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Begräbnismusik und der Tag des Zorns

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Im Stil der englischen Kathedralenmusik dirigiert Philippe Herreweghe die Solisten, den Chor und das Instrumentalensemble – hier Violone, Truhenorgel und Laute – des »Collegium Vocale Gent«. (Foto: Salzburger Festspiel /Marco Borrelli)

Die Salzburger Kollegienkirche bot den akustisch und optisch passenden Rahmen für ein Festspiel-Konzert zum Thema »Zeit mit Ustwolskaja«, einer russischen Komponistin mit dem Vornamen Galina, die 2006 mit 87 Jahren gestorben ist. Drei ihrer Kompositionen – Nr. 1 bis 3 mit den Beinamen »Dona nobis pacem«, »Dies irae« und »Benedictus, qui venit« – standen dabei den »Musikalischen Exequien« SWV 279-281 von Heinrich Schütz (1585 bis 1672) gegenüber.


Was für ein Kontrast – nicht nur in der Kompositionstechnik natürlich, sondern vor allem im musikalisch transportierten Lebensgefühl. Das Klangforum Wien mit dem energiegeladenen Marino Formenti am Klavier und dem Dirigenten Ilan Volkov übersetzte die musikalischen Intentionen eindrucksvoll und emotional einprägend.

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»Dona nobis pacem« – weit entfernt von dem »Agnus Dei« einer kanonischen Messe mit demselben Text – stellt die sehr hohe Piccoloflöte dem tiefen Tuba-Instrument gegenüber, was im Hinblick auf den Titel »Gib uns den Frieden« durchaus einen symbolischen Charakter zu haben scheint. Der mit aller Kraft zu interpretierende Klavierpart lag dazwischen, als wollte er die beiden Extreme zusammenbringen – zeitweise so eindringlich und willensstark, dass die Intensität der Aussage nur mit Faustschlägen erreicht werden konnte. Immer wieder erstarb der Tuba-Ton in der Tiefe, und doch begann das Gebet von Neuem mit einem Flehen in den schrillen Tönen der Flöte.

Wie Glockentöne oder auch das verzerrt-laute Ticken einer Uhr erklangen im »Dies irae« die Schläge auf dem Holzwürfel, den Ustwolskaja selbst für ihre Musik konzipiert hat. Er hat sozusagen die Aufgabe des Schlagwerks, das Totenglocken, marschierende Soldaten oder Kanonendetonationen lautmalerisch-assoziativ darstellt. Acht Kontrabässe und das Klavier bestätigten dies mit ihren instrumentalen Möglichkeiten.

»Benedictus, qui venit« für vier Flöten, vier Fagotte und Klavier beschloss den modernen Teil wie auch das Konzert und wird sicherlich nachhaltige Eindrücke bei den Festspielbesuchern hinterlassen, die reichlich applaudierten – ebenso wie nach dem ersten Teil des Konzerts mit den wunderbaren Renaissance-Harmonien von Heinrich Schütz, die quasi den Boden für den modernen, zweiten Teil bereiteten. Ganz im Stil der englischen »Cathedral Music« dirigierte Philippe Herreweghe die Solisten, den Chor und das Instrumentalensemble des »Collegium Vocale Gent«. Die verschiedenen Teile der Exequien, einer Trauermusik in drei Teilen für das Begräbnis des Adeligen Heinrich Posthumus Reuß wurden als Soli, Rezitative und Chorgesänge in einem musikalischen Flow dargeboten, dessen delikate Gesangskultur ihresgleichen sucht. Nahtlos flossen die drei Teile ineinander über.

Der Gegensatz zu den russischen Kompositionen ließ die Musik von Schütz mit den tröstlichen Texten im seelischen Nachklang um so herrlicher erscheinen. Hätten Engel in der Kollegienkirche gesungen, es hätte schöner nicht klingen können. Brigitte Janoschka