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»Das ist Musik für die Augen«

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Blick in den Chorraum der Klosterkirche mit dem Blick auf den Lorentz-Chinateppich aus der Epoche des Kaisers Kang Hsi von Anfang des 18. Jahrhunderts an der Stirnseite. (Fotos: Effner)

Mit einer Ausstellungs-Rarität von besonderer Qualität sorgt die nach umfassender Renovierung wiedereröffnete Klosterkirche in Traunstein derzeit für Gesprächsstoff über die Region hinaus.


Im Rahmen der Jahresausstellung der Kulturfördervereinigung ARTS zeigt dort noch bis 6. Oktober das Ehepaar Silke und Roland Weise aus dem Chiemgau unter dem Motto »Botschafter aus dem Orient« Höhepunkte aus seiner Privatsammlung der textilen Kunst des Orients. Die gesammelten Objekte umfassen einen Zeitraum von 2000 Jahren.

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Zur bisher noch nie in der Öffentlichkeit gezeigten »Collection Weise« gehören geknüpfte Teppiche aus höfischen und städtischen Manufakturen ebenso wie Kelims und andere Flachgewebe, Taschen, textiler Zeltschmuck und Reitertextilien nomadischer Herkunft. Für die Auswahl kostbarer antiker Seidenstoffe, Seidenstickereien und Samte zeichnet vor allem Silke Weise verantwortlich.

Von Marokko bis China

Nahezu alle Länder des Nahen und Fernen Ostens mit textiler Historie sind vertreten: Von den klassischen Teppichländern Persien und Türkei über den Kaukasus zu den Ländern der Seidenstraße Turkmenistan und Usbekistan, Indien, Tibet, China bis nach Indien, Marokko und Ägypten reicht das Spektrum. Allein drei Exponate verfügen über eine wissenschaftlich gesicherte Radiocarbon-Datierung aus dem 1. Jahrhundert vor Christus. Die jüngsten Stücke stammen aus der Zeit um 1900. Zu sehen sind rund 120 Stücke mit Schwerpunkten auf frühen Fragmenten aus dem 14. bis 17. Jahrhundert und Sammler-Teppiche aus der Zeit um 1800.

Internationale Experten auf »Alpentour«

Bereits vor der Vernissage hatte die eindrucksvolle Schau für Aufsehen gesorgt: Im Rahmen der Alpentour der internationalen Teppichkonferenz machten 50 Sammler, Museumsleute und Wissenschaftler nach Stationen in fünf renommierten Museen Halt in Traunstein. Die hohe Qualität der Exponate und Einzigartigkeit einiger Stücke begeisterte die Experten aus zehn Ländern.

»Die Farben der Teppiche sind wie Musik für die Augen«, zitiert Roland Weise im persönlichen Gespräch den französischen Historienmaler Eugène Delacroix. Bereits als junger Mann hat ihn die Sammelleidenschaft erfasst, gesteht er. Sie begann mit einem Studenten aus Teheran, der eines Tages vor dem Elternhaus in Schweinfurt stand und dem Vater zur Finanzierung seines Medizinstudiums einen Afschar-Stammesteppich zum Verkauf anbot. Damals fing Roland weise quasi Feuer, wollte mit seinem Faible für Kunstgeschichte die Historien hinter diesen vielfarbigen Wunderwerken der Knüpfkunst mit Hand und Kopf »begreifen«.

Als ehemaliger Chef der Media-Saturn-Holding war er später für 800 Markt­filialen und 60 000 Mitarbeiter verantwortlich und weltweit unterwegs. Immer wieder ergab sich Gelegenheit, auf Auktionen und bei ausgewählten Händlern Raritäten, wunderschöne Einzelstücke und Teppiche mit langer Geschichte zu erwerben. Das dichte Netzwerk aus Experten der Teppichwelt war hilfreich, wenn besondere Stücke angeboten wurden. Das intensive Studium der Materialien, Muster, Farben und der Kulturgeschichte half Weise dabei nicht nur, Top-Exponate zu erkennen, sondern auch tief in das Wissen untergegangener Kulturen einzudringen.

Raritäten aus tibetischen Klöstern und der UdSSR

In der Ausstellung erklärt Weise mit der Leidenschaft des Sammlers, wie sich mit dem Zusammenbruch der früheren UdSSR und später mit der Auflassung tibetischer Klöster, die an der historischen Seidenstraße lagen, zeitlich begrenzte Chancen zum Erwerb historisch einmaliger Kunstwerke aus dem Orient eröffneten. Zu den Raritäten der Sammlung zählen zwei Fragmente mit Weltebenen, Weltenbaum und Schildkrötenbau von Anfang des 15. Jahrhunderts. Nicht weniger Faszination übt das Fragment eines anatolischen Tierteppichs aus dem 15. Jahrhundert aus. Einige dieser raren, mit mythischen Tierfiguren verzierten Stücke sorgten in den 90er-Jahren für Aufsehen und liegen heute in Museen in New York und Doha.

Eine »Geschichte mit Aura« verbirgt sich hinter dem Tekke Gitter-Teppich, der Anfang des 19. Jahrhunderts in Turkmenistan entstanden ist. Das »Juwel extrem feiner Knüpfkunst« voll leuchtender Farben wurde wohl zur Hochzeit in der Brautsänfte verwendet, gelangte über einen englischen Leutnant im Krimkrieg nach Indien und Südafrika und über einen Sammler schließlich in die Collection Weise.

Nicht weniger Begeisterung wecken ein um 1898 datierter, persischer Kaschan-Seidenteppich mit Schriftzeichen, Weltenbaum und Tiermustern, ein Seidensamt-Exponat mit Silberstickereien aus Indien, eine architektonisch anmutende Susani-Seidenstickerei aus Usbekistan oder das Fragment eines wohl Mitte des 15. Jahrhunderts entstandenen Teppichs mit Holbein-Muster aus Indien. Es verweist auf die Benennung einer Gruppe meist anatolischer Teppiche, die auf Bildern des deutschen Porträtmalers Hans Holbein den Jüngeren (1497 bis 1543) zu finden sind.

Die Ausstellung »Botschafter aus dem Orient« ist bis 6. Oktober, jeweils Mittwoch, Donnerstag und Freitag von 13 bis 18 Uhr sowie am Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Führungen sind jeweils am Sonntag um 14 Uhr.

Axel Effner

Italian Trulli