Corona sorgt für mehr Beziehungsstress

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In der Corona-Pandemie hängen Familien seit Wochen aufeinander. Emotionen und Stress kochen immer wieder hoch. Foto: Uli Deck/dpa/dpa-tmn

Freilassing – In vielen Familien sieht der Alltag derzeit so aus: Der Vater versucht, neben Kinderlärm und Co. seinen Job von zu Hause aus zu bewältigen. Die Mutter muss, falls sie nicht auch berufstätig ist, den Haushalt versorgen und für ihre schulpflichtigen Kinder Hilfslehrerin spielen und oft vermitteln. Für viele kommen noch die Angst vor Arbeitsplatzverlust und finanzielle Sorgen dazu.


Eine Gemengelage, die in vielen Haushalten zu angespannten Situationen führt – und das nun fast seit einem Jahr. Kein Wunder, dass Florian Fischaleck einen erhöhten Bedarf nach Paar- und Familienberatung kommen sieht. »Insbesondere belastete Familien und Menschen, die durch die Einschränkungen in besonderem Ausmaß belastet sind, wenden sich derzeit an uns«, sagt der 42-Jährige, der seit vergangenem Jahr Leiter der katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle Berchtesgadener Land ist.

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Corona kann ein Wendepunkt sein

Dass im Zuge von Corona nun ebenfalls vermehrt Paare an eine Trennung denken, wundert Fischaleck nicht: »Viele unserer Klienten kommen dann zu uns, wenn sie an einem Wendepunkt im Leben stehen – also zum Beispiel nach der Geburt eines Kindes oder nach dem Renteneintritt. In gewisser Weise ist nun auch die Corona-Krise eine solche kritische Lebenssituation und ein möglicher Wendepunkt, an dem man mit ganz neuen Herausforderungen konfrontiert ist und sich neu ausrichten muss«, sagt Fischaleck.

»Wir unterstützen unsere Klienten dabei, Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse mitzuteilen, ohne dem Anderen Vorwürfe zu machen.« Was nicht heiße, dass es nicht auch mal laut werden könne innerhalb der Sitzungen. »Uns geht es nicht darum, Auseinandersetzungen ganz zu vermeiden, sondern ein Verständnis dafür zu schaffen, warum die Situation so ist, wie sie ist, und Wege aufzuzeigen, wie man Konflikte konstruktiv und fair angehen kann.«

Ein weiterer Tipp von Fischaleck: »Man sollte eine gute Balance von Nähe und Distanz schaffen.« Das bedeutet ganz konkret: Jeder sollte in einer Beziehung trotz der Nähe zueinander auch genügend Freiräume finden, in denen er sich unabhängig vom Partner verwirklichen kann. »Was in Zeiten, in denen viele Hobbys, Freizeitbeschäftigungen und Kontaktmöglichkeiten brach liegen und man mehr denn je aufeinandersitzt, freilich eine große Herausforderung darstellt.«

Die Pandemie trifft einsame Menschen

Im anderen Extrem gibt es Menschen, die alleine sind, und nun durch die Corona-Situation ihre Einsamkeit besonders deutlich spüren. Sie haben es gleichzeitig besonders schwer, neue Kontakte zu knüpfen. Auch ihnen steht die Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle offen. »Hier geht es darum, die Menschen in ihrer Not anzunehmen und ihnen dabei zu helfen, wieder Hoffnung und neue Perspektiven zu finden«, so Fischaleck.

Apropos Zeit: In jedem Fall empfiehlt Fischaleck, nicht zu lange zu warten, um sich mit einem Anliegen an die Beratungsstelle zu wenden – denn je früher man bei Problemen gegensteuert, desto mehr könne man bewirken. »Um noch mal auf die ›Ehe- beziehungsweise Paarberatung‹ zu sprechen zu kommen: Leider ist es oft so, dass Paare erst dann kommen, wenn sich schon sehr viele Probleme angestaut haben«, sagt der 42-Jährige. Je früher man sich frage »Was ist der Grund? Was kann man lernen?«, desto leichter falle es, einen neuen Weg einzuschlagen.

Und was, wenn sich im Laufe der Sitzungen herausstellt, dass es keinen Sinn mehr hat, die Beziehung zu kitten? »Natürlich gibt es auch Beratungen, bei denen sich einer oder beide klar werden, dass es besser ist, die Beziehung zu beenden und eigene Wege zu gehen – manchmal auch zum Wohle der Kinder«, sagt Fischaleck. Auch in so einem Fall begleite die Beratungsstelle die Betroffenen gerne weiter. »Denn wenn man sicherstellen kann, dass auch in dieser Situation offen und fair kommuniziert wird, dann ist das auch ein Erfolg und eine Entlastung für die betroffenen Kinder«, so der Psychologe.

Gegensätze ziehen sich an

Und was ist nun das Geheimnis einer erfolgreichen Beziehung? Ist es eher die Besinnung auf Gemeinsamkeiten oder gilt »Gegensätze ziehen sich an«? »Beides«, so Fischaleck. »Grad zu Beginn der Beziehung in der Kennenlernphase ist es sicherlich so, dass man sich durch Unterschiede gegenseitig bereichern kann.

Später in der Beziehung ist es aber auch hilfreich, wenn man eine gemeinsame Basis hat, auf der man aufbauen kann. Dann fällt es leichter, füreinander Verständnis aufzubringen.« Auf jeden Fall sei es in einer Partnerschaft wichtig, über die eigenen Sorgen und Belastungen mit dem Partner zu reden und sich immer wieder darüber auszutauschen, was jeder gerade für sein eigenes Wohlbefinden braucht.

»Und auch kleine Gesten der Wertschätzung und Momente von liebevoller Zuwendung und Nähe sind wichtig, um die Verbindung im Alltag zu stärken«, sagt Fischaleck, der am Ende noch einmal auf die besondere Belastung durch Corona zu sprechen kommt: »Ein hilfreicher partnerschaftlicher Umgang mit der derzeitigen Situation könnte darin bestehen, sich gegenseitig bei der Bewältigung der individuellen und familiären Belastungen, Sorgen und Ängste zu unterstützen, einander auch immer wieder Auszeiten und Freiräume zuzugestehen und sich trotz der widrigen Umstände und bestehenden Unsicherheiten auf gemeinsame Perspektiven zu besinnen.«

Johannes Geigenberger