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Berchtesgadener Kahlkessel?

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Einsame Kälberstein-Kapelle: Die Bäume rund herum mussten weichen. Die öffentliche Kritik war groß. (Repro: Pfeiffer)
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Am Ortseingang von Marktschellenberg: Einst waren hier viele Bäume, heute ist der Hang kahl. (Foto: Pfeiffer)

Berchtesgaden – Es war ein anonymer Brief, der viele Empfänger hatte. Der Grund: »Kahlschlag«, wie es in dem Schreiben heißt. »Es tut einem in der Seele weh, so etwas mit ansehen zu müssen. Haben die Leute überhaupt kein Gespür?« Gemeinderatsmitglieder aller Parteien und auch die Bürgermeister erhielten den Brief, der als Beispiel die Kälbersteinkapelle beinhaltete. Dort waren erst kürzlich einige Bäume gefällt worden. Der öffentliche Aufschrei war groß.


Rita Poser, die Vorsitzende der Kreisgruppe des Bund Naturschutz Berchtesgadener Land, verbreitete den Brief im Internet. Wohl ahnend, dass das Thema weite Kreise ziehen würde. Denn bereits in der Vergangenheit war bei Baumfällungen immer wieder Kritik laut geworden, so geschehen bei der Linden-Entfernung in der Oberau sowie der Ausholzung entlang der Straße und der Ache in Bischofswiesen.

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Weitere Bäume hat es jetzt am Kälberstein erwischt. Oberhalb der Sprungschanze, bei der kleinen Kapelle wurden einige Bäume gefällt. Der anonyme Brief-Verfasser schildert das so: »Es bot sich hier ein schrecklicher Anblick. Warum wurden alle Bäume, die die Kapelle so malerisch umgaben, einfach radikal abgeholzt? Welcher Sinn steckt dahinter? Profitgier? Futter für das Heizkraftwerk?«

Emotionen gehen durch

Dass bei einem Thema wie diesem die Emotionen mit einem durchgehen, davon kann auch Berchtesgadens Bürgermeister Franz Rasp ein Lied singen. Schon in der Vergangenheit standen die Kritiker immer sofort auf der Matte, wenn mal wieder ein Baum aus dem Alten Friedhof in Berchtesgaden entnommen wurde oder im Luitpoldpark einige hoch gewachsene Kolosse weichen mussten – wegen der Verkehrssicherungspflicht, wie Rasp immer wieder betonte.

Im kollektiven Bewusstsein scheinen einzelne Baumentfernungen große Auswirkungen zu haben: »Seit einiger Zeit werden bei uns an allen Ecken und Enden scheinbar wahllos in großem Umfang Bäume gefällt, unter den fadenscheinigsten Begründungen: Sie sind krank, eine Gefahr für den Verkehr etc. Jahrzehntelang standen sie an ihrem Platz und nun auf einmal müssen sie entfernt werden?«, schreibt der anonyme Brief-Verfasser, der in mehreren Foren viel Zuspruch erhielt. Schlimm sehe das Ortsbild aus, teilt ein anderer Internet-Nutzer mit. Ein weiterer versteht den tieferen Sinn der Baum-Maßnahmen nicht. Der Talkessel erwecke wegen Holzernte-Maßnahmen einen »räudigen Eindruck.«

Natürlich gibt es auch welche, die Berchtesgaden als »Kulturlandschaft mit viel Nutzwald« erkennen. Wo wiederum Bäume regelmäßig geerntet werden müssten. Was natürlich gut sei. Kreisgruppen-Vorsitzende Rita Poser ist da anderer Meinung: »Bäume sind mehr als nur Hackschnitzel- und Scheitholzlieferanten. Viele Tierarten finden dort ihren Lebensraum, je größer der Baum, desto zahlreicher die Gäste«, schreibt sie.

Und Paul Grafwallner, Bischofswieser Gemeinderat und ebenfalls in der Kreisgruppe des Bund Naturschutz aktiv, wählt die sarkastische Schiene und garantiert Besuchern des Talkessels ein »garantiert baumfreies Bergerlebnis«. Die Bürgermeister der fünf Talkessel-Gemeinden bezeichnet er als »Kahlkesselbürgermeister«. Eine Begrifflichkeit, die dem Berchtesgadener Gemeindechef Franz Rasp so gar nicht in den Kram passte. Er äußerte sich in einem sozialen Netzwerk und bot Gemeinderat Grafwallner umgehend an, »mit Dir eine Diskussion über Sichtachsen und gesetzliche Verkehrssicherungspflicht« zu führen. Ob es zu einem Treffen kam, ist nicht überliefert.

Wenig Freunde fand kürzlich auch jene Baumentfernung, die am Ortseingang von Marktschellenberg stattfand. Unweit des örtlichen Feuerwehrhauses wurde ein ganzer Hang abgeholzt. Für den Ortsbesucher ist das für den ersten Moment ein ungewohnter Anblick. Auch so mancher Marktschellenberger äußert sich skeptisch. »Immerhin wird ja nachgepflanzt«, sagt aber einer.

Drohnenaufnahmen als Beweis

Dass das Ausmaß der Abholzungen zumindest rund um den Kälberstein gar nicht so schlimm ist, zeigen nun Drohnenaufnahmen, die Michael Brandner vor wenigen Tagen auf der Videoplattform YouTube ins Internet gestellt hat. In beeindruckenden Bildern liefert er Ansichten von oben, auch den Kälberstein hat er im Fokus. Die allein stehende Kapelle oben auf dem Berg mag zwar nicht mehr so idyllisch wirken wie mit Bäumen umrahmt. Die Fläche, auf der dort das Holz entnommen wurde, ist aber bei Weitem kleiner als es so manches Bild »vom Boden« aus suggeriert. Kilian Pfeiffer

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