»Da fallen Stress und Ärger ab« – Unterwegs mit den Bierkutschern des Hofbräuhauses

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Mit den Kaltblütern Max und Nico geht es in Richtung Stadtplatz zum Hofbräuhaus Traunstein, wo die Getränke auf den Anhänger geladen werden.
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Mit dem Gabelstapler werden die Getränke auf den Pferdeanhänger gehoben.
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Im Anhänger geht es für die Kaltblüter nach der Tour zurück nach Surberg.
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»Die Straßen müssen sauber bleiben«, betont Franz Ramstötter junior und schaufelt die Pferdeäpfel in einen Eimer.
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Erste Station der Tour ist an diesem Freitag die Metzgerei Ostermayer am Maxplatz. (Fotos: Reiter)

Franz Ramstötter junior springt von der Kutsche und packt sich einen Kasten Bier vom Anhänger. Erste Station ist der Imbiss der Metzgerei Ostermayer am Maxplatz. Insgesamt liefern er und sein Vater an diesem Freitag sechs Hektoliter Getränke aus – ganz wie in alten Zeiten mit dem Zweispänner, gezogen von den Kaltblütern Max und Nico.


Da ist Entschleunigung angesagt. Die Kutscher aus Surberg haben das verinnerlicht. »Mich beruhigt das ungemein, da fallen der ganze Stress und Ärger von einem ab«, sagt der 45-Jährige. Nur der ein oder andere Autofahrer scheint genervt zu sein – Langsamfahren passt nicht zur morgendlichen Hektik in der Großen Kreisstadt.

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Der Tag für Franz Ramstötter senior (68) beginnt bereits um 5.30 Uhr. Dann werden die beiden Pferde gefüttert. Dass Max und Nico einiges verdrücken können, sieht man den beiden kräftigen Tieren an. Jedes von ihnen wiegt über 800 Kilogramm. Doch sie sind auch genügsam: Während der Tour, die zwischen drei und fünf Stunden dauert, bekommen die Pferde nichts zu trinken und nichts zu fressen. »Das halten sie gut aus, das ist gar kein Problem«, betont der Senior, der seine Kaltblüter und das Kutschenfahren über alles liebt. Er arbeitet seit 60 Jahren mit Pferden, früher auf dem Feld und im Wald, heute als Subunternehmer des Hofbräuhauses Traunstein.

Es ist 7.45 Uhr, als die beiden Ramstötters mit einem alten Pferdelastwagen um die Ecke biegen. Geparkt wird in der Nähe der Firma Kreiller, dort steht auch der Anhänger. Die Kaltblüter Max und Nico werden eingespannt – und los geht es bei strahlendem Sonnenschein mit nur vier PS über die Kotzinger Straße, die Wasserburger Straße und Ludwigstraße in Richtung Innenstadt.

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Mit dem Gabelstapler werden die Getränke auf den Pferdeanhänger gehoben.

Lastwagen machen Max und Nico nervös

Es erfordert viel Geschick und Gespür, die Pferde durch den dichten Stadtverkehr der Großen Kreisstadt zu lenken. Lastwagen und Busse etwa mögen Max und Nico überhaupt nicht. Bei jedem größeren Fahrzeug fangen die Tiere nervös an zu tänzeln und werfen den Kopf nach oben. Die Nüstern sind aufgebläht, die Ohren aufgestellt. Die Kutscher stört das wenig, ein paar beruhigende Worte und ein fester Griff in die Zügel – und weiter geht die Tour. Durchgegangen sind die Pferde noch nie, wie die Kutscher betonen.

Die beiden Surberger haben die Ruhe weg, nur bei »ganz blöden Autofahrern« können sie auch mal sauer werden – »wenn einer zum Beispiel hupt«, sagt der 45-Jährige. »Oder einer sofort raus will aus seiner Parklücke, obwohl wir gerade ausladen«, ergänzt der Ältere und betont: »Rückwärtsfahren geht mit der Kutsche halt nicht.« Als ein Autofahrer mit Vollgas überholt und ziemlich knapp vor der Kutsche wieder einschert, meint der 68-Jährige: »Das ist mir ziemlich wurscht. Soll er halt, wenn's ihm dann besser geht.«

An der Ampel wird es Rot. Wie alle anderen Verkehrsteilnehmer auch, halten die Kutscher mit ihrem Gespann an. Franz Ramstötter junior holt die rot-weiße Kelle heraus, um anzuzeigen, dass sie links in die Ludwigstraße abbiegen wollen. Kaltblüter Max nutzt die Pause für sein »Geschäft«. Er hebt den Schweif und dampfende Pferdeäpfel fallen auf die Straße. Schnell werden sie von dem 45-Jährigen mit einer Schaufel in einen Eimer geladen. »Die Straßen müssen sauber bleiben«, betont der 45-Jährige, der zurück auf die Kutsche springt. Und weiter geht die Fahrt.

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Im Anhänger geht es für die Kaltblüter nach der Tour zurück nach Surberg.

»So Ross' müssen eh beschäftigt werden...«

Beim Hofbräuhaus angekommen, führt sein erster Weg ins Büro. Dort liegt eine Liste bereit mit den bestellten Getränken ihrer Kunden. Bezahlt werden die beiden Surberger pro ausgeliefertem Hektoliter – das variiert je nach Tag und Bedarf zwischen drei und 15.

Dabei finden die beiden Männer es erstaunlicherweise gar nicht so entscheidend, was am Ende dabei herausspringt. »So Ross' müssen eh beschäftigt werden, da bleiben's wenigstens in Bewegung«, sagt der 68-Jährige. Allein würde er die zwei Getränketouren in der Woche nicht schaffen – und so sitzen Vater und Sohn seit acht Jahren gemeinsam auf dem Kutschbock. Geredet wird nicht viel, die zwei verstehen sich auch ohne Worte. Und stressen lassen sie sich schon gar nicht – nicht vom regen Verkehr auf Traunsteins Straßen und nicht von der Arbeit. »Die Getränke müssen ausgeliefert werden. Ob wir jetzt vier Stunden oder viereinhalb brauchen, spielt doch überhaupt keine Rolle«, sagt der 45-Jährige, der an den anderen Tagen in der Woche als selbstständiger Forstarbeiter sein Geld verdient.

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»Die Straßen müssen sauber bleiben«, betont Franz Ramstötter junior und schaufelt die Pferdeäpfel in einen Eimer.

Ein kurzes, aber resolutes »Hey«

Aus der Lagerhalle des Hofbräuhauses kommt Alex Beer mit dem Gabelstapler angefahren. Der Lademeister hebt zwei 50-Liter-Bierfässer, 20 Tragerl Helles, zehn Kästen Weißbier, Pils und alkoholfreies Bier sowie über 40 Kästen Cola, Fanta, Spezi, Fruchtschorlen und Wasser auf den Pferdeanhänger. Max und Nico ist derweil etwas langweilig, sie scharren mit den Hufen und machen mit ihren großen Eisen Kratzer aufs Pflaster. Ein kurzes, aber resolutes »Hey« von Franz Ramstötter senior reicht, und die Pferde hören auf. Sie folgen den Kutschern aufs Wort.

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Erste Station der Tour ist an diesem Freitag die Metzgerei Ostermayer am Maxplatz. (Fotos: Reiter)

Im Winter übernimmt ein Lastwagenfahrer die Tour

Die beiden Männer sind im Frühling, Sommer und Herbst jeden Dienstag und Freitag mit den Pferden unterwegs – egal wie schlecht das Wetter ist. Im Winter übernimmt bei viel Schnee und Eis ein Lastwagenfahrer die Tour der Surberger. Nach der Metzgerei Ostermayer, der Bäckerei Miedl und dem Edekamarkt am Maxplatz geht es heute noch Richtung Kaufland raus. Dort wartet ein Nachbar, der den beiden Männern regelmäßig beim Abladen der Getränke hilft. »Ihn freut's und wir können die Hilfe gut gebrauchen«, sagt Franz Ramstötter junior. Sein Vater ist gesundheitlich etwas angeschlagen, er soll eigentlich keine schweren Getränkekisten heben – was er sich allerdings nicht ganz nehmen lässt. Für die über 50 Kilogramm schweren Fässer haben die Männer eine raffinierte Technik entwickelt. Sie haben eine Art Kissen dabei, auf das sie die Fässer vom Anhänger runter fallen lassen. Mit einem Sackwagerl fährt der Junior das Bier dann zum Hintereingang des Wasnerwirts am Kaufland.

»Die Pferde kommen!«

Egal, wo die Kutscher und ihre Pferde auftauchen – sie fallen auf. »Mama, schau! Eine Kutsche«, ruft ein etwa vierjähriger Bub im Buggy. Ein Mädchen fragt, ob es Max und Nico streicheln dürfe. Auf dem Weg zurück zum Hofbräuhaus – dort muss das Leergut wieder abgeladen werden – schreit ein anderer Bub: »Die Pferde kommen!« Er scheint zu wissen, dass die Kutscher und ihre Tiere zu Traunstein gehören. Ein Tourist aus Asien schießt am Stadtplatz ein Foto. Die Ramstötters nehmen es gelassen. Die Surberger sind halt eine echte Attraktion im Traunsteiner Stadtbild. Klara Reiter

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