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Christine Schäfer, Quatuor Ebène und eine Entdeckung

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Aus dem Schatten des musikmächtigen Nachbarn Salzburg mit seinen diversen Festwochen und -spielen treten die Traunsteiner Sommerkonzerte selbstbewusst heraus und präsentieren mit schöner Regelmäßigkeit Ende August oder Anfang September, auf ca. eine Woche komprimiert und themenkonzentriert, ihr entdeckungsfreudiges, exklusives Kammermusikprogramm. Sie hat sich bewährt, diese Mischung aus Bekanntem und Beliebtem mit neuen, auch allerneuesten Tönen – das Hörerinteresse am hiesigen Kammermusikfest ist seit nunmehr 33 Jahren gleichbleibend groß, und auch für die Fachwelt bedeuten die Traunsteiner Sommerkonzerte ein Referenzpunkt in der vielgestaltigen kulturellen Landschaft Deutschlands.


Es hat Tradition, in jedem Jahr einer bestimmten Programmdramaturgie zu folgen, d. h. der große Spannungsbogen innerhalb der Festwoche wird bestimmt durch eine Musikerpersönlichkeit, die ins Zentrum gerückt wird.

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Die große Frage »Wer wird 2013 im Mittelpunkt stehen?« geistert nun auch schon seit dem letzten Jahr herum (nach dem Motto »Nach dem Festival ist vor dem Festival«). Nun, eine Passagierin hat den Ausschlag gegeben und die Wahl entschieden. Genauer gesagt war es »Die Passagierin«, eine Oper des russischen Komponisten jüdisch-polnischer Abstammung Mieczyslav Weinberg (1919-1996). Mit dieser bereits 1968 fertiggestellten Auschwitz-Oper wurden 2010 die Bregenzer Festspiele eröffnet – es war die szenische Uraufführung, die der Komponist allerdings nicht mehr miterleben konnte. Der Riesenerfolg des Werks machte prompt Publikum und Fachwelt neugierig, d. h. es setzte ein Interesse an dem bis dahin im Westen weitgehend unbeachteten Komponisten Weinberg ein. Die Neugier auf Weinbergs Musik nach seiner Quasi-Entdeckung auf der Bregenzer Opernbühne hat auch die Traunsteiner Sommerkonzerte gepackt und zu einem »Weinberg-Jahr« bewogen.

Einen kleinen Vorgeschmack auf Mieczyslav Weinberg hatte es im Jahr 2004, in dem der Programmschwerpunkt der Sommerkonzerte auf Dmitri Schostakowitsch lag, bereits gegeben. Das belgische Quatuor Danel spielte damals das einsätzige 8. Streichquartett von Weinberg, gleichsam als Empfehlung und Hinweis auf den Schützling, Freund und sehr geschätzten Kollegen des 13 Jahre älteren Schostakowitsch.

Mit Mieczyslav Weinberg wird eine besondere Reihe fortgesetzt. Der Komponist zählt zu den politisch Verfolgten, denen die Traunsteiner Sommerkonzerte immer wieder ganz gezielt ihre besondere Aufmerksamkeit geschenkt haben. So war Berthold Goldschmidt Porträtkomponist (1992), später Viktor Ullmann (2000), Erwin Schulhoff (2001), Dmitri Schostakowitsch (2004), Pavel Haas (2007) und zuletzt Hanns Eisler (2011). Der zunächst vor dem deutschen Nazi-Regime geflohene und später vom Stalin-Terror stark bedrängte und verfemte Mieczyslav Weinberg gehört mit in diese Reihe.

Sechs Kammermusikwerke Weinbergs, vom Solo bis zum Quintett aus den Jahren 1944 bis 1982, sind auf die Musikwoche verteilt.

Am 2. September eröffnet Quatuor Ebène das Festival mit Werken von Haydn (op. 76/3), Bartók (Nr. IV) und Mendelssohn Bartholdy (op. 80). Zum 5. Mal kommt das französische Spitzenensemble, eines der jungen Streichquartette mit echter Weltgeltung, zu den Traunsteiner Sommerkonzerten.

Auch der 3. September bringt ein Wiedersehen: Das österreichische Acies Quartett, das sich im vergangenen Jahr in Traunstein bestens einführte, beginnt mit einer Komposition Anton Weberns aus dessen Frühphase: »Langsamer Satz für Streichquartett« (1905). Nach dieser spätromantischen Elegie kommt das Programm dann urplötzlich in Fahrt.

Gleich acht Streicher stürzen sich in die Partitur des genialen frühen Meisterstücks Mendelssohn Bartholdys. 16 Jahre war der Wunderknabe alt, als er sein Oktett op. 20 schrieb. Das Werk bietet für rasantes Geigenspiel ein einzigartiges Tummelfeld, auf dem sich das Atrium Quartett aus Russland (zum 5. Mal in Traunstein) und das Acies Quartett gemeinsam bewegen werden – »con fuoco«, »leggierissimo«, »presto«. Nach der Pause ist dann erstmals Musik des Protagonisten Weinberg zu hören. Zusammen mit dem russischen Pianisten Jascha Nemtsov aus Berlin (ein anerkannter Weinberg-Spezialist) führt das Atrium Quartett das Klavierquintett aus dem Jahr 1944 auf.

Der Liederabend am 4. September wirft ein besonderes Glanzlicht auf die Traunsteiner Sommerkonzerte: Die weltweit gefeierte Sopranistin Christine Schäfer folgt einer Einladung nach Traunstein zum 10. Mal! Sie hat Lieder von Johannes Brahms und Richard Strauss auf ihr Programm gesetzt. Eric Schneider ist ihr kongenialer Klavierpartner.

Der 5. September bringt drei Spitzenmusiker bei Sonaten von Weinberg und Trios von Schumann und Mozart zusammen: Julia Rebekka Adler, stellvertretende Solobratschistin bei den Münchener Philharmonikern, führt seit 2008 die bis dahin quasi unbekannten Sonaten für Viola solo von Weinberg in Konzerten auf. Ihre CD-Einspielungen der Werke haben allerbeste Kritiken erhalten. Die Bratschistin stellt in Traunstein Weinbergs dritte Solosonate vor.

Der Zweite im Bunde an diesem Abend ist der junge Andreas Ottensamer. Mit ihm, einem der Soloklarinettisten bei den Berliner Philharmonikern, liegt Weinbergs Klarinettensonate op. 28 in besten Händen. Den Klavierpart übernimmt auch hier Jascha Nemtsov, der in Schumanns vier Trio-Stücken »Märchenerzählungen« und Mozarts »Kegelstatt-Trio« ebenfalls am Flügel sitzt.

Am 6. September ist der große lettische Cellist David Geringas aus Berlin zu Gast. Zu seinem reichen russischen Repertoire zählen auch die Werke von Weinberg. Geringas stellt dessen zweite Cellosonate vor (dem Geringas-Lehrer Rostropovich gewidmet), außerdem Mendelssohns erste Cellosonate und Edvard Griegs »Solitär« für Cello und Klavier op. 36. Wieder ist Jascha Nemtsov der Klavierpartner.

Am 7. September kommt das Quatuor Danel, berühmt für sein Engagement und seine CD-Einspielungen speziell russischen Repertoires, darunter auch die 17 Streichquartette von Weinberg. Das Ensemble führt dessen Nr. 15 auf und umrahmt das Werk mit Haydns op. 50/3 und dem späten Opus 132 von Beethoven.

Das Abschlusskonzert am 8. September bestreitet das Morgenstern Trio. Im letzten Jahr hatte es einen Satz aus dem Klaviertrio von Maurice Ravel als umjubelte Zugabe gespielt. In diesem Jahr führt es das gesamte Klaviertrio auf, außerdem ein Trio von Haydn und, als Schlusspunkt des gesamten Festivals, das Klaviertrio von Mieczyslav Weinberg.

Der langjährige Medienpartner Bayerischer Rundfunk teilt das Engagement der Traunsteiner Sommerkonzerte für den »unbekannten Komponisten«, hat spontan auf den Geheimtipp Mieczyslav Weinberg reagiert und sich zum Mitschnitt der letzten drei Konzerte entschlossen.

Programmdetails findet man online unter www.traunstein.de/kultur/konzertreihenundfestivals.aspx. Kartenreservierung ist möglich unter Telefon 0861/20 99 66 6. Imke von Keisenberg