weather-image
13°

Besonderer Artenschutz für Nilpferd Amanda

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Bauchredner-Comedian Sebastian Reich mit seiner Nilpferd-Handpuppe Amanda packten im k1-Saal aus und riesige Sympathie ein. (Foto: Benekam)

Nilpferde gehören ja bekanntlich zu den aggressivsten Tieren der Welt. Sie sind verfressen und bringen ein Körpergewicht von bis zu 4000 Kilogramm auf die Waage. Das Hippopotamus ist ein Einzelgänger und verbringt die meiste Zeit schlafend im Wasser. Den Gästen im gut besuchten k1-Saal in Traunreut begegnete eine Nilpferd-Dame, die gleich in vielerlei Hinsicht aus der Art schlägt: Amanda.


Ihr Lebensraum ist die Bühne, sie lebt in einer einer fast Ehe-ähnlichen Gemeinschaft zu einem Menschen (Sebastian Reich) und sie braucht für ihre dicke Haut auch kein Wasser. Sie ist unbestritten verfressen, wortgewandt, raffiniert und selbstverliebt. Ihr menschliches »Anhängsel«, einst ihr Schöpfer, verleiht ihr die Stimme, erweckt sie zum Leben und versucht sich immer wieder, mit eher mäßigem Erfolg, gegen ihre weibliche Dominanz sowie gegen ihre Star-Allüren durchzusetzen.

Anzeige

Amanda ist eine echte Rampensau und mit ihrer unerhört starken Bühnenpräsenz dermaßen anziehend, dass man dazu neigt, sie als eigenständig agierendes, quicklebendiges Wesen wahrzunehmen. Sie hat Charakter, Charme, kann sogar singen. Kaum zu fassen, dass sie nur eine Handpuppe ist, deren »Spieler« wortwörtlich alle Hände voll zu tun hat, neben seiner Schöpfung nicht schlicht übersehen zu werden. Wenn auch rein optisch das niedliche Hippo für Bühnenpartner Sebastian Reich empfindliche Konkurrenz darstellt, so ginge es rein stimmlich ohne den Weltklasse-Comedian baden. Die schrill-schrullige Stimme, die Reich seiner Nilpferd-Dame verleiht, passt nicht nur vortrefflich zu ihrem zickigen Verhalten, nein, sie verstärkt im Kontrast zu Reichs männlicher Sprechstimme die Illusion.

Zudem beherrscht Reich die Kunst des Bauchredens in vollendeter Perfektion. Der Wechsel zwischen den beiden Stimmen – seiner Sprechstimme und der seiner Handpuppe Amanda – gelingt nahtlos in fliegend-temporeichem Übergang. Die Mimik des Bauchredners, wenn er seine Puppe sprechen lässt, bleibt unbewegt. Seine Lippen bewegen sich nicht, egal ob er Amanda singen, flüstern, schreien oder lachen lässt. Da wundert es nicht, dass Amanda eine beachtliche Fangemeinde hat und ihr Bühnenpartner, wie er seinem restlos begeisterten Publikum verriet, nicht selten beim privaten Einkauf von einer fürsorglichen Verkäuferin eine Extraration für Amanda mit bekommt. Wobei eben diese Extraportionen, wie sich gleich eingangs in der Show herausstellte, ein echtes Konfliktpotential darstellen sollten. Das Dreamteam hat Zoff, weil Reich auf Anraten seiner Frau Mama (»Dick siehst du aus«) Kalorien reduzieren und für mehr Bewegung sorgen will. Amanda entrüstet sich und tritt in einen Streik. Das große Geheimnis in dem kleinen Koffer, welcher an einer witzigen Hängevorrichtung auf der Bühne prangt, will sie nicht auspacken und auch sonst nichts anpacken, es sei denn, man reiche ihr Pizza, Schokolade oder sonstige Leckerei. Ihr Lieblingssport sei Rittersport und joggen täte sie allenfalls zum Kühlschrank.

Dem Publikum riet das freche Nilpferd, mit Applaus zu sparen, denn dies sei ja das Brot des Künstlers und da Partner Reich ja Kohlenhydrate einsparen wolle, täte man ihm also mit kräftigem Klatschen überhaupt keinen Gefallen. Dieser Bitte kam das k1-Publikum aber in keinster Weise nach. Im Gegenteil. Gut, dass Amanda aber bestechlich ist und sich auf einen Deal einließ. Erst auspacken, dann Pizza. Ausgepackt hat das aufmüpfige Nilpferd dann aber nicht den Koffer, sondern eher Peinlichkeiten um den Touralltag mit Reich oder Details aus dessen Privatleben.

In schmissigem Rapp stellte die Dickhäuterin noch vor der Pause klar: »Ich Chefin, du nix«. Aber das war den Fans im k1 längst klar. Delikat allerdings war die »verschlüsselte« Herausgabe von Reichs Handynummer, welche ein Großteil der Anwesenden in der Pause ungeniert nutzte, um per SMS nicht etwa ihm, sondern Amanda so manch nette Nachricht zukommen zu lassen, die Reich zu Beginn der zweiten Hälfte vorlas. Etwa: »Wieso gibt es Sebastian Reich nicht als Plüschfigur?«. Oder: »Sind die Happy Hippos Verwandtschaft – auch wenn Amanda selbst in kein Ü-Ei passt?«.

Der Knüller allerdings war eine Flut von Schokoriegeln, die das Publikum dem verfressenen Nilpferd zukommen ließ. Neben einer Zaubershow, die eigentlich keine war und zwei Gastpuppenauftritten (Ein stimmungmachender Esel und ein blinder Maulwurf als Geheimagent 0815) hielt die Show immer wieder urkomische Überraschungen bereit und das Geheimnis des Kofferinhalts lüftete ein heißer Verehrer Amandas aus dem Publikum.

Inhalt des Koffers war zugleich ein Rezept niveauvollen Humors: eine Schachtel mit Herzchen-Pralinen, die der »Verehrer« stellvertretend für ein begeistertes Publikum erhielt. Verhöhnt wurde niemand und genau das gefiel den Fans. Comedy muss nicht immer auf Kosten anderer gehen, beleidigen und entblößen. Es geht auch so: Reich nimmt sich selbst auf die Schippe, verleiht seiner Handpuppe mit spitzfindiger Intelligenz knüppeldick Charme und zündende Komik.

Es ist eigentlich schade, dass Nilpferde vom Aussterben bedroht sind. Diese leider seltene (Comedy-) Spezies, um sich mit Amandas Lieblingswort »Spezi-Fisch« auszudrücken, sollte unter besonderen Artenschutz gestellt werden. Riesenapplaus! Kirsten Benekam