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Blinde über die Ludwigstraße zum Maxplatz schicken?

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Die Bahnhofstraße ist zwar die »Sichtachse« zwischen Bahnhof und Maxplatz. Aber für ein Blinden- und Sehbehinderten-Leitsystem erschien den Planern die Ludwigstraße als geeigneter. (Foto: Hohler)

Traunstein – Wie kommen Blinde, Sehbehinderte und Menschen mit Rollstuhl oder Rollator sicher und ohne fremde Hilfe vom Bahnhof zum Stadtplatz oder vom Landratsamt zur Justiz? Mit dieser Frage befasste sich jetzt im Zuge der Modellkommune »Bayern barrierefrei 2023« das Münchner Büro Raab und Kurz. Untersucht wurden Möglichkeiten für ein Blinden- und Sehbehinderten-Leitsystem, das auch Menschen mit Gehbehinderung gerecht werden soll.


Vorrangig untersuchte das Büro die Verbindungen über Crailsheim-, Bahnhof- und Ludwigstraße, vor allem auf Verkehrssicherheit, aber auch auf städtebauliche Entwicklungsmöglichkeiten hin. Bei Ortsterminen und Gesprächen mit Verantwortlichen etwa des Straßenbauamts, der Straßenbauverwaltung am Landratsamt oder dem Landesverkehrsbeauftragten des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbunds, Johannes Voit, kam heraus, dass der Weg über die Ludwigstraße am vorteilhaftesten wäre.

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»Gemeinsam eine für alle gute Lösung gefunden«

Wegen der Ausschreibung der Freianlagen für das Kulturforum Klosterkirche sprachen sich die Planer auch mit dem Büro Freiraum ab, das diesen Vorplatz plant. »Gemeinsam haben wir eine für alle Seiten gute Lösung gefunden«, so Planer Dr. Andreas Raab in der Sitzung des Planungsausschusses. Auf sehr aufwändige Untersuchungen habe man zugunsten der schnellen Umsetzbarkeit verzichtet, sagte er weiter. Zwar stünden die Sehbehinderten im Fokus, doch auch motorisch beeinträchtigte Menschen müssten beachtet werden. »Sehbehinderte brauchen Kanten, motorisch eingeschränkte die Null-Absenkung des Gehsteigs«, so Raab.

Hauptproblem sei die sichere Querung der Herzog-Friedrich-Straße, aber auch um die städtebauliche Aufwertung sei es gegangen. Im Ergebnis sahen die Planer die Ludwigstraße als die am besten geeignete Verbindung an. Für die anderen beiden Achsen sah man auch keine kurzfristige Aufwertung. »Gerade bei der Bahnhofstraße müsste man an eine völlige Neuordnung ran«, erklärte Raab. Dagegen sei an der Ludwigstraße die sichere Querung der Herzog-Friedrich-Straße gegeben.

»Für mich ist die Bahnhofstraße die Sichtachse zum Maxplatz«, gab Uwe Steinmetz (UW) zu bedenken. An der Ludwigstraße sah er Gefahren bei der Querung der Herzog-Friedrich-Straße. Planer Otto Kurz sagte dazu, natürlich müsse man abwägen. Das letzte Stück am Bahnhof sei etwa für Menschen mit Blindenstock schwierig, allein schon wegen des Bodenbelags. Für Blinde mit Stock wäre der Fußgänger-Tunnel an der Bahnhofstraße zwar ok, aber für Rollstuhlfahrer »ein Nogo«.

»Ich bau' doch nichts, was dann keiner nutzt«

Dritte Bürgermeisterin Waltraud Wiesholler-Niederlöhner (SPD) erinnerte an die Betroffenen, etwa der Lebenshilfe und Senioren an der Crailsheimstraße mit Rollatoren. Es gebe drei Seniorenheime, den VdK mit 1800 Mitgliedern – »wurde denn mit den am Ort Betroffenen gesprochen? Was hilft's uns denn, wenn die Leute weiter ihre gewohnten Wege gehen an der Bahnhofstraße? Ich will, dass man mit denen spricht, die's betrifft. Ich bau' doch nicht was, das dann keiner nutzt.«

Oberbürgermeister Christian Kegel (SPD) erinnerte seinerseits an die Senioren, die vom Sailer-Keller-Berg in die Stadt wollten oder diejenigen, die mit dem Zug nach Traunstein kommen. »Die Empfehlung stammt von Büros, die das nicht zum ersten Mal machen. Wir können erstmal nur eine zentrale Verbindung ausbauen, alle werden wir nicht auf einmal hinbringen.« Kegel gab zu bedenken: »Wer nutzt's denn täglich?« – auch mit Blick aufs Kulturforum und die »älteren Menschen, die es überall in der Stadt gibt.«

Karl Schulz (CSU) erinnerte an die Ideen, die im Zusammenhang mit der Modellkommune Barrierefreiheit gesammelt worden seien – gefehlt habe nur die Umsetzung. Barrierefreiheit habe lange im Kopf nicht stattgefunden, »wir haben lange nach Optik geplant und gebaut«, sagte er mit Blick auf das Pflaster am Bahnhof. Aber »die Ludwigstraße ist ein großes Bauprojekt. Es wäre grob fahrlässig, da jetzt nichts zu machen.« Er riet, »irgendwo zu beginnen« und das Thema konsequent bei jedem weiteren Bauprojekt umzusetzen. »Das wird uns noch jahrelang begleiten.« Aber es bringe auch Komfort für andere Bürger, etwa Mütter mit Kinderwagen.

»Es kann hier nicht um entweder/oder gehen, sondern es muss um sowohl/als auch gehen«, sagte dazu CSU-Fraktionssprecher Dr. Christian Hümmer (CSU). »Die Ludwigstraße ist schneller zu realisieren. Da ist es doch logisch, hier anzufangen und das System dann an den anderen Verbindungen mit einzubauen.« Im Übrigen war auch er dafür, erst mit den unmittelbar Betroffenen zu reden.

»Wenn's gut und sicher ist, nutzen's die Leute auch«

Sepp Kaiser (UW) gab zu bedenken, dass man das Ganze auch umgedreht sehen könnte: »Wenn das gut und sicher gemacht ist, werden's die Leute auch nutzen.« Er riet, mit der Ludwigstraße anzufangen, die Bahnhofstraße werde dann dazu kommen.

Wilfried Schott (Grüne) kritisierte, »mir erschließt sich die Ludwigstraße nicht als erste Präferenz. Die Bahnhofstraße ist die natürliche Verbindung, das ist ja auch die Sichtachse.« Er schlug vor, bei der Planung zweigleisig zu fahren. Kegel erinnerte an die Aufgabenstellung, schnell zu einer Lösung zu kommen.

Am Ende stimmte der Ausschuss bei einer Gegenstimme dafür, die Planungen fortzusetzen auf der Grundlage dessen, was das Büro Raab und Kurz erarbeitet hat. Das letzte Wort hat der Stadtrat in seiner nächsten Sitzung. coho

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