weather-image
27°

Belcanto mit Wahnsinnsstimmen und einer Wahnsinnsarie

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Jonathan Story (von links), Chul Hyun Kim, der Dirigent Waku Nakazawa und Dilay Girgin freuen sich über ihren Erfolg mit der Oper »Lucia di Lammermoor« in Ruhpolding. (Foto: Janoschka)

Das Motiv unerfüllter Liebe aufgrund von Familienfehden gibt es häufig in der Literatur, so auch in Salvadore Cammaranos Libretto zu der Oper »Lucia di Lammermoor« von Gaetano Donizetti (1797-1848), das auf den Roman »Die Braut von Lammermoor« von Walter Scott (1771-1832) zurückgeht.


Zeugen dieser Tragik wurden nun die Zuschauer im nur halb besetzten Saal des Kurhauses in Ruhpolding, wobei die Tragik aufgrund der halbszenischen Darstellung durch das Ensemble »Oper im Berg« aus Salzburg nicht besonders stark ins Gewicht fiel. Dafür jedoch erreichte die Interpretation durch das Orchester »Oper im Berg« und die brillanten Stimmen der Sänger unter der hervorragenden Gesamtleitung von Waku Nakazawa eine Dramatik erster Güte.

Anzeige

Mit vielen Intrigen soll Lucia verheiratet werden

Simon Nagl, Kontrabassist und Mitorganisator der Veranstaltung, begrüßte die Besucher und führte kurz in das Geschehen der Oper ein. Die Bühne gab durch Abbildungen auf Planen an den Seiten und der Rückwand den Blick auf den Innenhof mit Treppen und Gängen des gotischen Schlosses der Familie Ravenswood frei. Diese waren Anhänger der katholischen Maria Stuart. Edgardo Ravenswood wollte Lucia, die Tochter der Familie Ashton, die aber dem Protestantismus huldigte, heiraten.

Lucias Bruder, Lord Enrico Ashton alias Nejat Isik Belen, protestierte jedoch aus dem Zuschauerraum kommend mit beeindruckend kräftigem und schön klingendem Bariton. Dilay Girgin, alias Lucia, war todunglücklich darüber. Ihre Vertraute Alisa, gesungen von Natsumi Uchi, bat mit dramatischem Mezzosopran ihre Herrin, dieser Liebe zu entsagen. Mit allerlei Intrigen sollte Lucia mit Lord Arturo verheiratet werden. Sie erstach ihren Bräutigam jedoch. In ihrem Wahn erlebte sie daraufhin eine kirchliche Trauung mit ihrem wahren Geliebten Edgardo, die sie in der sogenannten »Wahnsinnsarie« (Il dolce suono) besang.

Was Dilay Girgin an stimmlicher Leistung zeigte, kann fast nicht in Worte gefasst werden. Mit schwierigsten Koloraturen in den höchsten Lagen und sauberster Intonation ließ sie die Töne wie Klangkaskaden hinauf und hinunter perlen, und die erstaunten Zuhörer jubelten. Zwar benutzte sie durchweg einen der drei Notenständer mit Partitur, die auf der Bühne als Gedächtnisstütze bereitstanden, und bot ihre Interpretation vor allem konzertant dar, doch die Qualität ihres Gesangs war so hinreißend, dass das Publikum die fehlenden darstellerischen Qualitäten kaum vermisste.

Bis zum Schluss wurde sie der höchst anspruchsvollen Gesangspartie in Donizettis Oper auf höchster Ebene mehr als gerecht und sorgte für wahre Begeisterungsstürme. Chul Hyun Kim, ihr Geliebter Sir Edgardo di Ravenswood, stand ihr mit seinem kräftigen Tenor in nichts nach. Die Rolle des Erziehers und Vertrauten Lucias, Raimondo Bidebent, die der Bassist Jonathan Story stimmlich sehr überzeugend darstellte, erinnerte durch sein Alter, die tiefe Stimmlage und seine Kostümierung fast ein wenig an Sarastro in Mozarts Zauberflöte.

Masanari Sasaki verlieh gleich zwei Rollen seine Stimme: Lord Arturo Bucklaw, dem Gegenspieler von Lucias Geliebten Edgardo, und Normanno, dem Hauptmann der Truppen von Ravenswood. Donizetti hatte in seiner Oper nicht nur Soloarien, sondern auch Duette und Terzette bis hin zum Sextett angelegt, was jeweils mit diesem fantastischen Stimmmaterial ein Genuss für die Ohren war.

Musiker als einfühlsame Begleiter

Als einfühlsame Begleiter erwiesen sich unter der umsichtigen Leitung von Waku Nakazawa die Musiker des Ensembles »Oper im Berg«, die präzise und hoch musikalisch den stützenden Klangteppich für die Sänger knüpften. Ob Klavier (Keyboard mit Harfenklang), Soloflöte oder Solocello, ob Tuba, Horn oder Posaune, ob die beiden ersten oder zweiten Geigen oder ob Klarinette, Fagott oder Bratsche, das Fundament des Kontrabasses und nicht zuletzt die Pauke – hoch konzentriert und professionell spielte sich das 16-köpfige Ensemble in die Herzen der Zuhörer.

Die nächsten Veranstaltungen der Ruhpoldinger Opern- und Konzerttage, vier Kammerkonzerte mit Cello und Klavier, finden am Samstag, 29. August (16 und 20 Uhr), und am Sonntag, 30. August (11 und 15 Uhr), im Kulturhaus Nagl (Hauptstraße 26a) statt. Karten gibt es an der Tourist Info Ruhpolding und an der Abendkasse. Brigitte Janoschka