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»Bunte Blätter« auf dem Grünen Hügel

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Die Musiker des Konzerts »Bunte Blätter« in der Villa Sawallisch. (Foto: Serban Mestecaneanu)

Der Chiemgau birgt musikalisch viele Schätze, die sich auch – aber nicht nur – in bekannten kammermusikalischen Konzertreihen offenbaren. Dazu gehört der »Chiemgauer Musikfrühling« unter der Leitung von Diana Ketler und Razvan Popovici, der auch im 16. Jahr seines Bestehens wieder im Kammermusiksaal der Villa Sawallisch in Grassau gastierte.


Das dritte von elf Konzerten, überschrieben mit »Bunte Blätter« (nach dem Titel eines Albums von Robert Schumann) stellte in seinen zwei Teilen interessanterweise deutsche Kompositionen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts russischen Werken aus der zweiten Jahrhunderthälfte gegenüber. Das Konzertprogramm stellte einzelne Instrumente ins Rampenlicht und ließ sie individuell brillieren, führte sie aber gleichzeitig auch im Duo, Trio oder Quintett zu starkem, partnerschaftlichem Spiel zusammen. Die »Bunten Blätter« sind Widmungsblätter für Klavier, Viola, Cello und Kontrabass. Es spielten Daniel Rowland (Violine), Razvan Popovici (Viola), Maja Bogdanovic und Justus Grimm (Violoncello), Zoran Markovic (Kontrabass), Diana Ketler und Roland Pöntinen (Klavier).

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Ebenfalls im Sawallisch-Kammermusiksaal, also am gleichen Ort, hatte vor kurzem die Celloklasse von Professor Wen-Sin Yang der Münchner Musikhochschule alle Cellosonaten Beethovens erarbeitet und vorgestellt: Nun erklang Beethovens vierte Cellosonate mit Justus Grimm, begleitet am Flügel von Diana Ketler, in unabhängiger professioneller Reife.

Beethovens Sonate von 1815 ließ das Duo Arenskijs »Vier Stücke für Violoncello und Klavier« folgen, die ungefähr 80 Jahre später entstanden sind. Sie beschworen, hervorragend gespielt, gegensätzliche Stimmungen auf, teils dramatisch, teils verspielt-schelmenhaft, immer technisch höchst anspruchsvoll.

Wie Diana Ketler vor Beginn des dann folgenden Schumann-Werks erklärte, stünden die »Sechs Stücke in kanonischer Form« nicht oft auf Konzertprogrammen; es sei aber eine große Freude, sie zu spielen. Tatsächlich: Klavier, Geige und Cello sind drei selbstbewusste Stimmen in lebhaftem, leidenschaftlichem Gespräch; Zwist, Nachdenken und Versöhnung wechseln sich ab, als ob man drei Individuen durch einen abwechslungsreichen Tag begleitete. Wie in einem Kanon werden Situationen aus dem Leben aneinandergereiht. Gespielt wurde das Werk in einem Arrangement von Theodor Kirchner, einem Studienkollegen von Schumann in Leipzig.

Auch das folgende Werk stammt von Robert Schumann. Die Märchenbilder für Viola und Klavier op. 113 zauberten poetische und dramatische Szenen in den Raum, erzählten Geschichten mit wechselnden Stimmungen, mal eine Tanzszene, mal ein Gewitter im Wald, mal ein stiller Abend am See. Razvan Popovici, Intendant des Chiemgauer Musikfrühlings und Bratschist, führte hier mit Roland Pöntinen, seinem Partner am Flügel, gleichberechtigt durch die Szenen.

Dem selten als Soloinstrument gewürdigten Kontrabass war das letzte Stück gewidmet, das Konzert für Kontrabass und Streichquartett fis-Moll op. 3, geschrieben vom Russen Kusevickij, der selbst ein Kontrabassvirtuose war. Noch bekannter wurde er als Dirigent und Vermittler russischer Musik in den Westen und später auch (als Leiter des Boston Symphony Orchestra von 1924 bis 1949) als Förderer der amerikanischen Musik. Dies ist eine Parallele zu Wolfgang Sawallisch, der auch zehn Jahre lang als Dirigent in Amerika (Philadelphia) Musikkultur zwischen den USA und Europa vermittelte.

Noch eine weitere Parallele sei genannt: Es gibt eine Orchesterfassung dieses Konzerts, die der deutsche Komponist Wolfgang Meyer-Tormin geschrieben hat. Ihn stellte der junge Dirigent Wolfgang Sawallisch im Jahr 1957 im Rahmen des 111. Niederrheinischen Musikfests in Aachen mit seinen aktuellen Kompositionen erstmals einem breiteren Publikum vor, eine interessante Verbindung zum früheren Hausherrn. Vielleicht hätte es diesem auch gefallen, einem Werk seines Dirigentenkollegen Kusevickij zuzuhören, so Razvan Popovici, der den Kammermusiksaal in Grassau lobte: »Es ist ein angenehmer, vertrauter Rahmen – wie ein Hauskonzert«. Uta Grabmüller

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