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Bunt, böse und Beine brechend: «I, Tonya»

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Tonya Harding wird gespielt von Margot Robbie. Foto: DCM Film Foto: dpa

An den Angriff auf die Eiskunstläuferin Nancy Kerrigan mit einer Eisenstange im Jahr 1994 erinnern sich viele. Der Bösewicht damals war die blonde Widersacherin Tonya Harding. Die sehenswerte Satire «I, Tonya» rückt ihr Image 24 Jahre später wieder gerade.


New York (dpa) - Wer sich in den 1990er Jahren auch nur entfernt für Sport interessiert hat, hat dieses Bild vor Augen: Eine junge Frau in einem engen weißen Kleid sitzt weinend auf dem Boden und hält sich das Knie. Sie schreit um Hilfe, fragt auf Englisch alle um sie herum kreischend nach dem Warum: «Why?».

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24 Jahre ist es inzwischen her, dass am 6. Januar 1994 das Bein der Eiskunstläuferin Nancy Kerrigan mit einer Eisenstange zertrümmert wurde. Später stellte sich heraus, wer mutmaßlich hinter diesem Anschlag steckte: Tonya Harding, Teamkollegin und Widersacherin der glorifizierten Kerrigan

Harding, mit blonden Haaren und aus einfachen Verhältnissen im Süden des Landes, wurde von den Medien stets mit einem dicken Pinselstrich Proletentums gezeichnet. Sie war in der öffentlichen Erzählung das perfekte Gegenstück zu ihrem Opfer, dem dunkelhaarigen, filigranen und als liebenswürdig beschriebenen «All American Girl» aus dem wohlhabenden Nordosten der USA. Die böse Satire «I, Tonya» rollt den vielleicht schlagzeilenträchtigsten Sportskandal der USA mit exzellenten Schauspielern nun neu auf.

Schnell ist dabei klar, dass der Film von Craig Gillespie (Regisseur des charmanten Indie-Hits «Lars und die Frauen») nicht um die Herkunft Hardings herumredet. Die Protagonistin, fantastisch gespielt von Margot Robbie (Joker-Gespielin Harley Quinn in «Suicide Squad»), sitzt zu Beginn in Cowboystiefeln am heimischen Küchentisch, Zigarette in der Hand und eine riesige Tasse neben sich. Mit großem Eifer erzählt sie in getürktem Doku-Stil ihre Geschichte direkt in die Kamera: «Für eine Weile wurde ich geliebt. Dann wurde ich gehasst. Dann war ich nur noch eine Lachnummer.»

Auf die gleiche Art werden zu Beginn die anderen Charaktere eingeführt, die im Film wie in der wahren Geschichte eine Rolle gespielt haben. Hardings Liebhaber Jeff (Sebastian Stan), der schließlich den tumben Attentäter Shawn (Paul Walter Hauser) anheuert, um Kerrigan zu verletzen, bekommt genauso seine Chance, die Geschichte zu erzählen, wie Journalisten und ehemalige Trainer. Das Setup funktioniert gut als dramaturgischer Kniff, um die Frage danach zu stellen, wer über Wahrheit und Lügen in der eigenen Biografie bestimmen darf.

Niemand überzeugt jedoch so sehr wie Allison Janney als Hardings fürchterlich ehrgeizige Mutter LaVona Golden. Egal, ob an der Eisfläche, als Aufpasserin beim ersten Date im Diner oder auf der heimischen Couch mit Papagei auf der Schulter, den sie trotz mehrerer Ehen als «einzige wahre Liebe ihres Lebens» bezeichnet. Die in den USA vor allem als TV-Schauspielerin vergötterte Janney gewann dafür Anfang März zurecht den Oscar als beste weibliche Nebendarstellerin. Sie changiert zwischen Unfähigkeit zu Liebe, eigener Ambition und dem Wunsch danach, verstanden zu werden. «Ich habe dich zum Champion gemacht, obwohl ich wusste, dass du mich dafür hassen wirst», sagt sie an einer Stelle zu ihrer Tochter. «Genau das ist mein Opfer.» 

Doch subtil ist das alles nicht. Während einer Trennungsszene läuft überdeutlich «Goodbye Stranger» von Supertramp und selbst beim Sex spricht Harding noch in die Kamera, um das Publikum von ihrer Version der Ereignisse zu überzeugen. Für eine Satire mag das gelungen sein, doch letztlich will der Film auch um Sympathie für seine Hauptfigur werben. Mehr als einmal wird angedeutet, dass Harding es in ihrer Kindheit und Jugend schwer hatte und später von den Medien allzu willig als «Eishexe» inszeniert wurde. Das steht dann aber im Kontrast zu all den plumpen Gags auf Kosten Hardings, die das Komödiendrama sich selbst erlaubt. 

Am Ende bleibt der Film seltsam im Ungefähren darüber, ob er Sympathie für Harding hegt oder nicht. Verdrängungsmechanismen und übergroßes Selbstmitleid werden kaum in Frage gestellt und so gerät der Film in Summe zu einer extrem soliden Eiskunstlaufnummer: Technisch sind die Sprünge nett anzusehen und manche Pirouetten, die gedreht werden unterhalten, aber wie beim Unterschied zu einer wirklich großen Kür fehlt das magische Etwas. Ohne eine starke Haltung über Harding ist dieser Film am Ende leider weniger als die Summe seiner extrem gut funktionierenden Einzelteile.

- I, Tonya, USA 2017, 119 Min., FSK o.A., von Craig Gillespie, mit Margot Robbie, Sebastian Stan, Allison Janney.

I, Tonya