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Besondere Eiszeit im Jubiläumsjahr – Mannschaft präpariert Kunsteisbahn am Königssee

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Daniel Haagn schaufelt Schnee in die Bahn, Markus Walch (vorn) und Markus Walcher verteilen diesen gleichmäßig auf der langen Königssee-Geraden. (Foto: Bittner)

Daniel Haagn schaufelt Schneeabrieb aus der Berchtesgadener Eishalle auf die lange Gerade. Florian Stocker klopft die weiße Pracht mit einer Schaufel platt, ehe Markus Walch das Ganze mit einem Holzgestell »gerade zieht«. Das Trio ist Teil einer eingespielten Mannschaft, die die Kunsteisbahn am Königssee präpariert. Die vereiste Fläche ist rund 7000 Quadratmeter groß. Zum Vergleich: Ein Eishockeyfeld hat nur rund 1830 Quadratmeter.


Seit 2001 ist der 54-jährige Markus Aschauer Bahnchef. Er koordiniert alle Arbeiten rund um die Kunsteisbahn. Aschauer war kürzlich beratend in China, heuer schon zum achten Mal, um die Bahn für die Olympischen Spiele 2022 in Peking mitzugestalten. »Die neuen Anlagen mit Überdachung sind energetisch und in Sachen Arbeitsaufwand selbstverständlich günstiger als unsere«, sagt er bei den Vereisungsarbeiten. Jedoch würde eine komplette Überdachung an der Kunsteisbahn am Königssee die Sicht für die Zuschauer erheblich einschränken. Die Verantwortlichen sind dabei, sich Lösungen zu überlegen.

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Anfang Oktober geht es regelmäßig ans »Eismachen« – eine Prozedur über lediglich eine Woche, ehe die ersten Schlitten in die Spur gelassen werden. »Das sind meistens gute Rodelkinder, die als Erstes von einer niedrigeren Starthöhe in die Bahn gehen und sie ausprobieren«, sagt der Bahnchef. »Der Nachwuchs gibt uns dann Rückmeldung, wo noch Schläge und Buckel drin sind. Diese können wir schließlich nacharbeiten.« Nach dem ersten Antesten starten bereits in dieser Woche die ersten Trainingseinheiten für alle Kufensportarten, täglich von 9 bis 21 Uhr. Das heißt für die Mitarbeiter Betrieb von 7 bis 22 Uhr. Das Bahn-Team besteht aktuell aus fünf Festangestellten, dazu kommen 15 Saisonkräfte im Winter sowie 15 geringfügig Beschäftigte, beispielsweise für den Auftransport der Bobs oder Aushilfszeitnehmer bei den Rennbob-Taxi-Fahrten.

Eine »verkehrte Fußbodenheizung«

Wie startet die Vereisung? »Man muss sich das System wie eine Fußbodenheizung vorstellen«, sagt Aschauer. »Nur, dass wir durch die Rohre, die in der Betonrinne verlaufen, keine Wärme, sondern Kälte schicken.« Zunächst wird der Beton behutsam in einem Zeitfenster von rund 20 Stunden heruntergekühlt. Bei Sonnenbestrahlung im Sommer kann der Beton über 30 Grad heiß werden. Kritisch ist das Unterschreiten des Gefrierpunktes, da es dabei zu Rissbildungen im Beton kommen könnte – darum das langsame Kühlen.

Die Kühlrohre laufen im Abstand von acht Zentimetern durch die Bahn, dabei kommen etwa 80 000 Meter zusammen. Am Tiefpunkt des Segments wird flüssiges Ammoniak – welches aufbereitet immer wieder verwendet werden kann – eingespritzt. Es besitzt einen sehr tiefen Siedepunkt von minus 33,34 Grad. Ammoniak, eine chemische Verbindung von Stickstoff und Wasserstoff, verdampft in den Rohren, entzieht seiner Umgebung die Wärme und nimmt diese auf. Am Ende des Segments wird das erwärmte Element in gasförmigem Zustand durch ein größeres Rohr runtergezogen. Dort verdichten und verflüssigen es die Mitarbeiter wieder und schicken es zurück in die Kühlrohre. Das Ammoniak verbraucht sich dabei nicht, wird weder mehr noch weniger: »Wenn es sich im Kreislauf befindet, funktioniert es immer wieder. Wir haben unser Ammoniak seit 50 Jahren in der Anlage«, informiert Markus Aschauer. Trotz ihres Alters gehört sie nach wie vor zu den »modernsten« Kunsteisbahnen. Bahnbetreiber auf der ganzen Welt holen sich deshalb Ratschläge beim Königssee-Experten, einem gelernten Elektriker inklusive Abschluss einer Technikerschule. Die Programmierung der computergesteuerten Anlage übernimmt eine Fachfirma aus Chieming, meist funktioniert das heutzutage mittels Fernwartung.

Auf der Betonoberfläche bildet sich beim Herunterkühlen schließlich von ganz allein Feuchtigkeit, die gefriert, dann Reif und schließlich »richtig schöne Eiskristalle« bildet, sagt Aschauer. Nun kann der nächste Schritt erfolgen: »Da wir die Eiskristalle für den Kufensport nicht gebrauchen können, müssen wir sie einspritzen, damit kompaktes Eis entsteht.« Fürs Rodeln werden rund zwei Zentimeter benötigt, drei bis vier für die Bobs. Je nach Stärke des Kurven-Anpressdrucks der Schlitten fällt die Dicke unterschiedlich aus. 300 bis 400 Einspritz-Arbeitsgänge sind erforderlich, um die gewünschte Eisdicke zu erhalten. Dabei helfen schon mal die Aktiven mit, heuer unter anderem die Skeleton-Kinder von Trainerin Anja Selbach sowie der Bob- und Rodel-Nachwuchs. »Das erfordert für zwei bis vier Gruppen jeweils fünf bis sechs Stunden Aufwand«, sagt Aschauer.

Aus der langen »Geraden«, die früher ganz flach war, wird durch eine künstlich erzeugte Schrägneigung fast schon eine Art Steilkurve – die höheren Geschwindigkeiten der Piloten heutzutage erfordern diese Maßnahmen. Der aufgebrachte Schnee friert in der Schattenlage am Königssee relativ zügig durch, schließlich kommen die Helfer zum Durchspritzen oder es regnet darauf. Kompaktes Eis entsteht. Das Abhobeln für eine glatte Oberfläche geschieht in den Kurven manuell per Hand, und auf der langen Geraden mit einem Schmalspurtraktor samt Eishobel. Während der Saison muss meist nur moderat weitergekühlt werden, wenn sich die Temperaturen in die Plusgrade bewegen. Somit beschränkt sich der größte Energieaufwand auf die Vereisung im Oktober. »Problematisch wird's erst ab 25 Grad Celsius und starkem Föhn – warmer Wind setzt der Eisoberfläche dann irgendwann schon gewaltig zu«, informiert Aschauer.

Wichtige Wettbewerbe bis Anfang März

Schon in dieser Woche stehen erste Selektionsrennen, also interne Bewerbe auf dem Programm. Die Auftaktrennen steigen Anfang Dezember im Rahmen eines Skeleton-Europacups. Die dreimonatige Kernzeit hält zum diesjährigen Bahn-Jubiläum neben internationalen Trainingswochen, zahlreichen bayerischen und deutschen Meisterschaften wie immer Höhepunkte mit dem Rennrodel-Weltcup am 5. und 6. Januar 2019 sowie den Bob- und Skeleton-Weltcup-Rennen nur ein Wochenende später bereit. Ende Januar/Anfang Februar steigt schließlich die Bob- und Skeleton-Weltmeisterschaft der Junioren als besonderes Saison-Highlight am Königssee. Erstmals werden am 23. Februar zudem sogenannte Youth-Rennen der IBSF, des Internationalen Bob- und Skeleton-Verbandes, im Landkreis ausgefahren. Hans-Joachim Bittner