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Bom-Bass-tische Horizontüberschreitung

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Bom-Bass-tisch! »The Bassmonsters« konzertierten im Isinger Saal in Ising mit (von rechts) Ricardo Tapadinhas, Claus Freudenstein, Lisa DeBoos und Thomas Hille. (Foto: Benekam)

»Ein Orchester kann jederzeit auf den Dirigenten verzichten, aber nicht auf den Kontrabass. Ein Orchester fängt überhaupt erst da an, wo ein Kontrabass dabei ist – er ist das zentrale Orchesterinstrument, ist archaisch wegen seiner fundamentalen Tiefe, liefert dem Sopran den entscheidenden Gegenpol«.


Vier Spitzenbassisten auf der Bühne des Isinger Saals, so schien es, loteten die Inhalte von Patrick Süskinds Erzählung »Der Kontrabaß« neu aus, machten sich die angeblichen Grenzen, an die man als Bassist stößt, zur Aufgabe und erweiterten den Horizont des Spielbaren. Monsterhaft gut. »The Bassmonsters« – vier Virtuosen an vier Bassgeigen, jeder von ihnen offensichtlich ein Charakterkopf, so unterschiedlich im Ausdruck wie der Anblick ihrer in Größe und Form stark differierenden Kontrabässe.

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Die Musiker erstellten in dem Konzert dem tiefsten Streichinstrument ein neu überarbeitetes Psychogramm. Claus Freudenstein (Gründer der Bassmonsters und der Bayerischen Basstage in Mühldorf am Inn), Thomas Hille (Solobassist am Gärtnerplatz-Theater München), Ricardo Tapadinhas und Lisa DeBoos (London Symphony Orchestra; LSO) brachten den Isinger Saal und alles, was oder wer sich darin befand, zum Vibrieren – und das mit genreübergreifender Musik, mit Elementen von Pop bis Rock, von Jazz bis Klassik und Filmmusik in genialer Verknüpfung.

Im Programm der »Monsters« waren ein paar schaurig-gruselige Bearbeitungen: Unverkennbar interpretierte das Quartett die Musik aus Hitchcocks »Psycho« mit schrägem, sich steigernden gefährlich klingendem akzentuierten Bogenansatz und entsprechend spannender mimischer Begleitung – zum Fürchten gut. So stockte den Gästen auch bei der Bearbeitung von »Creeping Death« (Metallica) der Atem, denn das unglaublich hohe Tempo, mit dem die vier Musiker ihre Bögen über die Seiten jagten, ließ auch rein optisch an Hochleistungssport denken.

Bei so viel Tempo gönnte sich Freudenstein eine Pause, verließ die Bühne und somit seine etwas verdutzt wirkenden Kollegen, die aus der Not heraus als Trio weiterspielten. Als aber kurz darauf aus dem hinteren Teil des Saales Freudensteins Stimme mit »Dark-ness falls across the land…«, die einleitenden Sätze aus Michael Jacksons »Triller« erklang, bekam das Konzert Musiktheater-Charakter. Das Gleiten der Finger über die langen Saiten, dazu das flirrende Streichen der Bögen forderte höchst virtuoses Können, Kraft in den Fingern und, wie es schien, lange Arme.

Einen kessen Sprung vom Rockigen zum Balladenhaften vollführten die Bassmonsters mit einer wunderschönen Interpretation von Stings »La belle Dame sans regret«, die mit Pizzicati-Passagen verjazzt melancholische Anklänge ins Konzert einbrachte.

Absolutes Highlight – und leider mit Worten nicht zu beschreiben – war eine Komposition von Simón García: »Bassmonters«. Dabei schien García alle möglichen und angeblich unmöglichen virtuosen Finessen in diesem Werk für vier Kontrabässe verarbeitet zu haben. Spätestens in diesem Moment wäre die kleinere Verwandtschaft dieses königlichen Streichinstruments vor Neid erblasst: Einfach nur »bom-Bass-tisch«. Hier spielten vier Kontrabässe die erste Geige, sodass in diesem musikalischen Kontext den Titeln der gespielten Nummern, wie »Born to be wilde«, »Nothing else matters« oder »Parallel universe« plötzlich eine ganz neue Bedeutung zukam.

Für den Kontrabassisten aus Süskinds Erzählung, der sich mit den angeblich »begrenzten« Möglichkeiten an und mit seinem Instrument selbst reduziert, wäre dieses Konzerterlebnis wohl eine wahre Psychotherapie. Für die Musiker gab es einen verdient monsterhaften Applaus. Kirsten Benekam

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