Bootsfahrt beendet den Almsommer in Salet

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Gemeinsam wird aufgekranzt.

Schönau am Königssee – Die Kühe kommen gleich per Transfer über den Königssee. Landwirt Max Hofreiter wartet an der Seelände auf seine »Viecher«, die auf der Saletalm den Almsommer verbracht haben. Hunderte Zuschauer erwarten Smartphone-bewaffnet die Ankunft der Vierbeiner.


»Da kommen sie«, ruft eine Frau. Der Blick fällt auf den See, hinter der Insel Christlieger taucht ein Flachboot auf, es ist der Transportkahn für die knapp 20 Kühe, die seit Mai nicht mehr in ihrem Stall im Mooslehen in Schönau am Königssee waren.

In einem gewöhnlichen Jahr ist das Schauspiel der boostsfahrenden Kühe ein großer Publikumsmagnet. Wegen der Corona-Pandemie hat man sich seitens des Tourismusverbands aber dazu entschieden, den Termin nicht an die große Glocke zu hängen. Herumgesprochen hat sich die tierische Fahrt aber trotzdem – an der Seelände stehen nun die Besucher, warten auf Boot und Kuh, die Handys sind gezückt. Eine Bekannte des Landwirts gesteht, beim Almabtrieb über den Königssee noch nie dabei gewesen zu sein. »Eine 60 Jahre alte Berchtesgadenerin, und du hast das noch nie gesehen?«, fragt der Bauer etwas ungläubig und schüttelt den Kopf: »na, na, na.«

Hofreiter entlädt am Ufer sein Auto. Es ist voll mit handgefertigten Fuikln und Latschenboschn, dem Kopfschmuck für die Tiere aus fein gehobelten und eingefärbten Holzspänen, den sie nur dann tragen dürfen, wenn den Almsommer über kein Unglück passiert ist. »Platz da«, sagt Max Hofreiter, in den Händen hält er die größte Fuikl für das Leittier. Dutzende Stunden Arbeit stecken in dem mit mehreren Kronen versehenen Schmuckstück, das sich bestens als Fotomotiv eignet.

Der Kahn mit den Kühen ist nicht mehr weit entfernt. Die Tiere, begleitet von einem Fernsehteam, legen direkt am Ufer an. Bauer Max Hofreiter begrüßt sein Vieh. »Das Bootfahren stört die Kühe nicht«, weiß der Landwirt. Die angebundenen Kühe und Kälber üben sich in Geduld, bis sie vom Transportboot geholt werden. Drüben wartet eine Masse Zuschauer. Ganz wohl ist den Tieren bei der Sache wohl nicht: Ein Kalb sucht den Platz auf dem Boden, so manche Kuh trottet erst nach einem Klaps auf das Hinterteil los.

»Wir brauchen jetzt Platz zum Aufkranzen«, sagt die Sennerin, die während der vergangenen Monate stete Begleiterin der Kuhherde war und in gewisser Weise auch in der Lage ist, beruhigend auf die Tiere einzuwirken. Den Almsommer über hat sich keine Kuh verletzt, auch in der Bauersfamilie ist niemand verstorben. Deshalb werden die Tiere nun geschmückt und hübsch gemacht.

Etliche Helfer haben zusammen mit den Rindern an der Seelände angelegt. Jede Kuh bekommt eine Fuikl mit handgefertigten Blümchen und Rosetten auf den Kopf gesetzt, auch die Ziege wird verziert. Das geht nur im Team. Die Ziege bockt zwar nicht, manche Kuh hingegen schon: Kopfschmuck gehört auf der Alm halt nicht zum Alltagsgewand.

Während die Sennerin immer wieder vor Kameras posieren muss, werden die Kühe in Position gebracht, auch der bullige Stier mit gewaltigem Kopfschmuck. Der ist fast so groß wie sein Ehrgeiz, eigenständig durchzubrennen. Mit Müh und Not packen ihn zwei Helfer am Halfter, trotzdem reißt er kurz aus. Am Ende entfernen ihm die Begleiter die Fuikl vom Kopf, nachdem er dem Fahrzeug eines Paketdienstanbieters gefährlich nahe gekommen war. Knapp sechs Kilometer liegen nun vor der tierischen Truppe, bis sie beim Mooslehen in Schönau am Königssee angekommen ist. Der Almsommer ist vorüber. Für Mai kommenden Jahres ist die nächste Königssee-Überfahrt geplant.

Kilian Pfeiffer