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Umstrittene Entscheidung: Priener Gemeinderat änderte seine Meinung mit knapper Mehrheit – Staudach-Egerndacher Künstler enttäuscht

Das »Biotop der Vergänglichkeit« von Carsten Lewerentz soll abgebaut werden

Seit November 2014 gibt es das viel diskutierte »Biotop der Vergänglichkeit« von Carsten Lewerentz im idyllisch gelegenen Eichental der Marktgemeinde Prien. Obwohl der Künstler die Installation im Auftrag der Gemeinde angefertigt hat, soll sie nun mit knapper Mehrheit des Gemeinderats wieder abgerissen und ver-nichtet werden.

Die Gambionenwand im Eichental bei Prien am Chiemsee und davor der vom Zahn der Zeit ausgehöhlte Baumstamm einer uralten Eiche – das Kunstwerk von Carsten Lewerentz soll nun abgerissen werden. (Foto: Giesen)

Das Kunstwerk besteht aus einem uralten, riesigen Eichenstamm und unmittelbar davor einer halbrunden, etwa vier Meter langen, etwa mannshohen Gabionenwand (wie sie heute oft als Schallschutzmauer, mit Steinen gefüllt, verwendet wird). Das Metallgerüst ist gefüllt mit acht Kubikmeter der verschiedensten Gegenstände, die nicht mehr gebraucht werden – alte Bücher, Kleider, Stofftiere, Hausrat, Werkzeuge, unbrauchbare Sport- und Musikinstrumente – der gesammelte Hausrat mehrerer Jahrzehnte. Das Halbrund der Wand soll die Jahresringe der Bäume andeuten.

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Unterschiedliche Verrottungsprozesse

Die Idee des Künstlers war es, dem natürlichen Verrottungsprozess der alten Eiche die viel langsamere Veränderung der künstlichen, menschlichen Hinterlassenschaften gegenüberzustellen. Auf einer Informationstafel erklärt der Künstler seine Intention. Mit der Installation wird der Betrachter unwillkürlich auf nahe liegende Fragen geführt. Was passiert mit diesem von Menschen produzierten »Müll«, der sich nicht – wie offensichtlich die alte Eiche in den natürlichen Kreislauf des Werdens und Vergehens einfügt. Auch in dieser »Naturinstallation« kann der Prozess der Verrottung in Wind und Wetter bei gleichzeitiger Neubelebung der Mikroorganismen, Pflanzen und Kleintieren beobachtet werden. Was wird mit den aus unverrottbarem Kunststoff gefertigten Dingen oder denen aus Metall passieren? Wie hilft sich die Natur hier?

Ausgangspunkt der Installation war eine herrliche alte Eiche, die viele Jahrzehnte am Herrenberg in Prien stand, deren Stamm aber so morsch und ausgehöhlt war, dass die Gemeinde ihn aus Sicherheitsgründen fällen lassen musste, dem Besitzer abkaufte und an diese Stelle nahe bei den Tennisplätzen im Eichental halb eingraben ließ. Für das gesamte Kunstprojekt, für das es auch Fördergelder aus dem EU-«Leader« Programm gab, bezahlte Prien dem Künstler 6500 Euro. Dazu kommen Materialkosten für das Gitter und Eigenleistungen der Gemeinde.

Von Anfang an, bereits beim Aufbau der Installation, löste die Installation ganz gegensätzlich Reaktionen bei den Spaziergängern in dem beliebten Naherholungsgebiet aus.

Kommentare im Internet, Leserbriefe und Briefe an den Künstler spiegeln inhaltlich auch die Debatten im Priener Gemeinderat wider: Manche halten die Installation einfach für »schiach«, »sowas ist keine Kunst« oder eine »Verschandelung der schönen Landschaft«. Aber es gab und gibt auch viele sehr positive Reaktionen. Ein Mann aus Norddeutschland wandte sich zum Beispiel an den Priener Bürgermeister Jürgen Seifert, um ihm zu gratulieren, dass ein so kleiner Ort so »wegweisende Kunst« produziert »wie in einer Stadt der Weltausstellung«. Oder Kommentare im Internet: »Die Installation spricht mir aus der Seele, ein Gewinn für Prien«, »eine spannende Idee!«, »end-lich – das öffnet einem mal die Augen!«

Im Januar 2015 beschloss der Priener Gemeinderat, noch ein Jahr abzuwarten und dann wieder über die Zukunft des Kunstwerks zu entscheiden. Nachdem ein Jahr später, im Januar 2016, mit knappster Mehrheit des Gemeindeparlaments die Installation erst an einer anderen Stelle wieder aufgebaut werden sollte, beschloss das Gremium kürzlich, es ganz abzureißen.

Wie leicht nachzuvollziehen ist Carsten Lewerentz sehr ent-täuscht, denn das »Biotop der Vergänglichkeit« war ja gerade auf Dauer angelegt: Interessant wäre es, zu sehen, wie es weitergeht, wie zum Beispiel die Wand zuwächst, wie sich Grünzeug und Büsche ansiedeln oder Vögel und Eidechsen einziehen. Efeu wächst bereits jetzt. »Mit Vandalismus hätte ich schon gerechnet«, sagt Carsten Lewerentz im Gespräch mit unserer Zeitung, »aber nie damit, dass die gleichen Leute, die das Werk in Auftrag gegeben haben, es wieder kaputt machen.«

Sicher habe die Gemeinde das Recht, die Arbeit zu vernichten, weil es ihr Eigentum ist, sagt Lewerentz. Aber laut Urheberrecht dürfe sie es nicht verändern und an einem anderen Standort aufstellen. Auch der Stamm dürfe nicht dort liegen bleiben, denn »Gabionenwand und Stamm sind eine Einheit«, erklärt der Künstler. Auch aus der Gabionenwand dürfe nach dem Abbau nichts verwendet werden, zum Beispiel eine Trommel von Carl Orff oder eine von Lewerentz selbst geschnitzte Madonna. All das müsse dann komplett vernichtet werden. Lewerentz weist auch darauf hin, dass die Förderstelle für die Leader- Zuschüsse für den Fall einer Umsetzung oder eines Abbaus eine Einzelfallprüfung angekündigt habe. Üblicherweise besteht für ein gefördertes Kunstwerk eine Zweckbindung von zwölf Jahren. So könnte der Abbau der Installation auch finanzielle Folgen für den Markt Prien haben.

Gegensätzliche Reaktionen

Viele Kunstfreunde äußerten ihr Unverständnis bis hin zu Entsetzen nach der jüngsten Entscheidung des Priener Gemeinderats, wie es viele Kommentare in Briefen und Internet beweisen. Ein Beispiel ist ein offener Brief des Kunstvereins Traunstein, in dem es unter anderem heißt: »Wir kritisieren ganz entschieden den Umgang der Priener Kommunalpolitiker mit dem von ihnen zunächst angekauften Kunstwerk, welches gerade an diesem Platz seine volle Berechtigung hat.« Der Priener Gemeinderat habe mit seiner Entscheidung eine große Chance vertan. Anstatt sich zu einer inhaltlichen Position zu bekennen und Stellung zu beziehen, werde nun ein zur kritischen Auseinandersetzung provozierendes Kunstwerk entfernt. »Kunst muss nicht mehrheits-fähig sein, und es ist nicht Aufgabe der Kunst, zu gefallen. Andernfalls dominieren Dekoration und marktfähige Durchschnittlichkeit«, heißt es in dem Schreiben weiter, unterzeichnet von Vorstand und Beirat des Kunstvereins Traunstein.

Carsten Lewerentz erfuhr aus der Priener Zeitung von dem Beschluss des Gemeinderats, sein Kunstwerk zu entfernen. Erst eine Woche später kam ein Schreiben von der Gemeinde an ihn mit dem Hinweis, dass ihm der Zeitpunkt für den Abriss mitgeteilt werde.

Noch weiß Carsten Lewerentz nicht genau, wie er weiter vorgehen will, ob er eventuell Ansprüche auf Schadenersatz geltend macht. »Mir geht es nicht ums Geld. Ich bin keiner, der sich gerne streitet. Das nimmt mir meine positive Arbeitskraft für all die Sachen, die ich in Zukunft machen möchte«, sagt er im Gespräch. Sicher ist, dass kaum ein Kunstwerk in unserer Region in den letzten Jahren die Gemüter so erhitzt und Anlass zu so kontroverser Diskussion gegeben hat – auch ein Wert an sich! Christiane Giesen