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Begeisternd vielseitig auf sechs Gitarrensaiten

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Jacques Stotzem braucht nur seine akustische Gitarre, um die Zuschauer zu begeistern. Das gelingt ihm auch beim Traunsteiner Gitarrenkonzert. (Foto: Kaiser)

Auch für das diesjährige Traunsteiner Gitarrenkonzert hat es Alfred Schillmeier, Gitarrist und Gitarrenlehrer an der Musikschule Traunstein, verstanden, einen gefragten Gast zu verpflichten: den belgischen Fingerstyle-Spezialisten Jacques Stotzem.


Mit einem gewinnenden Lächeln betrat der agile Mittfünfziger die Bühne des Großen Saales im Rathaus Traunstein, stöpselte sein Instrument ein und stellte sich in sympathisch gefärbtem Deutsch (seine Muttersprache ist Französisch) seinem Publikum vor: »Meine Leidenschaft ist die akustische Gitarre.« Da er aber auch Fan der Rolling Stones, von Led Zeppelin, Neil Young und (natürlich) Jimi Hendrix ist, mache es ihm großen Spaß, Stücke von ihnen für die akustische Gitarre zu adaptieren. So gab es im Konzert eine ausgewogene, »gesunde« Mischung von Eigenkompositionen und Bearbeitungen, von sensiblen Melodien und hartem Rock.

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Sein »Twenty-One« als strikter Acoustic-Rock war eine prima Einstimmung in den Abend, etwas deutlicher zur Sache ging seine Fassung von »With or without you«, einem sehr persönlichen Song von Bono der Rockband U2.

»Ich habe Melodien gern, komponiere oft romantisch« leitete Jacques Stotzem »Sur Vesdre« ein, das er dem Fluss in seiner Heimatstadt gewidmet hat, sehr entspannt und entspannend, mit schönen Farben. Sein »Oasis«, ein gut siebenminütiges Stück, war in der elegisch-melodiösen Einleitung vom Klang der nordafrikanischen Laute inspiriert. Umso heftiger und dynamischer kam der zweite, an Led Zeppelin orientierte Teil. »Französischen« Fingerstyle, aber auch Blues und Swing hörte man in »Picking in Paris« – eine interessante, unwiderstehliche Mischung. Bei »Going to California« aus dem vierten Album von Led Zeppelin waren die reichen Spielarten beim Fingerpicking genau zu beobachten. Mit seiner Fassung von »Tattoo’d Lady« des irischen E-Gitarristen Rory Gallagher gelang Jacques Stotzem eine geniale Anpassung von dessen explosiven Stil an die Akustikgitarre in einer faszinierenden Mischung von brutaler Härte und Wohlklang.

»Das ist meine erste und einzige Filmmusik, die aber ohne Film ist«, so stellte der Gitarrist sein »Deep Sea« vor – Musik, die beruhigend wirkt wie die stetige Wiederkehr der Wellen, anregend wie ihr wechselreiches Spiel am Strand. Das folgende »The Way to go« erklang wie auf der Gitarre gesungen zwischen Wohlgefühl und Ekstase. »Ich singe nicht, aber ich habe Lieder gern. Ich tanze nicht, aber ich mag Musette-Walzer«, so ergänzte Jacques Stotzem sein Credo und zelebrierte seine »Musette« (ganz neu und noch ohne Namen) in Erinnerung und Verehrung der Stärke, die Edith Piaf in ihren Walzer-Liedern aufleuchten ließ, konsequent nachempfunden in der abschließenden Steigerung.

Dann fing »der wilde Teil des Konzerts« an – und zwar mit Jimi Hendrix’ Cover-Version von Billy Roberts »Hey Joe« mit den für die Rockmusik richtungsweisenden Basslinien. »Jungle« lebte, wie »Oasis«, auch von orientalischen Einflüssen und präsentierte sich durch die Effekte, die die Fingerpicks möglich machen, als wilder, doch nicht bedrohlicher Urwald voll flirrenden Lebens. Die Griff- und die Spielhand arbeiteten ganz nah aneinander, mal am Steg, mal an den oberen Bünden, auch mit gekreuzten Händen – eine tolle, aber sinnvolle Show.

Aus dem guten alten »Mercury Blues«, gespielt als vehementer Gitarren-Boogie, war die reine Quelle des Rock 'n' Roll herauszuhören. Vor der letzten Nummer des Abends brachte Jacques Stotzem die Wahrheit über die »Bottleneck-Technik« an den Tag: Der »Flaschenhals«, den der Gitarrist sich über den keinen Finger der Griffhand stülpt, wird vorsichtig aus einer Flasche herausgeschnitten – aber nicht jede passte sofort. Der Gitarrist musste also mehrere Flaschen »köpfen« – so erklärt sich die Beliebtheit dieser Technik. Mit ihrer Hilfe hörte das Publikum eine mitreißende Stotzem-Auffassung von »Honky Tonk Women« der Rolling Stones.

Die »nostalgische, aber optimistische« Ballade als Zugabe war unumgänglich und schön. Die begeisterten Zuhörer bedankten und feierten Jacques Stotzem stehend, und er revanchierte sich mit seinem Arrangement von Neil Youngs »Like a Hurricane«. Engelbert Kaiser