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Bad Reichenhaller Philharmoniker auf neuen Wegen

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Die Bad Reichenhaller Philharmoniker in verkleinerter, Corona-konformer Besetzung bei ihrem ersten »Netz-Konzert« aus der Konzertrotunde. (Foto: Aumiller)

»Neue Wege« versprach das seit Längerem geplante erste Abokonzert im Jahreszyklus 2021 der Bad Reichenhaller Philharmoniker.

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Passender hätte die Übertitelung dieses Konzertangebots nicht sein können. Alles war neu bei diesem verheißungsvollen Auftakt in eine neue Saison: Erstmals boten die Musiker ihr Konzert im Stream an, der neue Chefdirigent Daniel Spaw leitete erstmals in seinem Amt das immerhin im Netz öffentlich zugängliche Konzert, neu war auch die ungewöhnliche Programmzusammenstellung und neues Glück empfanden die Musiker, endlich wieder spielen zu können. Dennoch artikulierte der Dirigent die große Hoffnung, sich bald wieder live einem anwesenden Publikum präsentieren zu können.

Erstmals Stück der Französin Louise Farrenc

Zum ersten Mal brachten die Philharmoniker das Werk einer Komponistin zu Gehör. Die Französin Louise Farrenc (1804 bis 1875) war Pianistin, Komponistin, Musikwissenschaftlerin und als erste Frau Klavier-Professorin am Konservatorium von Paris. Obwohl im 19. Jahrhundert komponierende Frauen kaum Chancen hatten, war sie erfolgreich. Sie wurde sogar von Robert Schumann wohlwollend beurteilt, aber ihr reichhaltiges Œvre aus Klavier- und Kammermusik wie auch Sinfonik fiel schnell der Vergessenheit anheim. Erst in unseren Tagen fällt allmählich wieder Licht auf ihr Schaffen.

Auch wenn das Klangergebnis im Stream nur mit Abstrichen wahrnehmbar ist, zeigte sich ihre Ouvertüre Es-Dur op.24 aus dem Jahr 1836 als ein anmutig ansprechendes Stück aus einem Geflecht filigraner Motive, in der harmonischen Struktur mehr dem deutschen als dem französischen Stil verwandt. Anton Reicha war einst Farrencs Lehrer gewesen und ihre Bewunderung galt vornehmlich der deutschen Klassik und Romantik. Ein liebenswertes Stück Musik mit ernster Einleitung und zündendem Finale, spielfreudig wiedergegeben. Daniel Spaw feuerte die Musiker mit Elan und Begeisterung zum aufmerksamen Miteinander an.

Ballettmusiken

Auf die Ouvertüre folgten zwei besondere Ballettmusiken: Aaron Coplands »Appalachian Spring« (Spring ist hier mit Quelle zu übersetzen) und Igor Strawinskis für das Ballet russe komponierte »Suite de Pulcinella«. Paris ergibt dabei das verbindende Element, da sich sowohl Copland als auch Strawinski bei längeren Aufenthalten von der französischen Hauptstadt inspirieren ließen. Copland machte für sich den Anspruch geltend, ernste, typisch amerikanische Kunstmusik zu schreiben. Er vermischt dabei geschichtlich Tradiertes mit volksmusikalischen Tanzmelodien.

Daniel Spaw erklärte einleitend: »Das Tanzstück liegt mir am Herzen. Es erzählt von meinem Heimatort, schildert eine lose Handlung in unberührter Natur und suggeriert eine offene Landschaft. Copland setzt auf einfache Melodien, breit, tonal und optimistisch.« Spaw wählte die ursprüngliche Fassung für 13 Instrumente und sagte, »ich habe großes Glück, dass ich Musiker habe, die das in solistischer Qualität spielen können«.

Leuchtende Kantilenen

Zu hören war ein sehr stimmungsvolles, fast intimes Stück zartfühlender kammermusikalischer Natur. Sehr schön, wie jeder Einzelne sein Instrument in Folge mit Bedacht zum guten Klingen brachte. Dabei wurde auch ein fein gewobenes, transparentes Miteinander aus Flöte, Klarinette, Fagott, Klavier und Violinen im Wechsel oder gemeinsam mit den tiefen Streichern erreicht. Herausleuchtend die Kantilenen von Klarinette und Fagott, die Flöte ein lustiger Überflieger, in filigranem Silberklang endend.

Strawinski wählte für die Pulcinella Suite Themen aus dem 18. Jahrhundert, vorwiegend von Pergolesi, reicherte sie mit seiner eigenen Tonsprache und markant gewürzter Rhythmik an, um den barocken Klang mit einem modernen Touch zu versehen. Kein Geringerer als Picasso schuf einst die Bühnenbilder für die Uraufführung, hergeleitet aus dem damals in Mode gekommenen Kubismus, bei dem ein Gegenstand gleichzeitig aus mehreren Perspektiven betrachtet wird, wie Spaw erklärte. Beide Künstler waren sich in gewisser Weise ähnlich, da sie etwa alle fünf Jahre ihren Stil wechselten. Das Pulcinella-Orchester setzte sich hier zusammen aus Flöten, Oboen, Fagotten, Hörnern, Trompete, Posaune und Streichern. Auch waren wieder solistische Passagen angesagt. Für die Musiker galt es, besonders gut aufeinander zu hören. Die Klänge fächerten sich auf in feine Melodik, witzigen Schalk, scharfe Rhythmik und forsch-übermütige Tutti zum finalen Ausklang. Der Dirigent zeigte Freude am Klingen und positive Ausstrahlung.

Schade war nur, dass die Kameraführung der Übertragung zu wünschen übrig ließ. Bei jedem Schwenk gerieten die Bilder und Detailausschnitte unscharf und unruhig flackernd. Ordentliche Schärfe gab es nur beim Fokus auf den Dirigenten und bei der Gesamtabbildung des Orchesters.

Elisabeth Aumiller

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