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Wenn sich eine Übersetzerin im Voralpenland niederlässt

Bayernlektionen

Es gibt gelegentlich auch Zuwanderer, die nicht vor irgendwelchen Kriegswirren oder wirtschaftlichen Miseren geflohen sind, die daher auch kein Asyl beantragen und keine Sozialhilfen vom Staat erwarten. Zu ihnen gehört Helga Castellanos.

In 25 Jahre währender Sprach- und Kulturarbeit im In- und Ausland für das Goethe-Institut, dessen Leiterin sie in La Paz (Bolivien) und Luxemburg war, hatte sie sich in der Literaturszene als Übersetzerin lateinamerikanischer Literatur sowie durch eigene Werke einen Namen gemacht. Immer hatte sie in dieser Zeit den großen Wunsch gehegt, der Hektik der großen Städte eines Tages den Rücken zu kehren und sich im Paradies zur Ruhe zu setzen, in einem Häuschen mit Garten und netten Leuten drumherum, und dieser Wunsch nach dem Paradies verwirklichte sich im Rupertiwinkel in unserem bayerischen Voralpenland.

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In dieser Umgebung, im ländlichen Umfeld und umgeben von landwirtschaftlichen Anwesen und ebensolchen Nachbarn, wurde sie wohlwollend aufgenommen, wobei sie aber gewissen gut gemeinten Erziehungsmaßnahmen durch die Nachbarschaft ausgesetzt war. Sie war es seit jeher gewohnt, bis lange nach Mitternacht am Computer zu sitzen und zu schreiben, wurde aber vorsichtig dahingehend belehrt, dass man auf dem Land spätestens um 10 Uhr flachliegt und mit den Hühnern aufsteht, zu Mittag gegessen wird Punkt 12 Uhr. Bekräftigt wurde diese Belehrung durch einen Nachbarn, der Punkt sechs Uhr per Kreissäge zu werkeln begann und das Kreischen derselben sie aus dem Bett katapultierte. Noch während ihres Frühstücks war der Nachbar dann mit der Kreissäge fertig. Ferner musste sie lernen, dass die Bauern alles dürfen. Nachdem sie ihre Wäsche im Garten aufgehängt hatte, näherte sich auf der angrenzenden Wiese der Nachbar mit dem Güllestreuer und die Wäsche drohte statt des frischen Wäschedufts einen weniger erträglichen anzunehmen. Also abnehmen und wegräumen. Aber auf Wäsche kann der Bauer natürlich keine Rücksicht nehmen – »wo kam’ ma denn do hi!«

Zahlreiche Beispiele dieser Art werfen ein interessantes Licht auf die Mentalität unserer Landbevölkerung, der sich ein Zugezogener anzupassen versucht, weil sie im Wesentlichen wohlmeinend ist.

Noch besonders aufgewertet werden diese lesenswerten Erfahrungen durch die Illustrationen, die der renommierte Maler und Zeichner Theo Scherling dazu beigetragen hat. Scherling versteht es wie kaum ein Zweiter, mit sparsam verteilten Strichen und Punkten das Wesentliche einer Situation herauszugreifen und in seinen Gesichtern einen Charakter und dessen Reaktion treffend zu schildern – was an die Kunst es unvergessenen Olaf Gulbransson erinnert.

Das Buch ist im Waginger Liliom-Verlag mit der ISBN 978-3-934785-91-5 erschienen. Werner Fritz