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Tschernobyl
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Blick auf den zerstörten Reaktor des Atomkraftwerkes. Foto: dpa Foto: dpa

Man muss den Namen der ukrainischen Stadt Tschernobyl nur aussprechen und schon kommen einem Bilder von einer der größten Katastrophen der Menschheit ins Gedächtnis. Stoff für eine Dramaserie beim Sender Sky.


Berlin (dpa) – 15 Kilometer von der weißrussischen Grenze entfernt, liegt die ukrainische Stadt Tschernobyl. Vermutlich hätte außerhalb der Umgebung kaum ein Mensch je Notiz von der damals 14 000 Einwohner großen Ortschaft genommen.

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Doch leider ereignete sich am 26. April 1986 eine Katastrophe, deren Spätfolgen bis heute international spürbar sind. Groben Schätzungen zufolge leben heute nur noch zwischen 600 und 700 Menschen in Tschernobyl. Das sind angesichts dessen, was dort einst geschah, immer noch überraschend viele.

Eine Explosion in Reaktor 4 des örtlichen Kernkraftwerks kostete rund 50 Menschen sofort das Leben. In den Jahren darauf stieg die Opferzahl aber noch einmal dramatisch. 4000 Menschen starben infolge strahlungsbedingter Krebserkrankungen. Für sein Katastrophendrama »Chernobyl« - eine Kooperation der Bezahlsender Sky und HBO - spielt Serienschöpfer Craig Mazin den Vorfall akribisch nach. Das Ergebnis ist ein erschütternd realitätsnahes Serien-Event, das der Dramatik der Tschernobyl-Katastrophe zu jedem Zeitpunkt gerecht wird.

Bereits in den ersten Minuten der insgesamt fünf Episoden umfassenden Serie »Chernobyl« geht es ordentlich zur Sache. Doch es sind nicht die erwartbaren Bilder von Explosionen und Effekthascherei. Stattdessen sehen wir einen Mann, wie dieser lethargisch durch seine karg eingerichtete Wohnung läuft, seine Katze mustert und sich, nachdem er ein Päckchen mit Kassetten verpackt hat, erhängt. Das ist ein bemerkenswerter Auftakt. Denn Mazin ist bei Zuschauern bislang eher für Drehbücher mit leichter Kost bekannt, wie etwa zwei der drei »Hangover«-Filme oder manches aus der albernen »Scary Movie«-Reihe.

Die Anfangsszene ist einer dieser Momente, in denen man noch kaum etwas darüber weiß, wie all das mit dem eigentlichen Thema der Serie zu tun hat. Und doch verbreitet sich ein Gefühl des Unbehagens über die Szenerie. Im Folgenden wird diese Melancholie mehrmals Panik, blanker Angst, Scham und Unverständnis weichen. Die Bilder von dem von der Decke baumelnden Leichnam hängen wie ein Damoklesschwert über alledem und beginnen erst spät so richtig Sinn zu ergeben, wenn sich alle die Andeutungen langsam wie ein Puzzle zusammensetzen.

Dieses Puzzle der Tschernobyl-Katastrophe wird im Laufe der rund 250 Minuten zwar nach und nach einfacher - schöner wird es nicht. Im Gegenteil. Je mehr Schauplätze in »Chernobyl« aufgemacht werden, desto mehr erschließen sich einem die schockierenden Ausmaße der Katastrophe und umso mehr stellt sich bei einem das Gefühl für kollektives Versagen ein. Doch auch die menschliche Komponente kommt nicht zu kurz: Im Mittelpunkt steht der Chemieexperte Waleri Legassow (Jared Harris), der gemeinsam mit dem Militärmitarbeiter Borys Shcherbyna (Stellan Skarsgård) mit dem Vorfall betraut wird.

Die Konstellation eines vollkommen gegensätzlichen Kollegenduos, dass erst durch die gemeinsame Arbeit an einem Fall zueinander findet und zu vertrauen lernt, ist zwei gewiss nicht neu. Doch im Kontext der Tschernobyl-Katastrophe – und nicht zuletzt aufgrund des furiosen Spiels dieser beiden Hollywood-Großkaliber – nimmt man den Verantwortlichen auch dieses leicht überholte Klischee jederzeit ab.

Wie man es vom »Game of Thrones«-Sender HBO nicht anders gewohnt ist, ist es aber nicht zuletzt die Optik, die »Chernobyl« zu Leinwandformat verhilft. Die Bilder von der Katastrophe sind je nach Blickwinkel beklemmend, beängstigend und zum Teil sogar auf eine morbide Art und Weise wunderschön, wenn sie veranschaulichen, dass es immer etwas geben wird, was größer und stärker ist als der Mensch.

Regisseur Johan Renck, der jede der fünf Folgen inszenierte, hatte genug Möglichkeiten zu üben: Zu seinem Repertoire gehören neben Werbespots für das Luxus-Label Chanel und Musikvideos von Madonna und Robbie Williams auch Episoden von »Breaking Bad«, »Vikings« und »Bates Motel«. Der Sprung auf die große Kinoleinwand dürfte nach diesem weiteren Serienereignis nur noch eine Frage der Zeit sein.

Sky zu "Chernobyl"