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Bei Zyperns Geschäftsleuten liegen die Nerven blank

Nikosia (dpa) - Der Mittelstand auf Zypern fürchtet dramatische Einschnitte. Auch nach einer Öffnung der Banken stellen sich Geschäftsleute auf bittere Verluste und eine lange Durststrecke ein.

Zypern
Menschen genießen in der zypriotischen Hauptstadt Nikosia einen milden Abend - mdoch sie geben dabei weniger Gelde aus als früher. Foto: Florian Schuh Foto: dpa

Andreas Michaelides und seine Tochter Eleni warten nervös auf eine Öffnung der zyprischen Banken. «Wenn ich könnte, würde ich alles Geld abheben», sagt der Zyprer, der im Zentrum der Hauptstadt Nikosia ein Stoffgeschäft betreibt. «Ich muss Rechnungen bezahlen. Was soll ich machen», sagt er. Ein Lieferant aus Frankreich habe schon eine Sendung neuer Ware gestoppt. Unsicherheit und Ärger stehen den beiden ins Gesicht geschrieben.

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«Wir verstehen, dass das System zusammenbricht, wenn alle ihr Geld abheben könnten», sagt Eleni. Doch am elften Tag der Bankenschließung spiele die Zeit gegen die Ordnung. Die Anspannung sei enorm, auch weil das Monatsende naht. Sie fürchtet hässliche Szenen, Rangeleien oder ein Chaos, sollten Bankkunden die angekündigten Beschränkungen bei der Auszahlung von Bargeld oder Überweisung nicht akzeptieren.

Polizei und Banken bereiteten sich am Mittwoch auf die Öffnung vor. Es gebe «öffentliche und verdeckte Maßnahmen», verlautet aus den Sicherheitsbehörden. Alle Filialen sollen am Tag der Öffnung Polizeischutz bekommen - um «potenzielle Gewalttäter» abzuschrecken. Die Zentralbank berief am Mittwoch ein Treffen führender Bankdirektoren ein, um über die Regeln für die Wiederöffnung zu informieren, berichtete der staatliche Fernsehsender RIK.

Die Europäische Zentralbank (EZB) soll Bargeld in dreistelliger Millionenhöhe an Zyperns Zentralbank verschickt haben. Diese verteile sie an alle Geldinstitute, hieß es aus Finanzkreisen.

Die Nerven liegen blank in Nikosia. Die relative Ruhe auf den Straßen sei trügerisch, sagen Zyprer. Die Regeln seien unklar, vor allem für Geschäftsleute, die Gehälter und Waren bezahlen müssen. Dem Mittelstand ist mit der Auszahlung einiger hundert Euro für den täglichen Bedarf nicht geholfen.

Niedergeschlagen sitzt der Hotelier Giannis Sophokleous in seinem Betrieb. Er habe Unmengen über Kreditkartenzahlungen kassiert ohne Aussicht, an das Geld heranzukommen. Mitarbeiter fragen ihn nach Gehältern. Der Bäcker will Geld für das Brot. «Sehen Sie es denn nicht, dass dieses Hin und Her nur noch mehr Verwirrung schafft», sagt er.

Dazu kommen die erwarteten Verluste der Rücklagen, die Investitionen auf Jahre hinaus erschweren werden. Pech hat, wer Kunde der Laiki Bank ist, die aufgespalten werden soll. Ein Unternehmer, der mit 500 000 Euro auf den Konten der Bank den laufenden Betrieb finanziere, müsse damit rechnen, dass 400 000 in eine «Bad Bank» wandern und auf Jahre festliegen, erwartet Sophokleous. Womöglich werde später nur ein Bruchteil des Geldes ausgezahlt. Finanzminister Michalis Sarris hat dafür einen Zeitraum von etwa sieben Jahren genannt.

Nach einer Stabilisierung der Banken stehen schmerzhafte Sparprogramme für den Staat bevor. Die Illusion des Wohlstandes ist auf der Mittelmeerinsel, die ganz auf die Finanzwirtschaft, Handelsschiffahrt und Tourismus gesetzt hat, mit einem schmerzhaften Knall zerplatzt. Bisher hat sich auch die Mittelschicht asiatische Hausangestellte geleistet. Nun wird erwartet, dass die Arbeitslosigkeit von 14 auf 30 Prozent steigen könnte.

Wirtschaftsverbände riefen die Bevölkerung und die Wirtschaft am Mittwoch auf, Ruhe zu bewahren und sich bei einer Öffnung der Banken «wie an einem normalen Arbeitstag» zu verhalten. Die Menschen sollten sich verhalten, als wäre nichts passiert.

«Wir haben jahrelang drei- oder viermal mehr konsumiert, als es unserem Niveau entspricht», sagt Gastronom Simis, der nahe der Faneromeni-Kirche eine Bar betreibt, in der sich die alternative Szene trifft. «Nun kommen wir an den Punkt der Pleite», sagt er durchaus selbstkritisch. Es sei falsch gewesen, dass die griechischen Zyprer auf Hilfe aus Russland gesetzt haben. «Mir ist die Berliner und Brüsseler Demokratie tausendmal lieber als die russischen Regeln. Die würden hier doch alles auffressen.»