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Mitglieder der Orchesterakademie des BR zu Gast beim »Musiksommer zwischen Inn und Salzach«

Begeisterndes Musizieren junger Künstler in Seeon

Die Kammermusikmatineen des »Musiksommers zwischen Inn und Salzach« im Festsaal des Klosters Seeon finden jedes Jahr eine hohe Akzeptanz – die diesjährige Matinee war restlos ausverkauft.

Almuth Siegel, Yoerae Kim, Gideon Wieck und Zoé Karlikow bei Beethovens Streichquartett op. 74. (Foto: E. Kaiser)

Das liegt schon auch an dem zeitlich angenehmen Beginn (eine Stunde vor Mittag), den besonders die »älteren Semester« sehr schätzen – der Berichterstatter hat dafür volles Verständnis. Man hört immer wieder, der »Musiksommer« möge doch mehrere solcher Termine jährlich anbieten, nicht nur diesen einen. Doch zurück zum diesjährigen Konzert. Der Auftritt von zwölf Stipendiatinnen und Stipendiaten der Akademie des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks in unverbrauchter musikantischer Neugierde und totaler Hingabe an den Notentext war anrührend und begeisternd für das Publikum.

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Zu Beginn lag das Streichquartett in B-Dur KV 159 von Wolfgang Amadeus Mozart auf den Pulten. Es gehört zur ersten Sechsergruppe von Quartetten (KV 155 bis 160), die im Umkreis von Mozarts zweiter Italienreise entstanden ist. Vater Leopold erwähnt in einem Brief aus Bozen (1772), dass Wolfgang »für die lange Weile ein Quatuor« schreibe – was der 16-Jährige da zum Zeitvertreib aufs Notenpapier warf, atmet selbstbewussten, stilsicheren jugendlichen Überschwang, dem Sophia Pantzier und Julita Smolen (Violinen), Hedwig Gruber (Viola) und Clara Grünwald (Violoncello) mit einem grundsoliden Verständnis für Zusammenarbeit nachgingen. Das eröffnende Thema der zweiten Violine wurde von der ersten ziemlich verwaschen aufgegriffen; aber das war schon der einzige Ausrutscher in der hellwachen, präzise und fein ausbalancierten Gesamtleistung des Quartetts.

Eine weitere Streichquartettformation mit den Geigerinnen Almuth Siegel und Yoerae Kim, dem Violaspieler Gideon Wieck und der Cellistin Zoé Karlikow widmete sich dem Quartett Nr. 10 in Es-Dur op. 74 aus dem Jahr 1809 von Ludwig van Beethoven, das wegen seiner Pizzicato-Effekte auch »Harfenquartett« genannt wird. Nach der mit starkem Ausdruck gestalteten Adagio-Einleitung zum 1. Satz gings dramatisch angefärbt weiter; doch immer wieder meldeten sich sangliche Melodien an. Temperamentvoll schloss der Satz. In expressiver Schönheit und souverän-gemeinsamer Phrasierung breiteten die Musiker den Klangzauber des Adagios aus. Quasi als Kontrast dazu folgte das stark rhythmisierte Presto, dessen Trio-Teil die Erregung weiter steigerte.

Fast nahtlos schloss sich als letzter Satz ein farbiges Variationen-Allegretto an, das mit einem ausgesprochen ruppigen Ende verblüffte. Die Zuhörer waren begeistert.

Nach der Pause erklang das Glanzstück der Matinee, Ludwig van Beethovens Septett für Klarinette, Fagott, Horn, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass Es-Dur op. 20 (1800), mit dem der 30-Jährige in Wien seinen ersten großen Erfolg feierte. In Seeon führte die Geigerin Julita Smolen als »Primaria«, als versierte Konzertmeisterin, das Ensemble durch das Septett: Hedwig Gruber und Clara Grünwald an Viola und Cello, die die Zuhörer schon beim Mozartquartett kennengelernt hatten, dazu Lukas Lang (Kontrabass), Kristian Katzenberger (Horn), David Schumacher (Fagott) und Markus Krusche (Klarinette). Dieses populäre Werk in fast orchestraler Dimension ist anspruchsvoll in Inhalt und Spieltechnik – die Geiger nennen es gern »Beethovens eigentlich erstes Violinkonzert«. Sechs Sätze in serenadenhafter Serie voll innerer Kraft und Freude lebten von fruchtbarer Abwechslung zwischen Streich- und Blasinstrumenten, die die Musiker genussvoll auskosteten und präsentierten. Der schwergewichtigen Einleitung zum 1. Satz folgte ein tänzerisches »con brio«-Allegro. Das Adagio cantabile, von der Klarinette intoniert und von der Violine weitergeführt, wurde in einem reizvoll-tiefsinnigen Gegeneinander von Bläsern und Streichern spannend ausmusiziert. Aus der Klaviersonate G-Dur op. 49 Nr. 2 hatte der Komponist das Menuett-Thema übernommen und es mit frechen, frischen Horn- und Klarinettenideen angereichert.

Der 4. Satz bot eine kostbare Variationenkette, bei der alle Instrumente mitmachen durften und die ein feines Ende fand. Durch einen Hornruf angestoßen und immer wieder mit Geist und Witz vorangetrieben wurde das Scherzo. Der letzte Satz begann in Moll fast wie ein Trauermarsch, fand dann aber zu überschäumender Lebenslust, endete nach einer mitreißenden Solokadenz der Violine in einem furiosen Finale.

Das Publikum feierte die phantastischen, jungen Musiker lautstark. Engelbert Kaiser