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Das Nachspiel eines schrecklichen Sportunfalls

Berchtesgaden - Dreieinhalb Jahre sind vergangen, seit die damals 20-jährige russische Bremserin Irina Skworzowa bei einem Bobunfall auf der Kunsteisbahn am Königssee schwer verletzt wurde. Während das Strafverfahren gegen den angeklagten Startleiter aus Schönau am Königssee nach dessen freiwilliger Zahlung von 20 000 Euro an die schwer gehbehinderte Sportlerin eingestellt wurde (wir berichteten), geht das Ringen zwischen dem nationalen Verband BSD und dem internationalen Verband FIBT um eine Entschädigungszahlung im Rahmen eines Zivilverfahrens weiter. Mittlerweile signalisiert der BSD Kompromissbereitschaft, doch bei der FIBT heißt es: »Kein Kommentar«.

Thomas Schwab möchte nicht, dass sein Verband BSD als Alleinschuldiger am Bobunfall dasteht. Vielmehr hofft der Sportdirektor auf ein Einlenken des internationalen Bobverbandes. Fotos: Anzeiger/Wechslinger

Der folgenschwere Unfall hatte sich am 23. November 2009 beim Training für ein Europacuprennen ereignet. Weil ein Ampelsignal missachtet worden war und sich fatalerweise zwei Bobs zur gleichen Zeit in relativ geringem Abstand auf der Bahn befanden, kam es nach einem Sturz des Damenbobs zum Zusammenstoß am Bahnende. Der russische Herrenbob prallte mit voller Geschwindigkeit in den Damenbob.

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Zwei Gerichtsverhandlungen brachten bisher keine endgültige Lösung in finanzieller Hinsicht. Denn die Anwälte der Russin fordern viel Geld. Im Gespräch ist eine Summe von über 1 Million Euro für Behandlungskosten, Schmerzensgeld und Rente.

Doch der Internationale Bobverband FIBT sieht keine Notwendigkeit seine Versicherung einzuschalten, was den Sportdirektor des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland, Thomas Schwab, zornig macht: »Es wird höchste Zeit, dass es eine Klärung in der Sache gibt und die Sportlerin eine größere Geldsumme erhält. Bisher konnte sich Irina Skworzowa nur ihre Wohnung etwas behindertengerecht herrichten lassen. Der internationale Bobverband lehnt eine Entschädigung durch seine Versicherung kategorisch ab, was ich nicht nachvollziehen kann«. Schwab räumt zwar ein, dass die Forderungen aus Russland im Vergleich zu ähnlichen Fällen überzogen seien, macht jedoch deutlich, dass die Sportverbände FIBT und BSD die volle Verantwortung für die Angelegenheit zu übernehmen hätten.

Der Jury-Präsident des internationalen Bobverbandes FIBT habe die Funktion des Startleiters übernommen, so Thomas Schwab zum »Berchtesgadener Anzeiger«. Dabei habe er einen Fehler gemacht, der jedem Menschen passieren könne, so der Sportdirektor, der es bedauert, dass zwischen seinem Verband BSD und dem internationalen Bobverband FIBT eine außergerichtliche Einigung nicht möglich gewesen sei. Dabei hatte Schwab mehrfach signalisiert, eine Mitverantwortung zu übernehmen. »Die Versicherung des beklagten FIBT-Funktionärs und unsere Versicherung sollten sich einigen. Wie das prozentual aussieht, ist mir gleich. Wir können die Haltung der FIBT überhaupt nicht verstehen, dass wir zu einhundert Prozent für einen Fehler eines anderen verantwortlich gemacht werden sollen«, befindet Schwab. »Wir möchten nicht als Alleinschuldige des Unfalls dastehen«.

Thomas Schwab hatte von der FIBT eine kurze Nachricht erhalten, dass es keinen Vergleich geben werde. Vonseiten der FIBT habe sich bisher nur der Rechtsanwalt geäußert, aber nie ein Offizieller, bedauert Schwab und fügt an: »Ich kenne den derzeitigen Verbandspräsidenten als stets fairen Sportsmann und kann mir nicht erklären, warum er sich in dieser Sache so verhält.«.

Der Veranstalter hatte an jenem Tag zwei ehrenamtliche Startleiter in Funktion: Einen am Herrenstart und eben einen für den 182 Meter tiefer gelegenen unteren Start bei der S1-Kurve, den jedoch der FIBT - Funktionär übernommen hatte. Der später verunglückte Bob war nach Aussage des angeklagten FIBT-Funktionärs nach Lautsprecherdurchsage und nicht nach Ampel gestartet. Dass überhaupt von zwei Starthöhen abgefahren werde, liege am fehlenden Können mancher Nationen. »Da fahren ja zum Teil Anfänger mit, auch da muss sich die FIBT Gedanken machen«.

Trotz roter Ampel startete der russische Damenbob zum gleichen Zeitpunkt wie vom regulären Bobstart ein russischer Herrenbob. Der Damenbob kippte nach der Ausfahrt Kreisel ins Labyrinth und schlitterte mit Geschwindigkeitsverlust auf der Seite dahin. Bei der Ausfahrt Echowand schoss der Herrenbob mit voller Wucht in den Damenbob und schob diesen noch gut 50 Meter leicht bergauf.

Um genau solche Unfälle zu vermeiden, gibt es seit Langem eine mechanische Schranke, die verhindert, dass ein Bob bei roter Ampel starten kann. Doch das System funktioniert nach drei Jahren immer noch nicht so, dass man ihm vertrauen kann. »Die Schrankenanlage werden wir erst in der Saison 2014/15 in Betrieb nehmen können«, erklärt Schwab zum Problem Sicherheit. »Wir werden dann auch die ersten mit einer derartigen Anlage sein, leider aber in diesem Fall um einige Jahre zu spät«.

Vonseiten des Internationalen Bobverbandes FIBT gab es auf Nachfrage der Heimatzeitung keine Stellungnahme, weil es sich um ein schwebendes Verfahren handle. Der nächste Termin in dieser Angelegenheit ist im April, bei dem eruiert werden soll, ob die im Strafverfahren gemachten Aussagen der russischen Zeugen auch im Zivilverfahren Verwendung finden können. Der nächste Verhandlungstag ist für Mai geplant. Christian Wechslinger