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»Dann krachte es«

Bischofswiesen - Als die Bomben fielen, war Hans Angerer gerade beim Arbeiten auf der Wendeplatte am Obersalzberg. Der angehende Kfz-Mechaniker hörte den Fliegeralarm, kurz darauf flüchtete er in den Wald in ein Versteck. Für das Zeitzeugenprojekt der Dokumentation Obersalzberg gab Angerer nun Einblicke in ein bewegtes Leben.

Hans Angerer erzählt im Zeitzeugen-Interview. Anzeiger-Foto
Zu Hause in Marktschellenberg wuchs Hans Angerer mit den Kindern seiner Tante auf. Anzeiger-Repro

Drei Jahre war Hans Angerer alt, als die Mutter starb. Mit 33 Jahren, völlig unverhofft. Ein Foto schmückt eine Wand im Wohnzimmer des 81-Jährigen. Aufgewachsen ist er in Marktschellenberg bei der Tante, die ihn aufnahm und großzog. Vier Kühe, mehrere Schweine, ein paar Hühner. Zusammen mit den Kindern der Tante wuchs er auf. »Ein arbeitsreiches Leben«, erinnert er sich. »Ich war das aber gewohnt und habe gern gearbeitet«, erzählt Angerer.

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1944 besuchte er die achte Klasse der Volksschule. Im Herbst jenes Jahres - der Obersalzberg war zur Tarnung regelmäßig künstlich eingenebelt - hieß es, alle Kinder könnten frühzeitig aus der Schule ausscheiden und in die Lehre gehen. »Anfang Januar habe ich zum Arbeiten angefangen«, erzählt er. 14 Jahre war er alt, als er auf der Wendeplatte am Obersalzberg die Lehre in einer Werkstatt begann. »Ich wollte Kraftfahrzeugmechaniker werden«. Immer dann, wenn Fliegeralarm herrschte, war die Gefahr groß. »Wir waren alle junge Kerle, sind dann in Richtung Wald gelaufen, um uns zu verstecken.« Brenzliger wurde es, als die Luftgefahr akut wurde, der Obersalzberg Ziel der Bomben wurde. »Die Flieger kamen aus Richtung Italien.«

50 Meter von seiner Arbeitsstelle entfernt - »die Werkstatt war nicht mehr als eine Baracke« - befand sich ein Bunker. »In den mussten wir dann rein.« Ein SS-Soldat hielt die Bunkertür geöffnet, Hans Angerer suchte dort Unterschlupf. Schrilles Pfeifen, »enorme Geräusche« - Luftminen. »Dann krachte es«, so die Erinnerung des Zeitzeugen. Nach dem Angriff bot sich ein wüstes Bild: Die Werkstatt, in der er noch gerade eben gearbeitet hatte, war zerstört. Die Bomben hatten massiven Schaden angerichtet.

Der ganze Wald war auf weiter Flur zerstört, überall steckten Splitter im Holz. Zu Fuß ging er vom Obersalzberg in Richtung Marktschellenberg. Auch in der Unterau hatte eine Bombe ein Haus regelrecht in seine Einzelteile zerlegt: »Ein Volltreffer«, so Angerer. Seine Erinnerung an diese Zeit ist klar. Geschockt sei er gewesen, immerhin war er ein junger Bub ohne viel Erfahrung. Weitere Male suchte Angerer den Schutz im Freien. Auch dann, als Salzburg angegriffen wurde.

»Das war eine schlimme Zeit«, weiß der heute in Bischofswiesen lebende Rentner. Sogenannte »Christbäume« erhellten die Umgebung und dienten als Zielmarkierungen für die Bomberpiloten. Angerer kann sich noch erinnern, dass er zu seiner Tante sagte: »Wir müssen da hinter, da sind wir sicher.« Gemeinsam mit Tante und Geschwistern verschanzte sich die Familie in einem Bachbett: »Ich hatte furchtbare Angst.«

Mit der Arbeit in der Werkstatt schaute es zunächst düster aus. Erst nach einigen Monaten buddelten die Angestellten einige Werkzeuge wieder aus. Die Arbeit nahm nach und nach wieder an Fahrt auf.

Gut erinnern kann sich Hans Angerer auch noch daran, als die Amerikaner nach Marktschellenberg kamen. »Human« seien die gewesen. Ganz anders die Franzosen, die bei den Einheimischen viel »rumkramten und Dinge beschlagnahmten. Er musste miterleben, wie Franzosen einen Arbeitsdienstler, der ein Gewehr dabei hatte, einfach erschossen.

Lieder von damals weiß Angerer auch heute noch. »Die vergisst man nicht mehr.« Er war beim Jungvolk, in der Hitlerjugend war er nicht. Obwohl viele seiner Freunde dabei waren. »Das Marschieren und die Geländespiele waren schon tolle Sachen, die man als Jugendlicher natürlich miterleben wollte«, sagt er.

Froh sei man gewesen, als der Krieg schließlich vorbei war: »Das war eine sehr schlechte Zeit.« Zwei seiner Onkel verlor Hans Angerer im Krieg. 1957 ging er zur Bundeswehr - freiwillig. Später machte er sich dann selbstständig. Und zog langsam, aber sicher den Familienbetrieb, das Autohaus »Angerer«, hoch, der heute in zweiter Generation vom Sohn weitergeführt wird.

Die Dokumentation Obersalzberg sucht auch weiterhin Zeitzeugen aus der Region, die über Erlebtes berichten möchten. Melden können sich diese bei Nina Riess unter Telefon 08652/9479622 oder per Mail unter riess@ifz-muenchen.de. kp