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»Bei Olympia würde unser Sport dreckig«

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Zweiter Bürgermeister Rudi Fendt (r.) und Gabi Schieder-Moderegger vom Alpenverein freuten sich mit den Vorständen des Skiklubs Ramsau, Toni Graßl (2.v.l.) und Dominik Hillebrand (l.), über die Erfolge ihres Aushängeschildes Toni Palzer (M.).
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Die Ramsauer Jugend ist stolz auf ihren Toni und empfing ihn zur Ehrung im Gemeindeamt mit einem netten Spruch. (Fotos: Wechslinger)

Die Ramsauer verstehen es, ihre erfolgreichen Sportler zu ehren und zu feiern. Dies haben der Skiklub Ramsau und die Gemeindeverwaltung beim Empfang für ihren erfolgreichen Skibergsteiger Toni Palzer am Mittwoch wiederum bewiesen. Zweiter Bürgermeister Rudi Fendt und Skiklub-Vorstand Toni Graßl hatten ein neues Format gewählt und befragten ihr Skibergsteiger-Idol nach sportlichen, aber auch privaten Themen. Der »Berchtesgadener Anzeiger« hat den Fragenkatalog hinterher noch ein wenig ergänzt.


Toni, wie fühlt sich denn der Gewinn des Vertikal-Weltcups an?

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Toni Palzer: Der letzte Winter war für mich durch Infekte sehr schwierig. Ich freue mich zwar sehr über den Gewinn der kleinen Kugel, aber mein Vorhaben war, den Gesamtweltcup zu gewinnen. Es hat ja mit dem Gewinn des ersten Weltcups in China gut begonnen. Aber nachdem ich krank geworden bin, ist mein Traum geplatzt. Ich musste immer wieder bei null anfangen.

Gibt es einen neuerlichen Angriff auf den Gesamt-Weltcup?

Palzer: Ich habe mir in der letzten Zeit viele Gedanken über meine Trainingssteuerung gemacht. Ich trainiere sehr viel und kann mich auch in Grenzbereiche bringen, wobei ich wohl meinem Körper öfter zu viel zugemutet habe. Vor dem letzten Winter habe ich an die 50 Tage am Kitzsteinhorn übernachtet und dort täglich große Umfänge trainiert. Das war im Nachhinein nicht gut und das werde ich auch nicht mehr machen.

Wie viele Stunden trainierst Du?

Palzer: Ich gehe von über 1000 Stunden Training im Jahr aus. Im Sommer fahre ich viel mit dem Rad, weil man nicht stundenlang laufen kann. Die Grundlagen für Erfolge im Winter werden im Sommer gelegt. Im Winter sind die Trainingsumfänge geringer, aber dafür umso härter.

Nimmst du auch wieder an Bergläufen und Radrennen teil?

Palzer: Das Programm werde ich auf alle Fälle auf etwa die Hälfte reduzieren. Außerdem ist das Volk teilweise ungerecht und weiß nicht, dass ich beispielsweise beim Glocknerkönig erst 500 Radkilometer in den Beinen hatte, andere schon einige Tausend. Ich werde mich mehr spezialisieren, denn Wettkampfhärte brauche ich nicht, die habe ich. Ich bin jedoch immer gerne bei so volkstümlichen und gemütlichen Rennen wie bei der Watzmann-Gams dabei, weil da eine ganz besondere Atmosphäre herrscht.

Doping ist ja in Ausdauersportarten auch immer ein Thema.

Palzer: Ich bin erst heute früh kontrolliert worden. Das ist auch sehr wichtig für unseren Sport, denn wir hatten schon zwei Dopingfälle. Ganz wird man das Dopingproblem jedoch nicht in den Griff bekommen. Sollten wir olympisch werden, wird Doping ein noch größeres Thema werden.

Wie findet man sich in der Welt des Spitzensports zurecht?

Palzer: Für mich war der Sport einmal alles. Aber es ist ja schon eine gewisse Scheinwelt und es gibt doch viele wichtigere Dinge als den Sport. Die Menschen sind bekanntlich sehr undankbar. Wenn man gut ist, klopfen einem alle auf die Schulter, aber wenn es einmal nicht läuft, hört man nichts mehr von den Schulterklopfern.

Wann geht das Training wieder los?

Palzer: Am Montag fange ich recht gemütlich wieder an und werde meine Umfänge kontinuierlich steigern. Anfang Juni fliege ich mit meiner Freundin nach Trondheim, wo in Granosen ein Schanzenlauf stattfindet. Da treffe ich meinen Freund, den besten Langläufer aller Zeiten, Peter Northug. Über den Sommer werde ich an wenigen Wettbewerben mit Topbesetzung starten, weil es nur etwas bringt, wenn man richtig gefordert wird. Ab Oktober geht es dann auf den Gletscher zum Training.

Wie sieht es mit den Sponsoren aus? Profitieren die von den Erfolgen eines Toni Palzer?

Palzer: Ich bin bei Red Bull sehr gut aufgehoben, auch wenn ich nicht weiß, ob die von meinen Erfolgen viel haben. Aber Red Bull verfolgt eine andere Philosophie mit jungen Sportlern in besonderen Sportarten. Freilich haben die etwas davon, wenn ich beim Fernsehsender Pro 7 gegen Joko Winterscheidt auf eine Schanze in Titisee im Schwarzwald laufe und vorher sowie nachher genüsslich ein Getränk meines Sponsors trinke.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit dem Alpenverein aus und wie steht es um den Nachwuchs?

Palzer: Der Alpenverein unterstützt uns hervorragend. Die Nachwuchsrekrutierung ist in anderen Ländern wie in Italien und Frankreich anders aufgestellt. Dort hat das Skibergsteigen einen ganz anderen Stellenwert und wird anders gefördert. Die Förderung wird sicher ganz anders, wenn Skibergsteigen olympisch werden sollte. Ich und einige Kameraden von mir sind zudem sehr gut bei der Bundeswehr aufgehoben.

Wenn Skibergsteigen olympisch werden soll, muss der Modus beim Individual-Wettbewerb geändert werden, weil es sonst nicht transportierbar ist.

Palzer: Da verstehe ich unseren Verband ohnehin nicht. Warum macht man beim Individual nicht viermal 300 Höhenmeter im Aufstieg und in der Abfahrt. Das wäre für die Zuschauer spannend und für die Fernsehübertragung einfacher. Den Sprint kann man ohnehin überall durchführen. Da hatten wir in Norwegen schon in einer Stadt einen Wettkampf. Auch das Vertikalrennen ist gut durchführbar. Wenn man die Kamerapositionen aus dem alpinen Rennsport nützen würde, wäre alles leicht machbar.

Wie sehen die Konsequenzen bei einem Zuschlag für Olympia aus?

Palzer: Dann rührt sich richtig etwas. Dann haben wir gleich einmal ausrangierte Langläufer dabei, die auch schon einmal chemisch nachgeholfen haben. Und vor allem würde unser Sport dreckig, weil es dann plötzlich auf allen Ebenen um viel Geld geht. Zudem stelle ich mir die Frage, ob Olympia tatsächlich das Höchste für einen Sportler ist. Ein Olympiasieger ist nicht auch gleich der beste Sportler der Welt. Viel mehr Wert hat für mich ein Gesamt-Weltcupsieg, weil man da über die gesamte Saison der Beste war. Olympia könnte für uns einen faden Beigeschmack bekommen.

Dürfen wir im nächsten Winter von dir den Generalangriff auf den Gesamt-Weltcupsieg erwarten?

Palzer: Den Fehler, schon vor der Saison zu sagen, dass ich gewinnen möchte, mache ich nicht mehr. Denn ehe man sich versieht, ist man krank und kann dann nicht mehr seine volle Leistungsfähigkeit abrufen. Die Enttäuschung ist dann groß und man muss sich gegenüber vielen Leuten rechtfertigen. Christian Wechslinger