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Berchtesgaden mausert sich zur Filmregion

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Millionen TV-Zuschauer schauen »Lena Lorenz«. Es ist die größte Produktion, die im Berchtesgadener Land gedreht wurde. Hier fiel die Klappe in Schönau am Königssee. (Fotos: Kilian Pfeiffer)

Berchtesgaden – Die Anfragen zu Filmdrehs in und um Berchtesgaden bewegen sich auf hohem Niveau. Ein Grund: Wegen Corona können die Teams nicht ohne Weiteres im Ausland drehen, sagt Michael Wendl, Geschäftsleiter im Zweckverband Tourismusregion Berchtesgaden-Königssee (TRBK). Spätestens seitdem das Berchtesgadener Land im Jahr 2018 die Auszeichnung »Drehort des Jahres« erhalten hat, erfährt die Region einen Boom im TV- und Kino-Geschäft. Claudia Schülein, Teamleiterin Print und Medien sowie Maren Hauke, zuständig für TV und Film, geben Einblicke in das Geschäft rund ums Bewegtbild.


Als das Berchtesgadener Land im Jahr 2017 für den »Drehort des Jahres« nominiert wurde, war man stolz unter den Tourismus-Verantwortlichen. »Die Nominierung zeigte, dass unser Weg der Richtige ist«, ist Maren Hauke überzeugt. Die Motivation, am Ball zu bleiben, sei groß gewesen. »Bis zur Auszeichnung haben wir unseren Service weiter optimiert.« Ein Jahr drauf klappte es mit der Auszeichnung. Es sei die sichtbare Bestätigung gewesen für das Engagement, das man investiert hatte, um als Filmregion besser wahrgenommen zu werden und sich noch deutlicher zu etablieren, sagt Maren Hauke: Die Verantwortlichen hatten nicht nur an einem neuen Webauftritt gebastelt, sondern den Fokus auf das Suchen von Motiven gelegt, zudem darin investiert, Filmteams besser zu betreuen.

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Zum Zeitpunkt der Auszeichnung im Jahr 2018 wurden im Berchtesgadener Land bereits drei Serien parallel gedreht: die Dauerbrenner »Lena Lorenz« (ZDF), »Watzmann ermittelt« (ARD) sowie die Mini-Serie »Der Pass« (Sky). Maren Hauke und Karin Mergner, die Ansprechpartnerinnen seitens des Tourismus für Film- und Fernsehteams, wissen, dass dieser Preis nur aufgrund des Zusammenspiels aller Beteiligten gewonnen werden konnte. Das Serviceangebot sei seit diesem Zeitpunkt weiterhin geschärft worden.

Einkünfte in Millionenhöhe

»Seit der Auszeichnung kamen spürbar mehr Anfragen und Produktionen«, berichtet Maren Hauke. Im vergangenen Jahr lagen die TV-bedingten Übernachtungen bereits bei einem Wert von über einer Million Euro, heißt es bei der TRBK. Seit November und noch bis Ende Februar arbeitet eine namhafte Produktionsfirma in Berchtesgaden. Laut deren Herstellungsleiter fließt eine Wirtschaftskraft von über sechs Millionen Euro in die Region.

Bereits im Jahr 2018 wurde die Wertschöpfung aus Filmproduktionen berechnet. Etwa 150 Euro gibt jeder Filmschaffende pro Tag aus, teilt der Zweckverband TRBK mit. Davon fließen rund 50 Prozent in die Übernachtung, 25 Prozent in den Einzelhandel und 25 Prozent an Dienstleister. Für 2018 hatte die Region mit 140 Drehtagen, an denen im Durchschnitt knapp fünfzig Personen beteiligt waren, etwa eine Million Euro erwirtschaftet. Neben den genannten Erfolgsserien wurden weitere Spiel- und Kinofilme, Dokumentationen, aber auch Werbeproduktionen bekannter Marken in und um Berchtesgaden gefilmt. Autofirmen schätzen die Alpenlandschaft und drehten unter anderem auf der Roßfeld-Höhenringstraße.

Ruf als Filmregion »spricht sich herum«

Als Filmregion hatte man sich unter den Verantwortlichen vor zwei Jahren vorgenommen, noch intensiver in Erscheinung zu treten. »Zahlreiche neue Anfragen, Film-, TV- sowie Werbeproduktionen in Berchtesgaden zeigen, dass sich unser Ruf als Filmregion weiter herumspricht«, sagt Maren Hauke. Die Filmregion werde in vielen Abspann-Szenen kommuniziert, die Zuschauer erkennen die Region wieder. Für die TRBK ist das ein wichtiges Kriterium, ein Erfolgsmesser in der Eigenvermarktung.

»Die große Nachfrage versetzt uns in die Luxussituation, zukünftig unseren Service auf Produktionen zu fokussieren, die zu unserer Marke passen«, erklärt Claudia Schülein, Teamleiterin Print und Medien. Wichtig sei, die Region in hoher Qualität zu kommunizieren. Darüber hinaus werde der Fokus auf bestimmte Motive gelegt, die zur Marke Berchtesgaden passen. »Dort, wo wir Einfluss haben, wählen wir weniger bekannte Locations«, berichtet Schülein.

Aus der Vergangenheit und etlichen Beschwerden ist man klüger geworden: »Wir kennen den Ansturm auf besondere Orte und berücksichtigen diese bei der Beratung der Filmteams.« Produktionen, die nicht zur Marke passen, können zwar nicht verboten werden, heißt es aus dem Zweckverband. Allerdings möchte man zukünftig nur mit jenen Teams zusammenarbeiten, »die zu uns passen«.

Das Ziel, Filmproduktionen vermehrt in die Nebensaison zu steuern, scheint hingegen ambitioniert. Filmteams benötigen die großen, schönen Sommerbilder. Ob man sich mit herbstlicher Idylle zufrieden gibt, wird sich zeigen. Ein Ziel scheint klar: Einheimische während der Saison durch Sperrung von Plätzen und Straßen zu belasten, das möchte man weitestgehend vermeiden. In der Hochsaison geht es aber auch um die Unterkunftskapazität. »Die bereits vorhandene gute Auslastung durch unsere Stammgäste darf nicht überlastet werden«, warnt Schülein. Auch in der Zusammenarbeit mit dem Nationalpark Berchtesgaden sei den Touristikern »Fingerspitzengefühl wichtig«, nachdem in den vergangenen Jahren immer wieder vereinzelt Örtlichkeiten mithilfe von Bildern in sozialen Medien zu Besucher-Hotspots verkommen waren.

Drehs an schutzbedürftigen Orten reduzieren

Bei den Film- und TV-Zuständigen in der TRBK hat man sich dazu entschlossen, etwa oft nachgefragte Aufnahmen wie den Watzmann aus der Vogelperspektive anzubieten. »Damit können wir die Einsätze von verschiedenen Filmteams an schutzbedürftigen Orten reduzieren – das Material steht bereits fertig zur Verfügung«, so Maren Hauke.

Auch in anderen Bereichen will sich die Tourismusregion effizienter gestalten – im Sinne der Wertschöpfung und der Nachhaltigkeit in der Region, wie es heißt. »Dies bedeutet, dass wir unsere Dienstleistungen wie Catering, Fachkräfte-Personal sowie die Struktur von Drehgenehmigungen mehr und mehr professionalisieren.« Über allen Dienstleistungen steht langfristig der Auf- und Ausbau einer nachhaltigen Filmregion in Bayern, sagt Claudia Schülein. Das kommt nicht von ungefähr: Deutschland gilt nach den USA und Kanada als eines der beliebtesten Filmländer, nicht nur in Corona-Zeiten. Digitalministerin Judith Gerlach hatte das Berchtesgadener Land und dessen Nationalpark als die »perfekte natürliche Kulisse« beschrieben. Wer hier drehe, bekomme als Service ein »Rundum-Sorglos-Paket«. Die Entwicklung innerhalb der Region soll dahingehend angestoßen werden: Nachhaltigkeit, ein Fokus auf die Marke und die »Verträglichkeit der Filmarbeiten mit dem alltäglichen Leben unserer Einheimischen« – darauf liege das Hauptaugenmerk.

Ob Doku, TV-Filme oder Serien: In allen Bereichen will man in der Tourismusregion Präsenz zeigen: »Beim Sendeformat machen wir keine Unterschiede. Es geht eher um Inhalte und Zielgruppen der jeweiligen Produktionen«, heißt es. Wichtig sei, Berchtesgaden mit Themen und Bildern zu kommunizieren und ein Publikum dafür zu begeistern, das zu den Markenwerten passt, so Schülein.

Der Werbewert ist für die Region ohne Zweifel unbezahlbar. Reichweite geht über alles, da kommt es nicht darauf an, dass in TV-Serien wie »Lena Lorenz« Berchtesgaden und die Region nicht mit Namen genannt sind, sondern fiktive Ortsnamen gewählt wurden. Die Wirtschaftskraft des Film- und Fernsehgeschäfts ist zudem groß: Filmschaffende gelten als beruflich Reisende und dürfen auch in Zeiten von allgemeinen Beherbergungsverboten untergebracht werden. Den Tourismusmachern kommt das in Corona-Krisenzeiten gelegen.

Netflix mietet für Dreh Wohnungen im Markt an

Momentan wird im Landkreis, vor allem im südlichen Teil, viel gedreht. Netflix dreht in Kitzbühel und Berchtesgaden die Serie »Kitz«. Erst kürzlich wurde im Markt Berchtesgaden und im Nonntal gefilmt. Mehrere Privatwohnungen wurden dazu angemietet. Netflix selbst gibt zum jetzigen Zeitpunkt keine Auskünfte. Vergangenes Jahr hat zudem RTL die Primetime-Sendung »Der Bachelor« unter anderem im Berchtesgadener Land und in Traunstein aufgezeichnet. Ohne mit den Tourismusverantwortlichen in Kontakt getreten zu sein. »Nicht jedes Produktionsteam kommt im ersten Schritt auf uns zu. Da wir bei diesem Format keinerlei Bezug zu Berchtesgaden und unserer Marke erkennen, hätten wir sicherlich keine Unterstützung von unserer Seite anbieten können«, berichtet Maren Hauke. Wenn das Format, ebenso etwa die Platzierung des Watzmanns, etwa bei Pressekonferenzen des Bayerischen Ministerpräsidenten, konstruktive Diskussionen anregt, so Hauke, »dann ist das aber durchaus in unserem Sinn«.

Kilian Pfeiffer


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