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Berührende Schicksale vor dem Vergessen bewahrt

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Susanne Maslanka ließ die Einzelschicksale lebendig werden. (Foto: Merker)

Berchtesgaden – »Verfolgung vor Ort« war das Obersalzberger Gespräch betitelt, das in einem voll besetzten Kleinen Saal im AlpenCongress stattfand. Referentin Susanne Maslanka beleuchtete an fünf Beispielen die Verfolgung von Menschen im Berchtesgadener Land durch das NS-Regime.


In ihrem informativen Vortrag machte Susanne Maslanka deutlich, was die Rassengesetze für den Einzelnen bedeutet haben. Dass es sich dabei um Beispiele aus der Region handelt, machte sie noch greifbarer und rückte die NS-Zeit näher an den heutigen Zuhörer heran.

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Als Erstes erzählte die Historikerin mit Schwerpunkt Osteuropa die Geschichte des Ehepaares, das auf dem Plakat zum Vortrag abgebildet war. »Es handelt sich um Michael und Therese Fegg. Er stammt aus Loipl, sie aus der Gern.« Das kinderlose Paar hatte einen Pflegesohn aufgenommen. Sie lebten in Freilassing und waren aktiv bei den Zeugen Jehovas, die sich damals Internationale Bibelforscher nannten. Die Nazis sagten ihnen einen Hang zum Kommunismus nach und verfolgten sie, da sie nicht mit der NS-Ideologie konform waren, den Kriegsdienst verweigerten, den Hitlergruß nicht zeigten und in keine NS-Organisation eintraten. Die Zeugen Jehovas, darunter auch die Feggs, leisteten zum Beispiel mit Flugblättern Widerstand gegen das Regime. Dem Ehepaar wurde 1935 der Pflegesohn entzogen und die Eltern mehrmals eingesperrt. Zu langen Haftstrafen verurteilt, kam Therese Fegg 1938 ins Konzentrationslager Ravensbrück, ihr Mann 1939 ins KZ Dachau und dann ins KZ Mauthausen, wo er am 18. Februar 1940 angeblich an einer Harnvergiftung starb. Eher wahrscheinlich ist, dass er nach Misshandlungen verhungert ist. Therese kam 1943 als Haushaltshilfe zu SS-Offizier Hans Kammler. Nachdem sie im Mai 1945 von den Amerikanern befreit worden war, ließ sie sich in Ainring nieder, wo sie 1965 verstarb.

Kriegsheld geht ins Exil

Der Ortenau-Park in Bad Reichenhall ist vielen ein Begriff. Doch hinter dem Namen steht die Geschichte des jüdischen Kurarztes Dr. Gustav Ortenau, der, aus Fürth stammend, sich mit seiner Familie in Bad Reichenhall niedergelassen hatte und zudem auch in Italien tätig war. Tochter Irma kam 1905, Sohn Erich 1912 auf die Welt. Der Arzt nahm am Ersten Weltkrieg teil, wurde ausgezeichnet und empfand sich als guter Patriot und Bayer. Er engagierte sich in Vereinen, vor allem im Alpenverein. Als im November 1933 SA-Männer Boykottposten vor seiner Praxis aufstellten, zog er seine Uniform und seine Orden an. Das beeindruckte die SA-Männer und sie salutierten vor ihm. Es entstand eine absurde Situation und der Weltkriegsteilnehmer protestierte gegen die Einschränkungen, die Deutsche mit jüdischer Abstammung hinnehmen mussten.

Dem Ehepaar gelang schließlich die Emigration in die Schweiz. Nur ihre beiden Kinder erhielten kein Visum. Die schlugen sich auf Fahrrädern nach Italien durch und konnten nur deswegen dort einreisen, weil der Grenzer einmal von ihrem Vater behandelt worden war. Irma tauchte in Italien unter und Erich wanderte nach Palästina aus. Die Eltern überlebten in Basel.

Bekannt ist das Schneewinkllehen in der Schönau. Es gehörte dem Kunsthistoriker Rudolf Berliner und seiner Frau Maria. Schon der Vater Rudolfs war vom jüdischen Glauben zum Protestantismus konvertiert. Trotzdem wurde er als Jude nach den NS-Rassegesetzen definiert. Er verlor seine Stellung am Bayerischen Nationalmuseum und die Familie zog sich in das Schneewinkllehen zurück, weil sie sich dort sicherer fühlte als in München. Schließlich wanderten sie 1938 in die USA aus, wo er erfolgreich arbeiten konnte. Ihr Haus war eines jener, die Martin Bormann in der Region akquiriert hatte; er stellte es Heinrich Himmler zur Verfügung. Der ließ es durch Sträflinge aus dem KZ Dachau umbauen. Nach dem Krieg bekam die Familie Berliner das Lehen zurück, verkaufte es allerdings, nachdem sie erfahren hatte, wer darin gewohnt hatte. Doch die Verbundenheit zur Schönau blieb bestehen. Rudolf Berliner liegt am Bergfriedhof begraben.

Rassengesetze reißen Familien auseinander

Dass die Rassengesetze Familien auseinanderreißen konnten, zeigt das Beispiel der Familie Moderegger vom Haus Christlieger am Königssee. Max Moderegger hatte die aus Breslau stammende Felicitas kennengelernt und geheiratet. Beide betrieben das Strandbad am Königssee. 1920 kam Sohn Rolf auf die Welt, der nach den NS-Rassegesetzen als Halbjude galt. Dass Felicitas Jüdin war, führte zu Anfeindungen vonseiten der Touristen, und sie durfte 1938 das Strandbad nicht mehr betreten. Nach den Pogromen im November 1938 mussten alle Deutschen mit jüdischem Glauben das Berchtesgadener Land verlassen. Felicitas ging in die Niederlande, um von dort weiter nach Südamerika auszuwandern. Doch die Besetzung der Niederlande durch die Deutschen vereitelten ihre Pläne. Sie wurde in das Ghetto Theresienstadt deportiert, das sie überlebte. Die Trennung von seiner Frau und die Sorgen um seinen Sohn, der als Halbjude Anfeindungen ausgesetzt war, führten wahrscheinlich zum plötzlichen Tod von Max Moderegger 1944. Als die Mutter nach dem Krieg bei ihrem Sohn am Königssee auftauchte, war die Freude groß. Beide wanderten in den 1950er-Jahren nach Argentinien aus.

Nur wenige Aktennotizen

Nur spärlich sind die Aktennotizen zum Leben von Dora Reiner. Mit ihrem Mann Fritz kaufte sie das Hirschenhaus in der Schönau und blieb auch nach ihrer Scheidung dort wohnen. Nach der Pogromnacht am 9. November musste auch sie die Schönau verlassen, wurde in München interniert und anschließend in den Osten zu einer angeblichen »Umsiedlung« gebracht und auf freiem Feld erschossen. Ihren Haushalt versteigerte das Finanzamt Berchtesgaden öffentlich, wie es eine Anzeige im »Berchtesgadener Anzeiger« verkündete. »Wer weiß etwas über Dora Reiner oder wer hat sogar noch Dinge aus ihrem Haushalt?«, fragte Susanne Maslanka, die sich über jeden Hinweis freuen würde. »Es geht darum, über die persönlichen Gegenstände einen besseren Zugang zu Dora Reiner zu bekommen, als nur über die spärlichen Aktennotizen.« Christoph Merker