weather-image

Bleibende Hörerlebnisse

0.0
0.0

Manchmal ist das Leben zynisch. Während noch immer Menschen gegen das Hochwasser kämpfen und ganze Existenzen wegen der Flut und ihrer Folgen bedroht sind, herrschte am Chiemsee wieder schönstes Wetter – als ob nichts geschehen wäre. Für die »InselKonzerte« war das natürlich ein großes Glück, denn fast wäre der Konzertnachmittag buchstäblich ins Wasser gefallen, doch nach dem Hochwasser haben die Chiemsee-Schiffe ihre Fahrten wieder aufgenommen.


Eine Absage des »InselKonzerts« wäre ein Jammer gewesen, zumal das Minguet Quartett mit dem Auftritt im Bibliothekssaal des Alten Schlosses auf Herrenchiemsee zugleich sein 25-jähriges Bestehen beging. Das Ergebnis dieses Jubiläums war erstaunlich – weil die vier Musiker vor allem mit Bearbeitungen von Liedern von Gustav Mahler punkten konnten, die aus der Feder der zweiten Geigerin Annette Reisinger stammen. Für ihre Quartett-Fassungen hatte sich Reisinger an zwei besonders berühmte Mahler-Lieder herangewagt.

Anzeige

So stammt das Lied »Wo die schönen Trompeten blasen« aus »Des Knaben Wunderhorn«, wohingegen »Ich bin der Welt abhanden gekommen« auf einen Text von Friedrich Rückert basiert. Die Fassungen für Streichquartett ohne Worte funktionierten perfekt, zumal Reisinger die Stimmführungen und den Tonsatz mit viel stilistischem Feingespür und profunder Kenntnis gefüllt hat. Fast schon konnte man den Höreindruck gewinnen, dass diese Musiken ursprünglich instrumental und nicht vokal gedacht waren.

Ausgesprochen dicht und perfekt harmonierend hat Reisinger mit ihren Quartett-Partnern Ulrich Isfort (erste Violine), Aroa Sorin (Bratsche) und Matthias Diener (Cello) diesen wortlosen Mahler verlebendigt. Das war Kammermusik vom Feinsten, was für das Streichquartett op. 76 Nr. 5 von Joseph Haydn und für die »Vier Stücke« op. 81 von Felix Mendelssohn Bartholdy nur eingeschränkt galt. Hier hatte nicht zuletzt das Cello hörbar Mühe, sich dem Gemeinklang einzufügen: Mitunter wurden die Mitspieler übertönt. Zudem hatte man von den vier Musikern insgesamt zeitgemäßere Sichtweisen erwartet, die auch die Kenntnisse der historischen Aufführungspraxis reflektieren. Das hätte gerade auch dem langsamen Satz aus Haydns op. 76 Nr. 5 gut getan, dessen Tempo bisweilen irritierend gedehnt genommen wurde. Umso leichtfüßiger und beschwingter tänzelte es im Menuett, wohingegen im Final-Presto beispielhaft Haydn’scher Humor grinste. Als Zugabe kehrten die Musiker zu Gustav Mahler zurück - wenn auch indirekt.

Denn aus den »Fünf Epigrammen« für Streichquartett von Peter Ruzicka kam jenes Fragment zu Gehör, in dem der Leiter der Münchener Biennale für neues Musiktheater den ersten Satz aus Mahlers unvollendeter Sinfonie Nr. 10 zitiert. Für ihre Einspielung sämtlicher Werke von Ruzicka für Streichquartett wurde das Minguet Quartett 2010 mehrfach ausgezeichnet. Dieses kurze Fragment wurde ein besonderes, fesselndes Hörerlebnis - großer Beifall. Marco Frei