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Bilder als Brücke zu Kontemplation und innerer Stille

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Eine der minimalistischen Arbeiten von John Schmitz. (Fotos: Giesen)

Nichts zum oberflächlichen Betrachten oder »mal schnell Durchgehen« ist die neue Ausstellung unter dem Titel »Stille« in der Städtischen Galerie Traunstein. Der Besucher sollte sich Zeit lassen, um die Arbeiten der ganz unterschiedlichen Künstler Monika Bartholomé, Wilhelm Neufeld und John Schmitz auf sich wirken zu lassen und nachzuspüren, wie sie auf Intellekt und Empfindung wirken können.


Die besondere Ausstellung ist diesmal in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Bildungswerk entstanden. Gezeigt werden 26 Originalzeichnungen von Monika Bartholomé, eine Leihgabe des Kölner Diözesanmuseums Kolumba. Die in Köln lebende Künstlerin Monika Bartholomé, Jahrgang 1950, schuf die Grafiken für die 2013 erschienene Neuauflage des »Gotteslob«, des Gesangs- und Gebetsbuchs der katholischen Kirche. Bei ihren leichten, oft fast schwebend wirkenden Zeichnungen beschränkt sich die Künstlerin auf sparsamste Linienführung – oft nur zwei oder drei Linien mit Bleistift oder Tusche auf weißem Papier.

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Die Bildmotive sollen nicht Texte und Lieder illustrieren, sondern wollen die Sinne einmal ganz anders ansprechen als durch Hören, Lesen oder Singen. Sie unterbrechen Texte und Noten im Buch, um einen Raum für Ruhe und Inspiration zu schaffen. Diese kleinen Zeichnungen oder Zeichen sind kaum eindeutig interpretierbar, sondern stehen für sich, bleiben offen und mehrdeutig. Aber gerade wegen ihrer puristischen Einfachheit können sie beim Betrachter eigene, innere Bilder und Assoziationen auslösen. Auch ganz eigene Gedanken zu abstrakten Phänomenen können entstehen wie Nähe, Ferne, Liebe, Konflikt …

Bilder aus der liegenden Acht

Auf einfachste Mittel beschränkt sich auch der in Tacherting lebende Künstler John Schmitz. Bei ihm steht gerade der sehr zeitaufwändige Vorgang des Malprozesses im Fokus, die rituelle Wiederholung der Zeichen und damit Konzentration und Versenkung. Seine Bilder ähneln seismografischen Aufzeichnungen. John Schmitz gestaltet aus der kleinen, liegenden Acht in unendlicher Aneinanderreihung horizontaler Linien ganze Bildgewebe. Dabei kann sich dieses Zeichen der Unendlichkeit auch zu Kreisen und Schlaufen formen oder geht ganz in einer fein gezogenen Linie auf. Angestrebt wird eine absolute Abstraktion, die in eine Erfahrung von Raum- und Zeitlosigkeit mündet.

Die außergewöhnliche Arbeitsweise des 1969 in München geborenen Künstlers wird bei den beiden großen Tableaus in jedem Stockwerk der Städtischen Galerie besonders deutlich: an 64 aufeinanderfolgenden Tagen zeichnete John Schmitz jeden Tag eine quadratische Arbeit. Bevor er sich an sein künstlerisches Tagwerk setzte, strich er in dem ebenfalls ausgestellten Begleitheft erst die Feder aus, nicht nur um überschüssige Tusche zu entfernen, sondern auch um in eine bestimmte innere Schwingung zu kommen, vergleichbar mit meditativen Techniken. Am Ende der Zeichenarbeit wurden die 64 Einzelquadrate auf eine große Platte montiert. Verblüffend ist, dass – obwohl immer das gleiche Zeichen im gleichen Format verwendet wurde, jedes der 64 Bilder völlig unterschiedlich ist und auch die beiden großen Tableaus unterschiedlich wirken.

Je länger man sie betrachtet, desto mehr können sich die Tuschezeichnungen in auf- und abtauchende Nebelschwaden verwandeln, Landschaften oder andere Assoziationen vielfältigster Art hervorrufen. »…man denkt an die Rhythmik der Aufzeichnungen von Herzfrequenzen, und eine geheimnisvolle und auch vom Künstler nicht zu planende oder vorhersehbare, pulsierende Bewegung erfasst die statische Funktionalität der Bildkomposition, und es ist, als würden die Bilder atmen, Stille atmen«, beschrieb Judith Bader, die Leiterin der Städtischen Galerie, das Phänomen bei ihrer Einführungsrede.

Ein großer Buchkünstler

In der Wahl seiner künstlerischen Mittel begrenzte sich auch der große Buchkünstler Wilhelm Neufeld, 1908 in Bonn geboren und 1995 in Chieming gestorben. Sein Interesse galt vor allem den Möglichkeiten der Druckgrafik, die in seinem Alterswerk einen Höhepunkt erreichte. Große Einzelausstellungen zum Beispiel im Gutenberg-Museum in Mainz, wo er auch zehn Jahre lang eine Professur an der Werkkunstschule innehatte, und Ausstellungen im südeuropäischen Raum zeigen seine hohe nationale und internationale Anerkennung.

Mit 70 Jahren gründete Neufeld die sogenannte Methusalem-Presse. Mit ihrer Hilfe entstanden in den Jahren vor seinem Tod 29 kostbare, bibliophile Bände – eher Künstlermappen als Bücher – in sehr kleinen Auflagen mit alten Blei- und Holzlettern, von Hand gesetzt und gedruckt. Die für diese Mappenwerke geschaffenen Holzschnitte sind Zeugnis von Neufelds künstlerischer Meisterschaft. Dafür wurde ihm 1995 der renommierte Gutenberg-Preis der Stadt Leipzig für buchgrafische Gestaltung verliehen.

Künstlerisches Vermächtnis

Die Städtische Galerie zeigt in dieser Ausstellung das letzte Werk Neufelds, die Mappe »Epitaph«. Es ist nicht nur ein Epitaph, also eine Form der nachgetragenen Liebe an seine Frau Lotte, die ein halbes Jahr vor ihm gestorben ist, sondern sein eigenes künstlerisches Vermächtnis an die Nachwelt.

Im Mittelpunkt seines Schaffens steht bei Wilhelm Neufeld der Mensch, aber nicht als Individuum, sondern der Mensch schlechthin in seinem Menschsein. Der Künstler war auf der Suche nach dem Gleichbleibenden, dem Konstanten und damit Wesentlichen. Gut erkennbar ist das in der Statik seiner Figurendarstellungen, der strengen Reduzierung auf Linie und Fläche, nur wenige Farben und der ausgewogenen Bildkomposition. Nicht nur der Intellekt des Betrachters, sondern auch seine Empfindung wird angesprochen. Neufelds durchweg humanistisch geprägte Kunst rührt in Wort und Bild an universelle Wahrheiten und metaphysische Inhalte. Ein Beispiel ist der Text zu Neufelds Bild »Der Gast«: »In dieselben Flüsse steigen wir hinein und steigen nicht hinein – wir sind es und sind es nicht«.

Abschließend möchte ich noch einmal aus der Rede von Judith Bader zitieren. »Ich wünsche mir, dass das Erkenntnispotential nichtgegenständlicher Kunst wahrgenommen wird, denn diese kann nicht nur unser Denken, sondern auch unser Empfinden und Fühlen ansprechen und bewegen. Bilder blicken uns an, fordern uns auf, uns in sie hineinzubegeben. Erst wenn ich im Bilde bin, entsteht ein Ganzes. …Monika Bartholomé, Wilhelm Neufeld und John Schmitz sind drei Künstler, die je mehr sie sich in der Wahl ihrer künstlerischen Mittel beschränken zu desto intensiverer Klarheit und Tiefe gelangen. Wir als Betrachter können daran teilhaben und die bildende Kunst als Brücke zu Kontemplation und innerer Stille erleben. Wir werden die Ausstellung bereichert verlassen.«

Die Ausstellung »Stille« mit Werken von Monika Bartholomé, Wilhelm Neufeld und John Schmitz ist bis Sonntag, 22. Mai, mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr sowie am Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Ausstellungsrundgänge mit Galerieleiterin Judith Bader sind am Sonntag, 24. April und 22. Mai, jeweils um 16 Uhr, außerdem vormittags um 10 Uhr am Dienstag, 26.   April, sowie abends am Donnerstag, 12. Mai, um 19 Uhr. Führungen von Gruppen sind nach Absprache jederzeit möglich, Telefon 0861/164319. Die Führungen können auf bestimmte Inhalte und das Alter der Teilnehmer abgestimmt werden. Christiane Giesen