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Bildung, Wissenschaft und Innovation als Wettbewerbsfaktoren

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Berchtesgadener Neujahrsempfang: Bildung, Wissenschaft und Innovation als Wettbewerbsfaktoren
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Mit einer Spanschachtel für Prof. Wolfgang A. Herrmann (r.) bedankte sich Rudi Fendt, 2. Bürgermeister von Ramsau, beim Festredner für seinen spannenden Vortrag. (Fotos: Ulli Kastner)

Berchtesgaden – Ein leidenschaftliches Plädoyer für die Förderung von Bildung, Wissenschaft und Innovationen hielt Prof. Dr. Wolfgang A. Herrmann, Präsident emeritus der Technischen Universität München, am Donnerstag auf dem Neujahrsempfang im AlpenCongress.


Vor rund 650 Gästen aus allen Bereichen der Gesellschaft zeigte sich der vielfach ausgezeichnete Chemiker, der die Rekordzeit von 24 Jahren an der Spitze der TU München stand, überzeugt, dass Deutschland als Technologiestandort trotz des sich verstärkenden internationalen Wettbewerbs auch künftig eine führende Rolle spielen kann. Welche Entwicklungen dafür notwendig sind, ließ der 71-Jährige die Zuhörer in seiner Rede wissen.

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Nachdem der Neujahrsempfang im letzten Jahr wegen des Schneechaos zur selben Zeit ausgefallen war, konnte der Empfang heuer wie geplant über die Bühne gehen. Die Vertreter von Kirche, Politik, Wirtschaft, Behörden, Hilfsorganisationen, Verbänden und Vereinen erfreuten sich an den musikalischen Darbietungen der Bad Reichenhaller Philharmoniker unter der Leitung von Christian Simonis. Fürs leibliche Wohl sorgte die Küchenmannschaft des Gebirgsjägerbataillons 232 mit Unterstützung heimischer Unternehmen.

Bevor sich die Besucher aber den leiblichen Genüssen und den Gesprächen hingeben konnten, wurden sie von Prof. Herrmann auf eine Reise durch das Bildungs- und Technologieland Deutschland mitgenommen. »Bildung, Wissenschaft und Innovation werden die Schicksalskräfte der Zukunft sein«, sagte der Festredner, dessen Sohn Florian Herrmann Leiter der Bayerischen Staatskanzlei und Bayerischer Staatsminister für Bundes- und Europaangelegenheiten und Medien ist.

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Die Bad Reichenhaller Philharmoniker unter der Leitung von Christian Simonis sorgten beim Empfang für die musikalische Note.

Allerdings seien die Herausforderungen groß, weil sich das Land auch in einem demografischen Wandel befinde, aktuell fehlten in Deutschland alleine 30.000 Ingenieure. Außerdem sei China zu einer wissenschaftlich-technischen Aufholjagd angetreten, Indien werde gar Weltmarktführer in Biotechnologie. »Wir müssen die Zurückhaltung gegenüber Neuem, die sogenannte German Angst, überwinden«, forderte der Chemiker. Die Zukunft liege im Wissen – und weil das Wissen begrenzt sei, brauche man auch Fantasie.

Deutschland sei mit einem Prozent der Weltbevölkerung zwar nur ein winziges Land. Dennoch zeigte sich der Festredner optimistisch: »Deutschland mit seiner großen wissenschaftlichen Geschichte sollte mithalten können und Standards setzen: Das ist eine große Herausforderung, aber mir ist da nicht bange.« Herrmann forderte, die Bildungsreserven zu aktivieren – sowohl akademisch wie auch handwerklich. »Denn Handwerk und Wissenschaft gehören zusammen«, sagte der 71-Jährige.

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Um weiterzukommen, müsse sich die europäische Politik harmonisieren. Es gehe darum, die kulturelle Vielfalt in Europa zu nutzen. Und Deutschland müsse seine Gastfreundschaft für Talente aus aller Welt beweisen. Man müsse ein Magnet sein für Fachkräfte aus dem Ausland. »Die sollten wir zu uns hereinlassen«, forderte Herrmann.

Gleichzeitig sollten nach Ansicht des Referenten die nachwachsenden heimischen Talente noch besser gefördert werden. Mehr Aufmerksamkeit müsse man ihnen schon in Grund-, Mittel- und Realschule widmen. »Und alle Lehrer – auch Grundschullehrer – sollten eigentlich genauso viel verdienen wie Gymnasiallehrer«, sagte der Professor, der auch der regionalen Wissenschaft das Wort redete.

Beispiele für solche Projekte sind die Forschungsstation am Roßfeld, das Schülerforschungszentrum Berchtesgadener Land und der Campus Straubing. »Nicht jedes Dorf kann seine eigene Uni bekommen. Aber man sollte in der Region mit Forschungsschwerpunkten vertreten sein, die in die Landschaft passen. Das begeistert die Menschen frühzeitig für die Wissenschaft«, ist Prof. Herrmann überzeugt. Erfolg werde der haben, »der Heimat und ihre Werte mit der Welt verbindet«.

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Der Chemiker bemängelte, dass das Unternehmertum in Deutschland »oft nur eine mittelprächtige Akzeptanz genießt«. Immerhin investierten Unternehmer viel Zeit und Geld in Projekte, die später einmal der Allgemeinheit dienen können. »Davor sollte man Respekt haben«, sagte der Festredner und forderte eine stärkere Förderung des Unternehmertums genauso wie die Erschließung von ausländischen Bildungsmärkten durch die Ansiedelung von Universitäten in anderen Ländern und die Entschlackung von ausufernden Verwaltungen.

Ulli Kastner