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Bildungscampus in Traunstein ist der »absolut richtige Weg«

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Stefan Neumann von der Firma Brückner in Siegsdorf ist Vorsitzender des Informationskreises der Wirtschaft Traun/Alz und stellvertretender Vorsitzender der Bezirksgruppe München-Oberbayern der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Wenn er an die Pläne für den Campus Berufliche Bildung Chiemgau denkt, dann freut er sich besonders darauf, »regional tolle Möglichkeiten der beruflichen Aus- und Weiterbildung zu haben«.

Traunstein – Auf große Zustimmung in den Unternehmen der Region stoßen die Pläne von Landrat Siegfried Walch und dem Landkreis, in Traunstein am Bahnhof einen Campus Berufliche Bildung Chiemgau zu schaffen.


Stefan Neumann von der Firma Brückner in Siegsdorf, Vorsitzender des Informationskreises der Wirtschaft Traun/Alz und stellvertretender Vorsitzender der Bezirksgruppe München-Oberbayern der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, sagt im Interview mit dem Traunsteiner Tagblatt, dass den Betrieben immer mehr Fachkräfte fehlen – und zwar nicht unbedingt Akademiker, sondern vor allem Personen mit grundsolider beruflicher Qualifikation. Er rechnet damit, dass auf dem Bildungscampus in Traunstein künftig jene Fachkräfte ausgebildet werden, die die Unternehmen händeringend suchen. Die gestartete Initiative sei der »absolut richtige Weg«.

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Lassen Sie uns über das Ausbildungssystem in der Region reden. Welche Stärken sehen Sie?

Ich glaube, dass wir mit dem Dualen Ausbildungssystem und auch mit unserer guten Hochschulabdeckung in Bayern ein starkes Ausbildungspfund in der Hand haben. Und wenn ich hier in unseren Landkreis schaue, dann ist die Nähe zu Rosenheim mit seiner Technischen Hochschule und zu Salzburg mit der dortigen Universität wirklich gut.

Gerade in unserer Region werden durch die vielen tollen Unternehmen und Handwerksbetriebe hervorragende Ausbildungen und Weiterbildungsmöglichkeiten angeboten. Neben den Ausbildungsberufen bieten viele Unternehmen aber auch Praktika, Duale Studien und Traineeprogramme an. Das sehe ich durchaus positiv.

Wo liegen die Schwächen?

Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Es findet bei Lehrberufen schon eine gewisse Konzentration auf die Ballungsgebiete wie München oder Nürnberg statt. In der Fläche wird dann geknausert. So haben wir in Traunstein den Vorteil, dass beispielsweise der Lehrberuf des Fachinformatikers in der Berufsschule angeboten wird. Das heißt aber, dass die Fachinformatiker aus Rosenheim oder Mühldorf entweder nach Traunstein oder nach München müssen.

Wenn ich einen Außenhandelskaufmann bei uns bei Brückner ausbilden lassen will, dann muss der nach München in die Berufsschule. Das wirkt für viele Auszubildende schon ein bisschen abschreckend und ist ein echter Nachteil in der Region.

Auch müssen wir aufpassen, dass die einzelnen Institutionen und Verbände mit ihren Aus- und vor allem Weiterbildungsangeboten sich nicht Konkurrenz machen, sondern sinnvoll ergänzen.

In Summe haben wir aber trotz allem eine gute Basis, und ich denke mal mit der jetzt gestarteten Initiative des Campus zur beruflichen Weiterbildung gehen wir da einen richtigen und wichtigen Schritt.

In Traunstein möchte die Handwerkskammer für München und Oberbayern eine Akademie schaffen, die Technische Hochschule Rosenheim möchte eine Zweigstelle einrichten. Was halten Sie von diesen Plänen?

Das Problem ist, dass uns in Zukunft mehr und mehr qualifizierte Fachkräfte fehlen werden. Gleichzeitig werden wir uns in Zukunft in einer immer komplexeren Arbeitswelt bewegen, weshalb viele Berufsbilder zukünftig deutlich geänderte Schwerpunkte haben werden.

Die Fachkräftegewinnung und -sicherung, aber auch das Thema lebenslanges Lernen sind damit wesentliche Themen, um unsere Region auch in Zukunft wirtschaftlich stark und solide zu halten. Die gestartete Initiative mit dem Campus zur beruflichen Weiterbildung mit allen Institutionen, Verbänden und Organisationen – nicht in Konkurrenz, sondern in Ergänzung – ist für mich damit der absolut richtige Weg. Dabei ist der Standort am Bahnhof in Traunstein auch unter verkehrstechnischen Aspekten gut angebunden an den öffentlichen Verkehr.

Der Landkreis Traunstein möchte die Rahmenbedingung für den Bildungscampus schaffen. Er plant ein Wohnheim für Schüler und Studenten wie auch ein Parkhaus. Was halten Sie davon?

Das ist doch eigentlich toll. Stellen Sie sich vor, Studenten und Auszubildende aus allen möglichen Regionen aus Bayern werden für ihre Ausbildung, ihr Studium oder ihre Praktika nach Traunstein kommen. Ich bin mir sicher, dass wir hier den einen oder anderen für unsere Region und unsere tollen Unternehmen begeistern können – eine echte Maßnahme, um Fachkräfte zu gewinnen.

Der eine oder andere Bildungscampus ist bereits entstanden. Was können die »Macher« in Traunstein anderen – vielleicht gerade jenen in Burghausen – abschauen?

Ich bin immer dafür, das Rad nicht neu zu erfinden, sondern aus Fehlern und Erfolgen von anderen zu lernen. Ein wesentlicher Punkt dabei für mich ist die starke Einbindung der regionalen Wirtschaft. Deshalb ist die Wirtschaftsförderung ja bereits auf die Wirtschaftsunternehmen und Handwerksbetriebe zum Beispiel über die Handwerkskammern, den Seeoner Kreis und den Informationskreis der Wirtschaft zugegangen. Die Diskussionen müssen konzentriert weitergetrieben werden.

Gleichzeitig ist es wichtig, das Profil des Campus' gut und deutlich zu schärfen. Der richtige Begriff ist hier, den 'Unique Selling Point' (das Alleinstellungsmerkmal, Anmerkung der Redaktion) unserer Region 'Leben und Arbeiten auf höchstem Niveau' deutlich zu machen.

Worauf freuen Sie sich ganz besonders, wenn Sie an die Pläne für den Bildungscampus denken?

Regional tolle Möglichkeiten der beruflichen Aus- und Weiterbildung zu haben.

Welche Lücken in der Gesamtplanung für den Bildungscampus bestehen Ihrer Ansicht nach noch?

Wichtig ist – wie bereits gesagt –, die Bedürfnisse der regionalen Wirtschaft, der Unternehmen und Handwerksbetriebe bei der Planung gut und sauber abzuprüfen und in die Planung des Campus' und der Inhalte überzuleiten. Das wird gemacht und muss konzentriert und fokussiert weiter vorangetrieben werden.

Gernot Pültz