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Blech als Ohrenschmaus

5.0
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Der allwissende Duden hilft ausnahmsweise nicht weiter: »Brass«, heißt es da, sei eine umgangssprachliche Bezeichnung für Ärger und Wut, folglich kann man auch Brass haben oder in Brass kommen. Das haben die Zuhörer im vollbesetzten NUTS in Traunstein gewiss weder gehabt noch sind sie da hineingekommen, als Chiemgau-Brass losgelegt und ein hinreißendes Konzert geblasen haben.


Geblasen, ja, man muss nämlich ein englisches Wörterbuch bemühen, um zu wissen, was dieses »Brass« bei Chiemgau-Brass oder La Brass Banda eigentlich bedeutet: »brass« heißt Messing, »brass music« ist eine Bezeichnung für das Blech im Orchester, also für die Blechbläser, und eine »brass band« ist demnach eine Blaskapelle. Dass »brass« zugleich ein Slangwort für Knete, also Geld ist und zugleich auch Unverschämtheit oder Frechheit heißen kann, soll nur insofern vermerkt werden, dass es alles andere als eine Frechheit war, was die Konzertbesucher für ihr Geld serviert bekommen haben.

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Georg Holzner, der Leiter der Traunsteiner Musikschule, und Josef Neuner mit verschiedenen Trompeten, Florian Kosatschek am Horn, Dr. Bernhard Frey an der Posaune und Dr. Benedikt Wittman mit der Tuba: Das ist die etwas »abgespeckte« Chiemgau-Brass-Formation, unter anderem war die Posaunistin Kathi Schütz nicht mit auf der Bühne, aber auch so haben die fünf Bläser einen Sound hingezaubert, der das Publikum begeistert hat.

Mit einer Blaskapelle im herkömmlichen, sprich volksmusikalischen Sinn hatte das herzlich wenig zu tun, auch wenn »Guten Abend, gut´ Nacht« von Johannes Brahms ja längst zu einer Art Volksweise geworden ist und als letzte Zugabe dann die Zuhörer in die kalte Winternacht entließ. Davor gab´s, man kann das ruhig so sehen, eine höchst differenzierte und anspruchsvolle Reise durch die Welt der Musik, vom Jazz zur Klassik, vom Flamenco hin zum Tango.

»Wir gratulieren Ihnen, dass Sie sich vom Fernseher losgelöst haben!«, so begrüßte Georg Holzner süffisant die Zuhörer, und in der Tat wird jeder froh gewesen sein, dieses Konzert gehört zu haben. Es begann mit dem »Blues March« des Saxophonisten Benny Golson, und schon folgte das erste Highlight: Ein George-Gershwin-Medley stimmte so richtig ein, bei »Rhapsody in Blue« übernahm das Horn den Klavierpart, es war faszinierend. Und dann natürlich Holzners »Zwischengeschichten«, die Erklärung anhand eines Plastiktrums, wie unser Zwerchfell funktioniert, die drei Lügen eines Trompeters, eine völlig abstruse »Kalorienstory«, die Schöpfungsgeschichte zur Erklärung des menschlichen Alters, der Bub, dem der Vater die Politik erklärt, die Verwechslung zweier Geschenke samt den erklärenden Briefen dazu: So kam auch das Amüsement alles andere als zu kurz, man lachte sich hinein ins nächste Stück, und ehe man sich versah, war der Abend schon herum.

Gut zwei Stunden waren´s dennoch, inklusive »Glory, Look Away«, nichts anderes als »Glory, glory halleluja« oder »John Brown´s Father« als schmetterndes Blechstück, schlichtwegs faszinierend. Und auch was Leichtes gab´s zu genießen, die Ouvertüre zu »Leichte Kavallerie« von Franz von Suppé, wobei die ja alles andere als leicht zu spielen ist. »Miss Trombone«, ein Ragtime von Henry Fillmore, gab Dr. Bernhard Frey die Möglichkeit zu einem brillanten Posaunensolo, und nach der Pause wurde es zunächst südländisch mit einem Flamenco und dem »Florentiner Marsch« von Julius Fucik, den man oft schon gehört hat, aber gewiss noch nie reduziert auf fünf perfekt aufeinander abgestimmte Bläser.

Ebenso weitum bekannt der Paso Doble »Espagna Cani«, die klassische Stierkampfmusik, bei der man glaubt, man fühle sich in Bizets »Carmen« versetzt. Musettas Walzer aus »La Boheme« vertrat dann tatsächlich die Oper, ehe der berühmte »Liber tango« von Astor Piazolla, eines der Paradestücke von Quadro Nuevo, das Programm beendete.

Aber da waren noch die Zugaben, die Holzner als »Musikantenschinderei« bezeichnete, und so gab´s gleich zwei auf einmal: »When the saints …« in Kombination mit Händels »Halleluja«, wann bekommt man so etwas schon zu hören? Und ganz zuletzt eben dann Brahms und sein Volksliedklassiker, immer wieder anrührend, hier das ideale Stück, um die Zuhörer selig berührt zu entlassen. Aus einem phantastisch unterhaltsamen Abend auch voller musikalischer Überraschungen, von der Güte und der Brillanz der fünf Musiker ganz zu schweigen. Willi Schwenkmeier