wurde, eine »Entdeckungsreise in 1,5 Kilometer Archivmaterial«. Viele unentdeckte Exponate haben so den Einzug in die Ausstellung gefunden: »Akte des Stadtmagistrates Traunstein« über die Gründung verschiedener Vereine wie den »Cither-Verein«, den »Sozialdemokratischen Verein« oder den »Velociped Club«. Erst technischer Fortschritt hätte laut Haslbeck das Freizeitverhalten des aufstrebenden Bürgertums möglich gemacht.

Trotz des Wandels hin zum Bürgertum und einer Gesellschaft in demokratischen Strukturen gehört auch in Traunstein der Antisemitismus zum Alltag. Dies wird auf dem Aushang anlässlich der Geschäftsübernahme »Joseph Rieder Bazar Nachfolger« deutlich, das in der Ausstellung zu sehen ist. Es wurde mit der Notiz versehen, es handle sich um einen jüdischen Geschäftsinhaber. »Bereits der ursprüngliche Geschäftsinhaber Joseph Rieder wurde für seinen jüdischen Glauben angegriffen und hat nach kurzer Zeit das Geschäft aufgegeben, das die Gebrüder Barasch schließlich übernahmen und bis in die 1920er Jahre erfolgreich führten«, sagte der Stadtarchivar beim Rundgang. Jedoch war auch die jüdische Familie Barasch in Traunstein nicht vor antisemitischen Anfeindungen gefeit, sogar Sprengstoffanschläge wurden auf das Geschäft verübt. Erst ein Einschreiten des Stadtmagistrats sowie ein Aufruf im Traunsteiner Wochenblatt setzten diesen Umtrieben vorläufig ein Ende.

Mit »Untertanen! Bürgerinnen und Bürger!« ist Stadtarchivar Franz Haslbeck und Judith Bader, der Leiterin der Städtischen Galerie, das Kunststück gelungen, die Umbrüche jener Zeit mit bewusst ausgewählten Exponaten aus dem Alltag der Traunsteiner in einer größtmöglichen Breite darzustellen – ohne den Besucher mit Informationen zu überfordern. Gelungen sind auch die beiden Hörstationen, die mit dem Besuch Prinzregent Luitpolds in Traunstein 1894 und Feldpostbriefen aus dem Ersten Weltkrieg jene Zeit lebendig werden lassen. Die Ausstellung ist bis 26. September mittwochs bis freitags von 11 bis 17 Uhr und samstags und sonntags von 13 bis 18 Uhr zu sehen. vew