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Berchtesgadenerin alleine unterwegs in Iraqi Kurdistan

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Luise Petry traute sich mit 76 Jahren etwas, das sich viele jüngere Menschen nicht trauen: Sie reiste nach Kurdistan.
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Der Blick auf die Zitadelle in Erbil. (Fotos: Petry)

Berchtesgaden/Erbil – Mit 76 Jahren hat die Berchtesgadenerin Luise Petry sich dazu entschlossen, ein besonderes Reiseabenteuer zu erleben: Sie packte ihre Koffer und flog nach Iraqi Kurdistan. Von ihren außergewöhnlichen Eindrücken und Erlebnissen berichtet die »Anzeiger«-Reporterin in ihrem Reisebericht über den »anderen Irak«.


»Du bist verrückt«, und »du bist narrisch« – das hörte ich, als ich anderen von meinen Reiseplänen berichtete. Ich überlegte, wie solche Äußerungen zustande kommen und kam zu dem Schluss: Man hat die Bombenanschläge in Bagdad und die Grausamkeiten des IS im Kopf, wenn man an dieses Land denkt. Beides wollte ich nicht erleben und so recherchierte ich sehr ausführlich über die Situation, wie sie sich heute darstellt. Ich stellte fest, dass der Norden des Irak, die Autonome Region Kurdistan, derzeit wirklich ohne Gefahr zu bereisen ist. Ich erlebte ein Land, wie man es sich hier nicht vorstellt.

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Mein Traum war es, die Zitadelle von Erbil zu sehen, die seit 8 000 Jahren ununterbrochen bewohnt ist. Kein anderer Ort der Welt kann das nachweisen. Diesen Traum konnte ich verwirklichen und erlebte ein Land nicht nur mit Kulturschätzen, sondern auch mit Menschen, die herzlich, hilfsbereit und überaus gastfreundlich sind.

Schon am Flughafen in München bot mir eine junge Irakerin an, einfach aus Gastfreundschaft heraus, mir während meiner ersten beiden Tage Erbil zu zeigen. Solche Einladungen erhielt ich täglich. Und ich wusste, dass es unhöflich ist, sie auszuschlagen.

Aber noch war ich nicht in Erbil, denn ein Flug dorthin ist eine hochpolitische Angelegenheit. Offiziell reiste ich in den Irak, in ein Land, für das es kein Touristenvisum für Einzelpersonen gibt. Tatsächlich reiste ich in die Autonome Region Kurdistan für die es genügt, einen Einreisestempel am Flughafen Erbil in den Pass gestempelt zu bekommen. Alle Fluglinien, die Erbil anfliegen, teilten mir per E-Mail mit, dass sie mir nur mit einem Irakischen Visum im Pass eine Bordkarte ausstellen werden. Was tun?

Dank Internet konnte ich einen Engländer und einen Deutschen mit dem gleichen Problem ausfindig machen. Sie bestätigten mir, dass sie am Flughafen eine Bordkarte ausgestellt bekamen, ohne irakisches Visum. Mit diesem Wissen fuhr ich nach München und hoffte darauf, dass auch ich eine Bordkarte bekomme. Offiziell halten sich die Fluganbieter an die Vorschriften der irakischen Botschaft und tatsächlich akzeptieren sie die kurdische Version des Einreisestempels in Erbil.

In Erbil konnte ich dann eine wunderbare Zeit erleben. In Bezug auf Sicherheit gab es keinen einzigen Augenblick der Unsicherheit oder Gefahr. Ich ging als Frau alleine, ohne Kopftuch, durch Erbil und auch durch den großen Basar. Ich hatte nie das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Im Gegenteil: Ich wurde täglich oft gefragt, ob sie – es waren hauptsächlich junge Leute – ein Foto von mir machen dürfen. Touristen gibt es keine. Wenn ich erzählte, dass ich aus Germany komme, war die Freude doppelt groß, denn Deutschland hat einen hohen Stellenwert. Oft hörte ich, dass eine große Dankbarkeit herrscht, dass Deutschland 2015 Flüchtlinge aufgenommen hat. Denn zu dieser Zeit beherrschte der IS Mossul und Kirkuk. Er behandelte viele, vor allem Christen und Jesiden äußerst brutal. Diese Situation wird im Dezember 2018 bei der Verleihung des Friedensnobelpreises an die kurdische Jesidin Nadia Murad auch hier noch einmal im Fokus stehen.

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Der Blick auf die Zitadelle in Erbil. (Fotos: Petry)

2016 vertrieben die Peschmerga, das kurdische Militär, den IS. Geschämt habe ich mich beim Anblick eines Flüchtlingslagers in Dohuk, in dem 650 000 Flüchtlinge aus dem benachbarten Syrien leben, während Dohuk selbst nur 500 000 Einwohner zählt.

Reiche Menschen versorgen die Armen

Eine junge Irakerin erzählte mir, dass ihre Familie an jedem Ersten des Monats Grundnahrungsmittel an drei arme Familien verteilt. Sehr reiche Iraker versorgen die Armen eines ganzen Dorfes, einfach so, ohne Verpflichtung.

Meine ersten beiden Tage in Erbil wollte ich für die Besichtigung der Zitadelle und der kulturellen Höhepunkte der Stadt nutzen. Fast mehr beeindruckt haben mich aber die Menschen, die heute in der Stadt leben und die ich kennenlernen durfte.

Die Zitadelle ist seit 2014 Weltkulturerbe. Es ist eine fast runde Stadt, die 30 Meter über dem übrigen Erbil auf einem Felsen erbaut wurde. 1980 lebten noch etwa 4 400 Menschen in 375 Häusern in der Zitadelle, heute ist es nur noch eine Familie. Die Familien wurden von Saddam Hussein zwangsenteignet, der mit der Zitadelle den kulturellen Mittelpunkt des Landes zerstören wollte. Die Zitadelle wird nun aufwendig restauriert, um sie wieder bewohnbar zu machen.

Der jetzige Bürgermeister von Erbil, Nihad Qoja, wurde 1957 oder 1958 in der Zitadelle geboren, er weiß selbst nicht genau, wann. Er engagierte sich im Widerstand gegen Saddam Hussein und floh deshalb 1981 nach Bonn, wie viele andere Kurden auch. 2004 kehrte er aus Bonn als Bürgermeister nach Erbil in seine Heimatstadt zurück. Er fliegt alle drei Monate für zwei Wochen zu seiner Familie, die in Bonn geblieben ist. Es gibt in Erbil eine deutsche Schule, ein Goethe Institut und eine deutsche Handelsvertretung für die Betreuung vieler dort ansässiger deutscher Firmen. Erbil ist eine Stadt im Orient mit dem Blick nach Westen.

Mein Guide, Karwan Wahid, hat mir bei der Planung der Reise mit vielen aktuellen Informationen über die heutige Situation in Irakisch Kurdistan geholfen, sodass ich das Gefühl hatte, ich kann gut alleine dorthin reisen. Er fuhr mich mit seinem Auto durch den Teil des Irak, der von der Regierung Kurdistans verwaltet wird. Es war sehr wichtig, darauf zu achten, denn ich hatte kein irakisches Visum. Einmal machte mich die Beschränkung traurig, denn ich war nur ein paar Kilometer von der aus dem Alten Testament bekannten assyrischen Stadt Ninive entfernt. Ein Jahr irakisches Gefängnis, das ich zu erwarten gehabt hätte, hielt mich ab, Ninive zu besichtigen.

Frieden trotz verschiedener Religionen

Was mir vorher nicht bewusst war, ist, dass Christen so präsent sind und es jetzt nach dem IS auch wieder sein dürfen. Ich besichtigte den Geburtsort von Noah, Al Kosh, der nach der Zeit des IS wieder ein christlicher Ort ist. Das Kloster Matti (Mathäus) ist wunderschön an einen Berghang gebaut und wird seit dem 4. Jahrhundert von Mönchen bewohnt. Ainkawa ist der Bischofssitz. In Lalesh beeindruckte mich der Tempel der Jesiden, das größte Heiligtum dieser Religion. Von dieser Religion gibt es nichts Schriftliches, die Inhalte werden nur mündlich weitergegeben. Eine weitere positive Erfahrung der Reise war, dass es möglich ist, dass Angehörige verschiedener Religionen in einem Ort friedlich nebeneinander leben können.

Das Zweistromland ist uralt besiedeltes Land. Im September 2018 gruben britische Forscher zwei weitere bis zu 65 000 Jahre alte Skelette in der Shanidar Höhle aus. Amadiya ist seit 6 000 Jahren besiedelt und ist auf einem Felsen, ähnlich wie die Zitadelle von Erbil, erbaut. Die antiken Baudenkmäler und Ruinen der Jahrtausende alten Geschichte beeindrucken.

Karwan meinte, ich müsste auf jeden Fall den Korek Mountain sehen, sozusagen das Sölden von Kurdistan. Die Firma Doppelmayr baute 2011 eine Seilbahn, um ein Skiparadies für die Reichen und Schönen zu erschließen. Auf dem Weg dorthin kommt man am Geli Ali Beg vorbei, einem Wasserfall, der auf jedem irakischen 5 000 Dinar Geldschein zu sehen ist.

Nach und vor jeder Stadt ist ein Checkpoint zu passieren, der mit Peshmerga-Soldaten besetzt ist. Üblicherweise werden alle Autos durchgewunken, da es anscheinend nichts mehr zu kontrollieren gibt. Unser Auto wurde dagegen öfters angehalten, denn die Peshmerga haben Karwan jeweils gebeten, er möge doch gut auf mich aufpassen. Diese Fürsorglichkeit spürte ich täglich in vielen Situationen. Dies wird mir genauso in Erinnerung bleiben, wie die besichtigten Kulturdenkmäler und Naturschönheiten. Ob Irakisch Kurdistan auch in Zukunft weiter so einfach zu bereisen ist, ist nicht sicher.

Noch 2015 musste jedes Hotel polizeilich überwacht werden. Von 2014 bis 2016 beherrschte der IS das Land. 2016 vertrieben die Peshmerga den IS aus Mosul und Kirkuk, der ideellen Hauptstadt der Kurden. Die irakische Regierung verleibte sich dann die beiden ölreichen Städte ein, ohne Kurdistan zu beteiligen. Kurdistan möchte autonom werden. Das will die irakische Regierung verhindern, um die Macht über das Öl behalten zu können. Möge dem Land zwischen Euphrat und Tigris Frieden beschieden sein, sodass es möglich wird, irgendwann einmal auch Babylon und alle anderen antiken Stätten besuchen zu können. Luise Petry