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Biedermanns Comeback - Schwimmer geben Gas

London (dpa) - Paul Biedermanns Finaleinzug wurde von den deutschen Schwimmern schon fast wie eine Olympia-Medaille gefeiert, auch die Männer-Freistilstaffel sorgte auf Platz sechs mit deutschen Rekord wieder für aufgehellte Mienen.

Halbfinale
Paul Biedermann hat über 200 Meter Freistil das Halbfinale erreicht. Foto: Michael Kappeler. Foto: dpa

Beim Weltrekord-Wochenende der Konkurrenz steigerte sich das DSV-Team nach einem «rabenschwarzen» Auftakt - bis zur ersten von sechs geforderten Edelplaketten ist es aber noch ein weiter Weg.

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Am Tag nach dem enttäuschenden 13. Platz von Weltrekordler Biedermann über 400 Meter Freistil und Stunden nach dem mauen Rang zehn im Vorlauf über seine halb so lange Spezialdisziplin bewies der 25-Jährige im Londoner Olympiabecken wieder mal Comeback-Qualitäten. In starken 1:46,10 Minuten gewann er seinen Halbfinallauf. «Das hat sich wieder wie schwimmen angefühlt. Es war wieder das, was ich kenne und so liebe und ich denke, ich habe jetzt zwei Schritte gemacht», sagte ein gelöster Biedermann.

Weltmeister Ryan Lochte wurde im Endspurt geschlagen, versuchte aber auch - vergeblich - Kraft für die nach einem packenden Endspurt gegen Frankreich verlorene Freistil-Staffel wenig später zu sparen. Als insgesamt Viertschnellster zog Biedermann in den Londoner Endlauf an diesem Montagabend ein. «Das wird ein spannendes und hartes Finale», sagte der Olympia-Fünfte von 2008 voraus.

Ein Bekannter Biedermanns hatte am heimischen TV durch genaues Betrachten der Unterwasseraufnahmen Trainer Frank Embacher den möglicherweise entscheidenden Hinweis gegeben. Es handelte sich dabei um einen Fehler, der dazu führte, dass Biedermann nicht wie gewohnt seine Stärke auf der letzten Bahn ausspielen konnte. «Mit Hilfe unseres Physiotherapeuten konnten wir das wieder beheben», berichtete Embacher, ohne Details verraten zu wollen.

Beim schlecht begonnenen Auftaktwochenende hatten die deutschen Schwimmer anstelle von Medaillen immerhin eine Erkenntnis gewonnen. Zum «Pokern» in Vorläufen eignen sich selbst die Vorzeige-Athleten Biedermann und Britta Steffen nicht. «Solche Fehler sollte man nur einmal machen», sagte Leistungssportdirektor Lutz Buschkow auch in Richtung der Trainer. Seinen 27 Beckenschwimmern attestierte er, «den Ernst der Lage» erkannt zu haben. «Sie haben gezeigt, dass sie eine Mannschaft sind mit Herz, eine Mannschaft, die kämpfen kann.»

Hoffnung machte am Sonntag mit deutschem Rekord im Vorlauf auch die Freistilstaffel der Männer über 4 x 100 Meter - dennoch droht weiter ein schlechtes Team-Ergebnis wie in Peking 2008. Die Vorgabe vom DOSB und Innenministerium lautet: sechs Medaillen sollen es sein.

Die Konkurrenz jedenfalls ist bereit für eine neue Rekordflut, auch ohne die Ende 2009 verbotenen Hightech-Anzüge. Dana Vollmer (USA) schwamm über 100 Meter Schmetterling in 55,98 Sekunden ebenso Weltrekord wie die 16-jährige Chinesin Ye Shiwen am Tag zuvor. Über 400 Meter Lagen schwamm sie auf der letzten Bahn sogar schneller als Ryan Lochte. Bei seinem Sieg über die Lagenstrecke fügte dieser im US-Prestigeduell dem 14-maligen Olympiasieger Michael Phelps die erste olympische Niederlage seit acht Jahren zu.

Chinas Siegeszug setzte Sun Yang über die 400 Meter Freistil fort und verfehlte Biedermanns Weltrekord um gerade einmal sieben Hundertstelsekunden. Für Biedermann war dies «nur ein schwacher Trost». Über 100 Meter Brust sorgte der von Ex-Bundestrainer Dirk Lange betreute Südafrikaner Cameron van der Burgh bei seinem Sieg in 58,46 Sekunden am Sonntagabend für den ersten Männer-Weltrekord. Frankreichs Camille Muffat gewann die 400 Meter Freistil, ihre Teamkollegen um Yannick Agnel bezwangen über 4 x 100 Meter die USA mit Lochte und Phelps.

Biedermanns Freundin Britta Steffen schaute am «rabenschwarzen Samstag» (Buschkow) ebenso ungläubig auf die Ergebnislisten. Laut Maßgabe ihres Heimtrainers Norbert Warnatzsch sollte sie «mit 90 bis 95 Prozent» die Staffel über 4 x 100 Meter anschwimmen. Das aber reichte gegen die bereits im Vorlauf enteilte Konkurrenz nur zu Platz neun. «Das soll uns eine Lehre sein», sagte Buschkow. Steffen wunderte sich trotz der Erfahrung von je zwei Olympiasiegen und WM-Titeln: «Wir haben vielleicht im Gesamten die Konkurrenz unterschätzt. Teilweise kennt man die Namen nicht, aber die schwimmen dann plötzlich auch das Niveau von uns.»

Sonntag wurde es dann besser. Das deutsche Männer-Quartett schwamm als Vorlauf-Fünfte deutschen Rekord. Benjamin Starke, Markus Deibler, Christoph Fildebrandt und Marco Di Carli schlugen nach 3:13,51 Minuten an. «Volle Rotze», beschrieb Di Carli die Teamtaktik, etwas anderes könne man sich nicht mehr leisten. Im Finale am Abend blieb das Quartett als Sechster nur eine Hundertstelsekunde über der frischen nationalen Bestmarke.

Rückenspezialist Helge Meeuw erreichte über 100 Meter als Halbfinal-Siebter in guten 53,52 Sekunden endlich sein erstes olympisches Einzel-Finale. «Ich freue mich riesig», sagte er Ehemann von Ex-Weltmeisterin Antje Buschschulte. Für Rücken-Newcomer Jan-Philip Glania war ebenso wie Europameisterin Sarah Poewe über 100 Meter Brust das Halbfinale Endstation.