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Charakterisierung und Provokation

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Hermann Nitsch, so wie ihn Walter Angerer d. J. sieht. (Foto: Morgenroth)

Die Kunstakademie Bad Reichenhall wurde im Jahr 1996 gegründet, nachdem es auf Anregung von Walter Angerer dem Jüngeren bereits im Jahr 1995 erste Kurse gegeben hatte. Seit nunmehr 16 Jahren genießt die Kunstakademie in der alten Saline große Wertschätzung und Anerkennung im Kunstgeschehen. Es werden laufend Seminare mit international anerkannten Dozenten abgehalten, die verschiedene künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten vermitteln. Die Kunstakademie ist damit eine Plattform für kunstbegeisterte und kreative arbeitende Menschen geworden.


Walter Angerer d.J. ist seit der Gründung der Bad Reichenhaller Akademie dort jedes Jahr als Dozent tätig und unterrichtet mit seinem reichhaltigen Wissen und Können die Akademieschüler. In diesem Jahr war als Gastdozent auch Hermann Nitsch eingeladen. Während ihrer Dozententätigkeit in diesem Sommer lernten sich Hermann Nitsch und Walter Angerer d.J. näher kennen, tauschten in mehreren Gesprächen Erfahrungen aus und diskutierten über verschiedenste Themen. Aus dieser Begegnung heraus, wie könnte es anders sein, fragte Walter Angerer d.J., ob er ihn in seinen unverkennbaren Malstil porträtieren dürfe, worauf Hermann Nitsch spontan zustimmte.

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Der 1938 in Wien geborene Aktionskünstler und Hauptvertreter des Wiener Aktionismus leitete heuer mehrere Seminare in Bad Reichenhall. Zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn schuf er expressive Bilder und Zeichnungen, in denen er sich nach Vorlagen alter Meister sowie Bildern des Wiener Symbolismus und Jugendstils mit religiösen Themen auseinandersetzte. 1957 begann er Schauspiele zu verfassen. Hier lagen die Ansätze für das von ihm entwickelte Orgien-Mysterien-Theater, das zentrale Ausdrucksform seines Kunstschaffens wurde.

Das Porträtieren von Persönlichkeiten ist untrennbar mit der Kunst von Walter Angerer d. J. verbunden. Es ist eines seiner wichtigsten Ausdrucksmittel in seinem Oeuvre. Wobei es Angerer nicht unbedingt auf Perfektion ankommt, sondern im Gegenteil auf das Erzielen und Aufzeigen eines unverkennbaren Eindrucks. Seine Porträts haben eine Suggestivkraft, die Erzeugnissen aus dem Gestaltungsarsenal der Grafiker eigen ist. Die Provokation und auch Charakterisierung liegt dabei auf der persönlichen Aussage.

Für das Porträt von Hermann Nitsch fertige Walter Angerer d. J. in Bad Reichenhall Zeichenskizzen an, die er dann in seinem Atelier überarbeitete, verdichtete, und teils verfremdete, wobei es ihm aber primär immer darauf ankommt den Eindruck der Authentizität zu erhalten. Dabei entstand ein großformatiges (1,20 m x 1,00 m) Acrylbild auf Leinwand, das den Künstler Nitsch in seiner vollen Präsenz wiedergibt.

In seinen Bildnissen komponiert Angerer d. J. oftmals Details hinzu, die zur Person gehören und diese charakterisieren, zugleich lässt er verschiedene Formen und Elemente weg oder fügt artverwandte passende hinzu. Auch ironisiert er oftmals bestimmte charakteristische Effekte. Walter Angerer d. J. unterscheidet sich von anderen Künstlern durch seine Technik, die Farbe und die »Bildstrukturen«. Die farbige Behandlung betont die auffallenden und zur Identifikation nötigen Merkmale der Person: Haare, Augen und Mund. Die Farbe prangt auf den Gesichtszügen. Die von Walter Angerer d. J. geleistete »Formverwandlung« entlastet die Person teils von ihren Formqualitäten und befähigt den Betrachter, seine hergebrachten Sehmodelle zu revidieren.

Durch Ausschnitt und anderen »Manipulationen« wird zudem eine gewisse Ausdrucksform erzielt, die den unverwechselbaren persönlichen Stil von Walter Angerer d. J. markiert. Er verwendet Simultan- und Komplementärkontraste und beschränkt sich auf wenige ausdrucksstarke Farben. Auch werden durch Vergrößerung und Vereinfachung die Bildnisse verfremdet und auf diese Weise neu lesbar gemacht. Walter Angerer d. J. hat in seinen nahezu 50-jährigen Kunstschaffen das Zeichnen und das Gegenständliche sowie sein Hauptthema, den Menschen, nie verlassen. Gabriele Morgenroth