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Corona-Krise setzt Kreativität frei

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»Wilde Bilder auf Packpapier« bezeichnet die Ruhpoldinger Malerin Monika Nagl-Eder ihre abstrakten Motive, die in Zeiten von Corona entstanden sind. Als ungewöhnliche Unterlage diente ihr dabei gewöhnliches Packpapier. (Foto: Schick)

Mit Milliardenbeträgen an Soforthilfen, staatlich geförderten Krediten, Ausfallbürgschaften und dergleichen greift allein Bayern in der Corona-Krise Konzernen und Unternehmen unter die Arme.


Fast kein Tag ist in den vergangenen Wochen verstrichen, ohne dass nicht eine neue oder zusätzlich beschlossene Maßnahme zur Unterstützung der heimischen Wirtschaft postuliert wurde; eingeschlossen das finanzielle Nachjustieren für Selbstständige und freischaffende Künstler. Unsere Zeitung hat in Ruhpolding zwei einheimische Bildhauer und eine akademische Malerin befragt, ob und wie sich die Corona-Pandemie bisher auf ihr künstlerisches Schaffen ausgewirkt hat.

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Für Hubert Geierstanger, der seit über 40 Jahren als Bildhauer und Kunstschreiner tätig ist, hat sich seinen Angaben zufolge gegenüber der Vor-Corona-Zeit nicht viel verändert. »Was allerdings derzeit fehlt, ist der persönliche Kundenkontakt, um einzelne Dinge und Details absprechen zu können,« bedauert der gebürtige Ruhpoldinger. Dank eines breiten Spektrums an Auftragsarbeiten ist er für die nächsten Monate soweit ausgelastet, dass er auch seinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen kann.

Seine Kunden kommen aus allen möglichen Bereichen: von Kirchen und Kommunen über Gastronomie und Vereine bis hin zu Privatpersonen reicht sein Klientel, das er sich im Lauf der Jahrzehnte aufgebaut hat. Dieser Grundstock, wie er sagt, ist in solchen Zeiten Gold wert. Als Mitglied der Künstlersozialkasse hätte er natürlich Anspruch auf staatliche Unterstützung, doch diese Möglichkeit ist für ihn keine Option. Allein das Ausfüllen der Anträge sei viel zu umständlich und zeitraubend. »In der Zeit schnitze ich lieber einen filigranen Harfenknopf, als mich mit so etwas zu beschäftigen.«

Auch für Helmut Müller jun., der sein Atelier im Ortsteil Waich aufgeschlagen hat, ist Corona, zumindest was das berufliche Schaffen betrifft, kein großes Thema. Finanzielle Einbußen gab es jedenfalls für ihn bisher nicht. Der bekannte Holzbildhauer, wie Geierstanger an der Berufsfachschule für Holzschnitzerei in Berchtesgaden ausgebildet, stellt seit längerer Zeit seine Vielseitigkeit mit beachtenswerten Bronzearbeiten unter Beweis. Derzeit gilt sein Augenmerk einem aufwändigen Bronzeguss-Modell, über dessen Gestalt und Ausführung strengstes Künstlergeheimnis herrscht. Auch er findet es schade, dass der direkte Kontakt nicht nur zum Kunden, sondern auch im gesellschaftlichen Leben eingeschränkt ist. Wichtig für ihn ist jedoch, dass die Kreativität nicht darunter leidet. »Wenigstens sind wir nicht von Zuschauern abhängig wie Schauspieler oder Comedians. Und irgendwann werden auch wieder positive Zeiten anbrechen«, sieht Helmut Müller zuversichtlich in die Zukunft.

Dass Corona auch eine Inspirationsquelle sein kann, hat Monika Nagl-Eder in den vergangenen Wochen intensiv erlebt. Die akademische Malerin und Kunstpädagogin, die zusammen mit der Familie und dem Verein Kulturinitiative klassische Konzerte organisiert, empfand die anfänglichen Einschnitte in den Alltag so, als hätte jemand dem profitorientierten Turbo-Wahnsinn plötzlich den Stecker gezogen. Als wäre eine neue Realität über die bisherige Wirklichkeit geschoben worden, in der ganz andere Dinge zählen. So wie viele Mitmenschen auch musste sie sich erst einmal mit der neuen Situation auseinandersetzen. Mit heilsamer Wirkung, denn: »Je mehr ich den Blick auf mich lenken konnte, umso mehr Ideen sprudelten aus meinem inneren Brunnen,« erklärt sie ihr Empfinden.

Aus dieser Erkenntnis heraus entstanden wunderbar abstrakte Motive, die sie nicht wie üblich auf Leinwand bannte, sondern auf herkömmliches Packpapier. Die spontane, recyclingfreundliche Idee kam ihr während des Auspackens einer Lieferung mit Malutensilien. Ludwig Schick