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Das Leben im Spiegel des Kreuzwegs

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Wartende, Frierende, Reisende, Hungernde, Liebende, starke Frauengestalten, Geschlagene und Klagende, der Eine zu Unrecht Verurteilte, Mitleidende, Täter und stumme Mitläufer aller Zeiten: In ihren Kreuzwegbildern holt die ungarische Künstlerin Dávid Mária Kiss den Kreuzweg Jesu mitten in unser Leben, lässt uns Teil davon sein. Bis einschließlich Karfreitag können die großen, lebhaft-bewegten Holzschnitte in einer Sonderausstellung der Bibelwelt täglich kostenlos von 8 bis 18 Uhr in der Kirche St. Elisabeth in der Plainstraße 42 in Salzburg besichtigt werden.


Unter dem Titel »LEBENS.SCHREI« stellte Dávid Mária Kiss menschliche Grunderfahrungen, Grundsituationen, zum Teil Archetypisches dar. Die Bilder stammen aus der Kunstsammlung Mandozzi/Schwarz. Die Künstlerin stellt die sich immer wiederholenden Grausamkeiten in dieser Welt schonungslos dar. Ein besonderes Licht wirft sie auf die Menschen im Umkreis der Gewalt. Sie sind geneigt, »sehenden Auges« wegzuschauen. Sie erstarren gesichtslos, wie es eindrucksvoll in einem der stark auf das Wesentliche konzentrierten und reduzierten Holzschnitte dargestellt ist. Der Liegende, der auf dem Kreuzweg gestürzte Jesus, krümmt sich zusammen und streckt vergebens eine Hand zu den schwarzen, teilnahmslosen Gestalten aus.

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Warum so wenig Aufschrei dagegen? Diesen Fragen ging die 1956 aus Ungarn geflohene Künstlerin in ihren Kreuzwegbildern nach. 33 lange Jahre nach ihrer Flucht stellte sie sich ihren eigenen Erfahrungen der Diktatur und prägte diese bildlich in den letzten Weg Jesu ein.

Geboren 1930 in Székesfehérvár in Ungarn, legte Kiss 1949 das Lehrerdiplom ab. Aufgrund eines Arbeitsverbots musste sie sich ab 1950 als Hilfsarbeiterin verdingen und wurde 1953 Bibliothekarin. An der Abendschule studierte sie Kunst und floh 1956 nach Westen. Dort studierte sie ab 1957 an der Akademie der Bildenden Künste München als Meisterschülerin in der Klasse von Charles Crodel und absolvierte 1963 das Künstlerdiplom mit Auszeichnung.

Ausstellungen hatte die Malerin ab 1964 in Frankfurt (Galerie Daberkow), New York (Gordon’s Fifth Avenue Gallery), Boston, München, Prag, Berlin, Paris, Leiden, Wuppertal, Osnabrück, Marienburg, Budapest, Székesfehérvár, Melbourne, Frankenthal, Köln, Münster und an vielen anderen Orten. Ihre Bilder befinden sich in vielen in- und ausländischen, privaten und öffentlichen Sammlungen. 2002 verstarb Dávid Mária Kiss im westfälischen Münster inmitten eines ungebrochenen künstlerischen Schaffens.

Nachdenklich macht auch, dass sich Mária Kiss den männlichen Vornamen Dávid gab, um künstlerische Anerkennung zu gewinnen. Die Missachtung weiblicher Schaffenskraft ist auch eine Gewaltgeschichte, die sich durch die Jahrhunderte zieht. Die »traurige« Rechnung von Mária Kiss ging auf. Der »Mann« hinter ihren Bildern bekam den angemessenen Erfolg.

In der Bibelwelt (www.bibelwelt.at) kann im Shop zu den regulären Öffnungszeiten von Donnerstag bis Montag von 10 Uhr (sonntags ab 11 Uhr) bis 18 Uhr ein Spezialkatalog über die Künstlerin erworben werden. Mit Texten der Theologin Vera Krause und der Klarissinnen-Äbtissin Ancilla Röttger und den tiefgehenden, in der schlichten Elisabethkirche stark wirkenden Bildern lädt der Katalog ein, sich mit der eigenen und der fremden Not auf das Geschehen einzulassen.

Gruppen können unter Telefon 0043/676/87467080 oder per Mail unter bibelwelt.at@gmail.com Sonderführungen buchen. Veronika Mergenthal

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