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Brandauer als Mahner und Rufer

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Klaus Maria Brandauer
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Der österreichische Schauspieler Klaus Maria Brandauer ist ein kritischer Geist. Foto: Matthias Röder Foto: dpa

In einer Welt, die aus den Fugen scheint, ist Schauspieler Klaus Maria Brandauer mehr denn je ein kritischer Geist. Er ist Europa-Fan, und ihm missfällt die politische Situation in Österreich.


Wien (dpa) - Er wirkt aufgeräumt, aber auch zornig. Ihm selbst gehe es zwar gut, und das Theater sei lebendig wie eh und je. Aber wenn die Sprache auf Politik kommt, wird Klaus Maria Brandauer streng.

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Der österreichische Schauspieler und Weltstar (»Mephisto«, »Sag niemals nie«, »Jenseits von Afrika«), der am Freitag (22. Juni) seinen 75. Geburtstag feiert, vermisst humanistische Haltungen sowie die Pflicht zur Solidarität gerade in der EU. Und er bekennt: »Ich bin ein EU-Erweiterungsfan, absolut«, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Brandauer, Ehrenmitglied des Wiener Burgtheaters, sieht die Pflicht zur Einmischung. »Jeder ist aufgerufen, einer falsch gepolten Gesellschaft die Stirn zu bieten.«

Frage: Was sind Ihre aktuellen Projekte?

Antwort: Ich bin eigentlich ständig unterwegs, denn ich gebe viele Gastspiele. Zu meinem Geburtstag lese ich im Burgtheater aus den Briefen von Wolfgang Amadeus Mozart. Im Herbst wird dann »König Lear« am Burgtheater in der Inszenierung von Peter Stein aus der Spielzeit 2013/2014 wieder aufgenommen. Und ich werde auch wieder drehen.

Frage: Was gefällt oder missfällt Ihnen am aktuellen Theaterbetrieb?

Antwort: Das Theater ist sehr lebendig, das hat sich nicht geändert. Es wird auch nach wie vor viel gepriesen und viel gescholten. Zu Recht, denn es gibt viele unterschiedliche Strömungen. Das Theater hat eher ungerechtfertigt den Ruf, irgendwie ständig in der Krise zu sein. Dabei geht es doch immer nur um die eine zentrale Erkenntnis: Wir Menschen sind entweder zu groß oder zu klein für das, was wir unser Leben nennen.

Frage: Was erwarten Sie vom Intendantenwechsel am Burgtheater zu Martin Kusej 2019?

Antwort: Wandel gehört gerade am Theater dazu, und Martin Kusej war - auch aufgrund seiner langen Erfahrung in Wien - ein Kandidat, an dem man einfach nicht vorbei konnte, als man die Direktion des Burgtheaters neu besetzt hat. Er wird das Haus auf seine Weise prägen, und er wird genauso vom Burgtheater geprägt werden. Ich sehe dem also mit Neugierde entgegen und kann nur alle einladen, das genauso zu tun.

Frage: Wieso haben Sie so gern brüchige, schillernde Charaktere gespielt?

Antwort: Weil wir alle so brüchige Charaktere sind! Der Mensch ist ein kompliziertes Wesen, da ist es geradezu lächerlich, mit einer Schwarz-Weiß-Beschreibung zu kommen. Manchmal steigen Gedanken auf, die man gar nicht haben will, sie kommen einfach zu einem. Warum? Ich weiß es nicht. Selbst in meiner Heimat Altaussee mit nur 2000 Leuten gibt es alle Arten von Abgründen.

Frage: Was halten Sie von der #metoo-Debatte um sexuelle Belästigung?

Antwort: Es ist immer besser, über etwas zu sprechen, als es unter dem Teppich zu halten. Und das wird dann auch mal kontrovers. Festzuhalten ist aber: Man hat sich als Mensch ordentlich zu verhalten. Es ist einfach nicht zulässig, andere Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe, ihres Seins zu unterdrücken oder gar Gewalt auszuüben. Das galt schon immer und bleibt auch so, wenn diese Debatte längst vorüber ist.

Frage: Wie nehmen Sie die Weltpolitik wahr?

Antwort: Es kracht überall. Politiker gehen mit gutem Frühstück und großem Mittagessen in die Gespräche, wo es um den Frieden gehen soll. Wenn man es wirklich ernst nimmt, ist es eigentlich katastrophal. Da könnte man auf die Idee kommen, sich im beschaulichen Altaussee zu verkriechen. Aber jeder sollte sich einmischen, niemand sollte sagen: Ich kann nichts ändern.

Frage: Die Situation in Europa beurteilen Sie anders?

Antwort: Nein, auch in der EU ist die Situation zum Weinen. Es herrscht Streit statt Solidarität. Mit nationalistischem Denken ist die Welt nicht zu retten. Nationalismus und Separatismus feiern fröhliche Urstände. Darüber bin ich sehr, sehr traurig. Wer hehre Gedanken hat, dem wird kaum mehr zugehört. Die EU ist Garant des Friedens. Ich bin ein EU-Erweiterungsfan, absolut.

Frage: Wie sehen Sie den Siegeszug der Populisten in Europa?

Antwort: Populistisch muss ein Politiker im Wortsinne zunächst sein, aber es liegt an ihm, eine Grenze zu finden, wo das sonst sehr schnell in Verführung und sogar Hetze münden kann. Wir sollten uns Zeit nehmen für Urteile und Meinungen. Das alles geht nicht schnell. Jetzt kommen auch in Deutschland wieder uralte Gerüche, ein längst überkommener Mief nach oben. Die politische Situation in Österreich gefällt mir nicht. Die Vorkommnisse in der FPÖ-nahen-Welt sind nach wie vor beängstigend.

Frage: Was haben Sie sich vorgenommen für die nächsten Jahre?

Antwort: Ich möchte gesund bleiben. Und ich bin weiter saumäßig froh, dass ich auf der Welt bin. Der Beruf ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist, ein neugieriger Bürger zu sein. Und jeder ist aufgerufen, einer falsch gepolten Gesellschaft die Stirn zu bieten.

Frage: Welche Rolle spielen Emotionen wie Liebe und Hass in Ihrem Leben?

Antwort: Ich hasse nicht. Nein, ich denke, dazu bin ich gar nicht fähig. Lieben, ja. Aber das müssen nicht Menschen sein. Ich kann mich auch in einen Schmöker von 1000 Seiten verlieben. Ich habe gerade wieder »Moby Dick« gelesen. Faszinierend, eine unglaubliche Geschichte.

ZUR PERSON: Klaus Maria Brandauer hat als Schauspieler fast 40 Auszeichnungen bekommen. Herausragend war besonders der Golden Globe 1985 für den besten Nebendarsteller in »Jenseits von Afrika«. Drei Filme, in denen er die Hauptrolle spielte, waren für den Oscar nominiert. Davon wurde »Mephisto« (1982) als bester ausländischer Film prämiert.