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»Bilder verstehen ist noch schöner«

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So sah es im Achthal mit Schule, Werkswirt, Beamtenstock und Industrieanlagen um 1925 aus. (Repro: Fürmann)

Teisendorf – »Bilder anschauen ist schön, Bilder verstehen ist noch schöner!« Dr. Hans Seibert brachte es im Bergbaumuseum Achthal auf den Punkt. Dort läuft derzeit eine Sonderausstellung unter dem Titel »Achthal, so war’s amoi und a so is heit – Achthal in den letzten 100 Jahren.« Zu dieser Ausstellung gibt es zwei Erzählabende, der erste lautete »Der Werkswirt, der Beamten- und der Arbeiterstock«.


Dr. Hans Seibert nahm mit seiner lockeren Art den Zeitzeugen die Nervosität. Vom Werkswirt (abgerissen 1976) erzählten Elisabeth Schäfer (geb. Höhn, Tochter der Werkswirtsleute), Martha Enzinger (Tochter der ehemaligen Wirtin Adelheid Unterreiner) und Hans Placzek als Freund der Werkswirtbuben. Vom Arbeiterstock (auch heute noch Wohnungen) berichteten Martha und Willi Enzinger und Helga Seifert, da sie dort geboren sind und bis heute dort leben, außerdem Hilde Neumeier mit Ehemann Rudi. Hilde wurde im Arbeiterstock geboren und lebte noch Jahre mit Ehemann Rudi, den beiden Kindern und dem Vater in der kleinen Wohnung im Arbeiterstock. Über das Leben im Beamtenstock und auch im Arbeiterstock wusste Harald Waldherr bestens Bescheid, da er in beiden Gebäuden einmal zuhause war.

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Kriegswitwe übernimmt Werkswirt

1945 übernimmt die Kriegswitwe Adelheid Unterreiner den Werkswirt. Es gibt Brotzeiten, Bier und Wein und sie hält sich Schafe und andere Tiere. Es ist die Zeit, da die Schulkinder – Achthal hat noch eine eigene Schule – Schulspeisung beim Werkswirt erhalten, genehmigt oder abgelehnt nach einer körperlichen Untersuchung. Denn nur die körperlich Schwachen erhalten das Essen.

Im Januar 1957 übernimmt Familie Höhn den Werkswirt. Schon im Juli desselben Jahres verunglückt der 61-jährige Wirt mit dem Motorrad tödlich – seine Frau ist mit dem sechsten Kind schwanger. Makaber: Am gleichen Tag verstirbt aus dem Arbeiterstock auch der 26-jährige Hermann Helminger. Die Beerdigungen finden am selben Tag in Neukirchen statt, wobei für Hermann sogar die Blaskapelle des Arbeitgebers Wacker Burghausen spielt.

Der erste Fernseher steht beim Werkswirt

Beim Werkswirt steht auch – für Achthal als Dorfmittelpunkt zu bezeichnen – der erste Fernseher und alle Bewohner, ob Kind oder Erwachsener, können hier beliebte Sendungen wie Fury, Lassie oder die Löwingerbühne gegen eine Gebühr von 10 beziehungsweise 20 Pfennige anschauen.

Im heutigen Bergbaumuseum – Beamtenstock genannt – lebten früher die Beamten des Bergbaus. Hier sind die Wohnungen größer und ein eigenes Waschhaus mit Waschbrett, Waschkessel und Gemeinschaftsbadewanne (auch die in der Gießerei Beschäftigten waschen sich hier) sorgt für mehr Komfort als im Arbeiterstock.

Lehrer ein »Sechser im Lotto«

Maria Egger betreibt im Erdgeschoß des Beamtenstocks ein heute als »Tante Emma Laden« zu bezeichnendes Geschäft mit Poststation. Dort gibt es alles für das tägliche Leben und nicht selten klopfen Kunden auch nach Ladenschluss. Maria Egger führt sogar Zeitungen und Comics wie »Fix und Foxi«. Johann Fleischmann und seine Frau Maria führen das Geschäft später weiter und er gibt nebenbei als Musiklehrer den Kindern Unterricht in Ziach, Gitarre, Bassgeige und Zither.

Die Schule hat nur einen Schulraum. Die erste bis vierte Klasse bekommt zusammen Unterricht, genau wie die fünfte bis achte Klasse – im wöchentlichen Wechsel vormittags und nachmittags. Lehrer Werner Eisele bezeichnen die Achthaler als einen »Sechser im Lotto«. Tolle Ausflüge unternimmt er mit den Schülern, zum Beispiel Wanderungen zum Frillensee, Radtouren zum Baden an den Chiemsee oder auf die Plainburg. Als erster Lehrer im Landkreis bringt er eigenständig ab 1963 die Schüler mit dem VW-Bus nach Neukirchen zum Unterricht.

Dr. Seibert beendete mit einem großen Dank an die vielen Zuhörer und besonders an die Erzähler den Abend und richtete folgenden Appell an die Achthaler: »Viel Freude an Eurem Ort – und pflegt weiter eure Freundschaften!« rf