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Da kracht es zu wenig

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Stefan Rager und Werner Friedl (von links) als Fellner und Bösel in den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters. (Foto: Brommer)

Der Moment, in dem dieses schroffe Beziehungsgebilde in ein freundschaftliches kippt, ist morgens, im Wirtshaus. Bösel und Fellner, die beiden Beamten der niederösterreichischen Landesregierung zur Kontrolle von Gasthäusern, sitzen am Tisch – diesmal allerdings redet nur der bislang recht schweigsame Alkoholliebhaber und Hauptspeisenverehrer Bösel, nachdem er die Tage zuvor doch so gelitten hatte unter dem Sprechdurchfall seines neuen Kollegen, des aufdringlich kundigen Indien-, Quiz- und Salatfans, der am liebsten frisch gepressten Orangensaft trinkt. So geschehen in »Indien« in den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters wie im gleichnamigen Film der beiden Kabarettisten Josef Hader und Alfred Dorfer von 1993.


Nun, im Frühstücksraum, ist also plötzlich alles anders. Einen doppelten Schnaps will der Fellner, seine Freundin ist ihm nämlich fremdgegangen. Ab diesem Wendepunkt erkennen sich die beiden Widerparte am gleichen Herzschlag, werden ein durchgeknalltes Alptraumduo voller Willkür und Bosartigkeit, Höchststrafe für jeden Provinzgastronom. Bis Fellner an Krebs erkrankt und am Ende des zweiten, viel leiseren Teils in den Armen Bösels auf dem Krankenbett eines Spitals stirbt.

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Witz und Tragik wechseln hier häufig. Doch was im Film, gleichfalls nur eine Fortentwicklung des ursprünglichen Hader/Dorfer-Bühnenstückes von 1991, zunächst als Brandbeschleuniger zwischen diesen beiden exponierten Typen wirkt, ist die relative Jugend ihrer Protagonisten, die beide Charaktere kompromissloser, krasser macht. Diese Wucht des Aufpralls zweier Gegenentwürfe fehlt im Landestheater. Ebenso wie die quietschenden Reifen, wenn Fellner das Steuer herumreißt, sein spießig-oberlehrerhaftes Gutmenschverhalten am besagten Morgen von den Füßen auf den Kopf stellt. Stefan Rager sitzt stattdessen am Rande des Tisches und sieht so bedrückt aus als hätte sein Fellner Verstopfung. Der Zusammenbruch eines Lebensentwurfs ist in seinem Gesicht dagegen nicht abzulesen. Und auch zuvor kracht es kaum, weil mit Rager und Werner Friedl als Bösel ein reichlich zahmes Paar an den Start geht, dem dieser Furor qua höherem Lebensalter und entsprechend gezeigter Reife einfach fremd ist. Friedl gibt einen knorrig-lustigen Grantler mit gelegentlichen Ausflügen ins Derbe, während Hader die Rolle weit brutaler, asozialer angelegt hatte. Fellner ist bei Dorfer ein provozierend belehrender Yuppie, bei Rager einfach nur jemand, der zu viel redet. Überdies unterlässt Rager gerade während der ersten Stunde der neunzigminütigen, en suite durchgespielten Produktion die Pausen, die Dorfer sich nimmt, um die Hoffnung zu erzeugen, sein nerviger Prüfer könne wenigstens irgendwann einmal den Mund halten und es dann doch nicht tut.

Regisseur Cornelius Gohlke hat durch die Wahl der Schauspieler der Wirtshausgroteske den Biss genommen. Dafür gerät ihm die Krankenhauspassage konsequenterweise weit weniger zuckrig als es sein könnte, wenn jüngere Männer auf der Bühne stünden und scheinbar aus dem Nichts Weichheit und Mitgefühl zeigen. Jedoch über-wiegt der Mangel an Konfliktschärfe, der den Figuren des längenfrei inszenierten Stückes viel ihres Entwicklungspotenztials nimmt. Schade, da wäre mehr drin gewesen. Michael Brommer