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Breit gefächertes Erlebnis der Gegenwartskunst

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»Das himmlische Jerusalem«, Mixed Media, Verpackungen und Schlagmetall von Christoph Merker, dahinter »Julia«, Bleistift auf Papier von Johann Krammer. 8Fotos: Giesen)

Ein wohltuendes, eindrucksvolles Kunsterlebnis bietet der Besuch der Offenen Jurierten Jahresausstellung (OJA) des Kunstvereins Traunstein im Kunstraum Klosterkirche und Städtischer Galerie.


Der stimmige Eindruck entsteht durch die ansprechend aufeinander abgestimmte Präsentation der über 110 Arbeiten aus sämtlichen Bereichen der bildenden Kunst wie Malerei, Graphik, Fotografie, Bildhauerei, Installation und heuer auch einer 34-minütigen Videoarbeit von Corinna Spieth-Hölzl über ein choreographisches inklusives Tanzprojekt während der Jugendkulturtage in Traunstein 2014. Insgesamt wird das zeitgenössische Kunstschaffen weit über die Region hinaus bis München und Salzburg aus den verschiedensten Blickwinkeln und in den unterschiedlichsten konkreten Herangehensweisen auf hohem Niveau gespiegelt. Das ermöglicht zugleich einen Überblick über fast alle zeitgenössischen Strömungen in der bildenden Kunst.

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Jahr für Jahr beteiligen sich mehr Nicht-Mitglieder des Kunstvereins an der OJA in Traunstein, berichtete der Vorsitzende des Kunstvereins Traunstein, Herbert Stahl, bei der Vernissage.

129 Künstler hatten insgesamt 214 Arbeiten eingereicht, von denen die Jury mit Judith Bader, Klaus Ballerstedt und Samuel Rachl Arbeiten von 69 Mitgliedern und 22 Nicht-Mitgliedern des Kunstvereins auswählte. Das Hängeteam mit Judith Bader, Horst Beese, Anna Klammer-Nagy, Daniela Niederbuchner, Helmut Mühlbacher, John Schmitz und Moni Stein leistete hervorragende Arbeit bei der Präsentation.

Breiter Skulpturenweg

Zeitkritisch gegenüber den Unmengen Plastikmüll von heute beginnt bereits der Eintritt in den Kunstraum Klosterkirche durch eine »Überwucherung« von Cosima Strähhuber: farbige Plastikabfälle überwuchern den gläsernen Eingangsbereich, von wo der Blick in den weiten Raum der Klosterkirche führt. Durch einen breiten Skulpturenweg geht es in Richtung Apsis. Hier erfreuen den Besucher zum Beispiel der ausgesprochen ästhetisch ansprechende große Bronzeguss »Boot mit Sonne« von Konrad Kurz, ein klassisch strenger Kopf »Young Rottmayr« von Hannes Stellner, Ekkehard Wiegands farbig magische »Maibüste 2« oder Gerhard Passens »Gaia und Uranos« aus Högler Sandstein, um stellvertretend für viele erwähnenswerte Arbeiten nur einige zu nennen.

Auf der Seite gegenüber erhebt sich Regina Marmaglios aussagekräftige Familie »Vatermutterkind II« in Lindenholz – jeder Kopf für sich, abgewandt von einander, das handwerklich eindrucksvoll verschlungene »Zentrum« aus Fichtenholz von Stephan Obermayer oder Franz Xaver Angerers »Großer Komet«. Inmitten des breiten Skulpturenweges weist am Ende eine schmale, beinahe ein Meter lange, digital bearbeitete Fotoarbeit (»Wegbeschreibung«) der Brüder Fritz und Herbert Stahl weiter den Weg zur Apsis: 78 digital fotografierte und bearbeitete Schattenwürfe einer kleinen Brücke.

Gastkünstlerin Isolde Haug

Gastkünstlerin ist die bisher in der Traunsteiner Kunstszene kaum bekannte Isolde Haug aus Übersee. In der Apsis der Klosterkirche zeigt sie drei sehr große Holzschnitte, die allesamt das Thema »Bäume« zum Thema haben. Dabei aber werden drei sehr unterschiedliche Ausschnitte aus einer umfangreichen Serie mit Bäumen gezeigt. Die Wahl des Blickwinkels und Ausschnitte aus der sichtbaren Wirklichkeit wie auch der Grad der Abstraktion unterscheiden sich stark: anmutend wie ein japanischer Holzschnitt erscheint die vierteilige Arbeit »Bäume Aumühle«, gegenüber ein jeweils sechsteiliger Holzschnitt mit lichten und dennoch dicht belaubten »Baumkronen«, bis hin zur ornamentalen, filigranen Abstraktion der »Eiche am Teich«.

Der Zusammenhang zwischen Zeichnen einerseits und Bildhauerei andererseits wird wieder deutlich. 1945 im tschechischen Bilin geboren, wandte sich Isolde Haug erst nach einer Ausbildung zur Kontoristin und einem Studium an der pädagogischen Hochschule in Berlin der Kunst zu. In den siebziger Jahren studierte sie an der Hochschule der Künste in West-Berlin Bildhauerei. Nach dem Abschluss erfolgten mehrere Stipendiumsaufenthalte im In- und Ausland.

Zu den Holzschnitten passt in gestalterischer Weise die große Installation in der Apsis der in Höchstadt lebenden Künstlerin Ruth Bergmann: Große Papierschlaufen, mit Schweineblut bemalt, unter dem Titel »Was soll ich tun?« stellt unter anderem die Frage nach der Massentierhaltung und speziell dem Blut in der Schlachtindustrie, das für den Konsumenten meist unsichtbar bleibt.

Flüchtlingsproblematik im Blick

Generell unglaublich vielfältig sind die Arbeiten in der OJA. Zum Beispiel wird die aktuelle Füchtlingsproblematik immer wieder künstlerisch verarbeitet, so in der Terracotta-Arbeit mit Holz von Helga Bunk »Ich weiß kein Land«, mit einer Unmenge von kleinen und großen Flüchtlingen in einem Boot, »Flüchtlinge« von Maria Freutsmiedl aus gebranntem Ton, im »Flücht-lingscamp« von Winfried Hamer, einem Relief, akribisch aus 5000 Kleinteilen auf Leinwand zusammengesetzt, oder auch den schwarz-weißen Fotografien von Jürgen von Kruedener, die mit den Wandschmierereien gar kein so nettes Bild auf »La douce France« werfen lassen.

In der Klosterkirche erinnern zwei große Gouachen an die in diesem Jahr verstorbene Liesbeth Wohrizek. In einem langen Prozess des Malens und Übermalens bedeckte sie die Leinwand mit unendlich vielen Farbschichten, bis die letzte sichtbare Oberfläche getragen war von vielen darunter liegenden Farbschichten und wirkliche »Farbklänge« entstanden. Im ersten Stock der Städtischen Galerie fällt in der Mitte des Raums Christoph Merkers Mixed Media »Das himmlische Jerusalem ins Auge«, die allgegenwärtige Macht der Industrie – Flaschen, Tiegel, Behältnisse aller Art »golden« verbrämt. An den Wänden fällt Hildegard Bauer-Lagallys fröhlich bunte »Kugeldistel im Garten mit Nachbarhaus« ins Auge, daneben die feinen Tusche- mit Acrylzeichnungen auf Japanpapier von Claudiha Gayatri Matussek.

Auch die Jahresgabe ist hier zu finden, die heuer Jutta Mayr geschaffen hat: Vier ausdrucksstarke Lithografien, zum Beispiel »Tischgespräch«, die es dem Kunstliebhaber ermöglichen, günstig qualitativ hochwertige Bilder zu erstehen. Im zweiten Stock erfreuen zum Beispiel die beiden großen Holzschnitte auf Tetraprint »Standort Staudach« von Karl-Heinz Hauser, Horst Beeses vielschichtige »Museumsaufsicht« in Öl oder Inge Regnat-Ulners wunderbares Konstrukt aus Alu-Winkeleisen und -bändern »Die seidene Leiter – nach Rossini«. Ein Besuch der Ausstellung, zu der dank großzügiger Spenden von Geschäftsleuten und Firmen ein aufwändiger Katalog erschienen ist, ist unbedingt zu empfehlen.

Die Ausstellung in der Klosterkirche und der Städtischen Galerie Traunstein ist bis zum Sonntag, 15. November von Montag bis Freitag von 15 bis 18 Uhr geöffnet, am Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr. Christiane Giesen