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Das »Kindchen« war ein echter Kerl

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Ein Trotzkopf war Elisabeth Mann Borgese schon als Zweijährige – hier auf dem Arm ihres »Signorpapale« Thomas Mann. (Foto: Hans Gärtner)

So lange ist es gar nicht her, dass Elisabeth Mann Borgese, Thomas Manns 1918 in München geborene erklärte Lieblingstochter, die Medaille »München leuchtet« von OB Christian Ude ausgehändigt bekam: 1999. Ein Jahr später wurde ihre schöne Lesung in ihrer Geburtsstadt von BR Alpha aufgezeichnet. Der Film ist Teil des Begleitprogramms der neuesten Literaturhaus-Ausstellung »Elisabeth Mann Borgese und das Drama der Meere«, die von Lübeck übernommen wurde.


An den einzelnen Mann-Kindern arbeitet man sich - meist zuerst im Buddenbrookhaus zu Lübeck, kurz darauf in München - allmählich ab. Dabei blieb das jüngste und »Signorpapales« liebste Kind, zärtlich »Kindchen« genannt, stets im Hintergrund. Ganz zu Unrecht, wie sich sofort herausstellt, wenn man die leider textlich überfrachtete Schau durchschreitet. Sieben Stationen sind zu absolvieren, wobei man dem bläulichen Nordpfeil am Fußboden folgen kann. Von einem hellen geht es in ein immer dunkler werdendes Blau des gestalterischen Umfelds für all die Dokumente, Relikte, Schriftstücke, Buchausgaben und Filme - klar, es handelt sich bei der Gefeierten um eine berühmte Meeresforscherin. Als solche war Elisabeth Mann Borgese ein ganzer Kerl. Der Terminus trifft auf das Mädchen Elisabeth insofern zu, als an ihm, wie sich anhand von Bildern, aber auch Aussprüchen und Ansprüchen, die sie als Forscherin stellte, ein Junge verloren gegangen scheint.

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Das Fernsehpublikum konnte sich ein gutes Bild von Elisabeth Mann Borgese machen anhand des Doku-Dreiteilers »Die Manns« von Heinrich Breloer. Der Regisseur hatte das große Glück, die Grande Dame der Ozeanologie in ihrer Unverwüstlichkeit, Herbheit und wissenschaftlichen Stringenz noch persönlich vor die Kamera zu kriegen - bevor sie, noch vital und voller Energie, unerwartet 2002 beim Schilaufen im Engadin verunglückte und starb. Breloer war zur Vernissage nach München gekommen und hatte immenses Publikumsinteresse. Dieses dürfte aber nicht weniger der trotzköpfigen Elisabeth Mann gehört haben und gehören, deren ungewöhnlicher Lebensweg mit zahlreichen (ziemlich schrägen) Wohn- und Studienstationen bis zur ungewöhnlichen Heirat der 20-Jährigen mit dem 36 Jahre älteren italienischen Schriftsteller und »Weltverbesserer« Guiseppe Antonio Borgese spotartig aufscheint. Das Prosa-Werk der ehemaligen Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Halifax (Kanada), Hundezüchterin, Pianistin, Tierfreundin, Weltbürgerin, Seerechtsgelehrten und des (ersten weiblichen) Mitglieds des »Club of Rome« ist es wert, stärker als bisher ins Blickfeld gerückt zu werden. All derer vor allem, die glauben, von Ökologie und Nachhaltigkeit in Sachen Rettung der Ozeane sei erst seit kurzem ernsthaft die Rede. (Bis 2. Juni, Katalog im mare Verlag, Hamburg) Hans Gärtner