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Bavaristan - wos'n des?

Berchtesgaden - Lederhose, Wadlstrümpf, dazu eine Schnellfeuerwaffe und ein Munitionsgürtel. Zwei Salzburger Doktoranden, die sich »Bavarian Taliban« nennen, wollen aufklären und bayerische sowie afghanische Kultur zusammenbringen - vor dem Rathaus, unweit des Berchtesgadener Advents. Die politische Demonstration ist angemeldet, für den Zuschauer in weiten Teilen verstörend - aber durchaus ernst gemeint.

Marcus (l.) und Omar als »Bavarian Taliban«. Anzeiger-Fotos

Omar redet in seiner Landessprache. Nebenbei läuft Musik. Draußen hat es Minustemperaturen. Die kurze Lederhose hilft nicht viel. Auch Marcus trägt einen Turban. Die Kälte lässt er sich nicht anmerken. Vor ihm ist ein Alphorn. Er entlockt dem Instrument ein paar Töne. Marktbesucher werden aufmerksam, schauen, nähern sich dem Geschehen. »Was ist denn mit denen los«, fragt ein Berchtesgadener. Kopfschütteln.

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Omar, der Afghane, wohnt in Salzburg. Demnächst ist er Doktor der Politikwissenschaft. Marcus promoviert in Theaterwissenschaften. Beide sind Stipendiaten der »Hans Böckler«-Stiftung. Das, was sie am Rathausplatz aufführen, läuft als stipendiatisches Kunstprojekt. Dieses zu vermitteln, ist nicht ganz einfach. Das wissen die beiden Protagonisten.

Verwundert betrachten ein paar Spaziergänger das Schauspiel. Während Omar mit versteinerter Miene dasteht und seinen Text runterrattert, bläst Marcus in der bayerisch-afghanischen Tracht das Alphorn. »Warum tragen die Waffen, Mama«, fragt ein Bub. »Die haben sich verkleidet und spielen Krieg«, lautet die Antwort.

Falsch. Wer wissen will, was die »Bavarian Taliban« tun, muss mit ihnen reden. »Wir wollen, dass man uns versteht«, sagt Marcus. Als »Bavarian Taliban« setzt er sich für »Resozialisierung, Integration und interreligiöse Volkskultur in der bayerischen Alpenregion« ein. »Bayern und Afghanen haben eine ähnliche Mentalität und Gesinnung, weil beide Gruppierungen aus Bergregionen stammen«, findet er. Ähnlichkeiten zwischen den Stämmen vom Hindukusch und den Menschen aus der bayerisch-österreichischen Alpenregionen gebe es zuhauf: Heimatliebe, das Bewahren der Natur als Schöpfung Gottes, althergebrachte Traditionen und Bräuche«. Marcus sagt, dass mit dem Projekt »Bavarian Taliban« ausgewählte afghanische Milizen im Alpenraum auf ihre Eignung für einen Einsatz in der bayerischen Alpenregion vorbereitet werden.

Der künstlerische Anspruch hinter dem Projekt liegt zwar auf der Hand. Marcus und Omar meinen das, was sie vorhaben, aber durchaus ernst. »Die Leute aus Afghanistan sollen hier ihre erworbenen Fähigkeiten in der Ausbildung durch westliche Sicherheitskräfte anwenden«, sagt Marcus. Als Bergführer etwa. Ebenso soll die in der afghanischen Heimat gesammelte Erfahrung eingebracht werden, die kulturelle Landschaft in Bayern dadurch bereichert werden.« Interkulturelle und interreligiöse Botschafter könnten sie sein.

Dass das in Berchtesgaden nicht so einfach auf Verständnis trifft, damit hat Marcus gerechnet. »Wir untersuchen aber trotzdem, wie liberal in Bayern die Denke ist.« Eine Berchtesgadenerin, die an den beiden fremd wirkenden jungen Männern und deren Aufführung Interesse gefunden hat, fragt, was da vor sich geht. »Wir wollen Kulturen verbinden«, sagen die Beteiligten. »Ich brauch nur meine eigene Kultur«, antwortet die Berchtesgadenerin, verabschiedet sich und gibt mit auf den Weg, bei so niedrig Temperaturen das nächste Mal doch besser eine lange Lederhose zu tragen. kp